Aachen - Höhen und Tiefen in 150 Jahren Tuchindustrie: Neues Buch

Höhen und Tiefen in 150 Jahren Tuchindustrie: Neues Buch

Von: angela Delonge
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Glücklich und zufrieden: Klaus Peters, Marga van den Heuvel und Jochen Buhren (von links) präsentieren das neue Buch über die Geschichte der Tuchindustrie in der Region. In Gold gerahmt: Peters‘ Großmutter Martha Peters, geborene Lochner. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Am Anfang war das Wasser. Flüsse wie die Weser in Eupen und Verviers, die Rur in Monschau und Düren, die Wurm, die Inde, die Pau, der Johannis- und der Wildbach in Aachen – Flüsse, die heute im besten Fall noch unter Freizeitaspekten eine Rolle spielen.

Doch ihr gutes, reines Wasser war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Voraussetzung für die Ansiedelung der industriellen Tuchindustrie in der hiesigen Region. Damit war der Grundstein für einen überaus prosperierenden Wirtschaftszweig gelegt, der Arbeit und Wohlstand in die Region brachte.

Fast 150 Jahre lang waren die Tuchindustrie und die Familien der Tuchfabrikanten prägend für das Gebiet zwischen Eupen und Düren. Es wurde untereinander geheiratet, Dynastien bildeten sich – Lochner, Schoeller, Fremerey, Clermont, Pastor und Peters, um nur einige zu nennen. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg existierten rund um Aachen, Düren und Euskirchen rund 100 Tuchfa­briken. Heute keine einzige mehr.

Die Höhen und Tiefen der Tuchindustrie in Aachen und Eupen in der Zeit von 1830 bis 1970 beleuchtet jetzt ein Buch, das auf Initiative von Klaus Peters, einem der Nachfahren des Eupen-Aachener Tuchfabrikanten Wilhelm Peters entstanden ist.

Der Titel „Das feine Tuch“ spielt auf die hohe, „englische“ Qualität der einst hier produzierten Tuche an; das Buch ist somit weit mehr als die Familienchronik eines Privatunternehmers. Auf 256 Seiten hat ein wissenschaftliches Autorenteam um Herausgeberin Marga van den Heuvel ein Nachschlagewerk zur Tuchindustrie erarbeitet, wie es das zuvor noch nicht gegeben hat.

Erzählt wird die Geschichte einer Reihe von Tuchfabrikanten, beginnend mit der Tuchfabrik Wilhelm Peters & Cie. in Eupen. 1837 hatte der Stammvater der Dynastie, Adolph Friedrich Wilhelm Peters, mit einer Lohnweberei den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – im Alter von nur 23 Jahren. Dabei stand dem Halbwaisen sein Onkel David Hansemann zur Seite – nicht nur als Ratgeber sondern auch als finanzieller Unterstützer. Hansemann ließ dem jungen Mann das Startkapital unter anderem in Form von Wolle zukommen.

Doch die Geschäfte liefen zunächst schlecht. Erst die 1850er Jahre brachten den Durchbruch, nachdem Wilhelm Peters eine leistungsfähige Dampfmaschine und die ersten mechanischen Webstühle angeschafft hatte.

Detail- und kenntnisreich dokumentieren die Autoren die Peters‘sche Familiengeschichte. Dies ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass sie Einblick in die lückenlos vorhandenen Familienchroniken nehmen konnten, die bisher unveröffentlicht waren. Autoren wie auch ein engagierter familiärer Arbeitskreis sichteten das Material. Der Arbeitskreis, dem auch Urenkel Klaus Peters angehörte, legte die Themenschwerpunkte fest und steuerte Informationen und Daten aus dem familiären Umfeld bei.

Sowohl Recherche als auch Erstellung des Buches wurden von der Aachener Neuman & Esser-Stiftung der Familie Peters finanziert, die 2005 schon die Restaurierung des Aachener Lochner-Tors, einem Symbol für den Reichtum der Tuchindustrie, finanzierte. Klaus Peters als deren Vorstandsvorsitzender hat nun das Buchprojekt initiiert. Er möchte, dass Geschichte nicht vergessen wird. Die Tuchindustrie, sagt er, sei ein Synonym für unternehmerische Leistung über mehr als 150 Jahre. „Wir wollten zeigen, wie Unternehmer handeln müssen, um weiter bestehen zu können.“

Gleichzeitig ist das Buch auch die Geschichte einer protestantischer Familie, die wie viele andere zu Beginn des 17. Jahrhunderts von der freien katholischen Reichsstadt Aachen mit beruflichen Sanktionen belegt wurde. Sie wurden praktisch herausgedrängt und mussten sich anderswo niederlassen. Für die Familie Peters war dieser Zufluchtsort das belgische Eupen, das wiederum nach 1815 zusammen mit Aachen zur Westprovinz Preußens wurde. Ein neuer Absatzmarkt war geschaffen.

Die Geschichte der Tuchfabrikantenfamilie Peters zeigt in eindrucksvoller Weise, welche Herausforderungen die Unternehmer in den vergangenen 200 Jahren zu meistern hatten: Drei Kriege wurden geführt, dreimal wurden neue Grenzen gezogen – und immer hatten sich die Tuche aus der Aachener Region wegen ihrer Gediegenheit und Güte erfolgreich behaupten können.

Das letzte Tuch gewebt

Doch letztlich war der Niedergang der Tuchindustrie nicht aufzuhalten. Stoffproduzenten aus Südeuropa produzierten seit den 1950er Jahren wesentlich preiswerter als die heimischen Unternehmen, die gleichzeitig Investitionen zur Modernisierung ihrer Betriebe scheuten. So wurde Ende 1970 bei Wilhelm Peters & Cie. in Eupen das letzte Tuch gewebt. Die Produktion im Firmenteil an der Aachener Ottostraße war schon seit 1961 eingestellt worden. Die Tuchherstellung in der Region sank zur Bedeutungslosigkeit herab. Die letzte Aachener Tuchfabrik, die Becker Textil GmbH, schloss 2012 ihre Pforten.

Das alles und noch viel mehr haben die Autoren von „Das feine Tuch“ zutage gefördert. Die Leiterin des Staatsarchivs Eupen, Els Herrebout, befasst sich mit gesellschaftlichen Aspekten der protestantischen Tuchmacherfamilien in Eupen, Herbert Ruland schaut auf die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und -nehmern.

Paul Thomes und Peter Quadflieg beleuchten als Wirtschaftswissenschaftler die Firmengeschichte der Tuchfabrik Wilhelm Peters. Hier findet sich auch die Verbindung zur Aachener Maschinenfabrik-Firma Neuman & Esser: Wilhelm Peters‘ jüngster Sohn Oscar tritt 1887 in die Firma ein und wird deren Alleininhaber. Neuman & Esser ist heute in Übach-Palenberg ansässig und wird in fünfter Generation von der Familie Peters geführt, bis 2007 von Klaus Peters.

Jochen Buhrens Beiträge über die Kunst des Färbens und die „Stadt des deutschen Tuches“ (Aachen) sind kleine Kostbarkeiten. Der Vorsitzende des Vereins Tuchwerk Aachen ist Lehrer und ein exzellenter Kenner der regionalen Wirtschaftsgeschichte.

Und schließlich die Villen: Baugeschichtler Lutz-Henning Meyer nimmt die zahlreichen, heute noch vorhandenen, Wohn- und Firmengebäude der Peters-Dynastie in den Fokus und führt den Leser in eine Welt architektonischer Kostbarkeiten.

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