Herbert Mataré: fast ein Nobelpreisträger

Von: Guido Jansen
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Herbert Mataré im Alter von 95 Jahren: Der Physiker war 2007 noch berufstätig. Foto: Jansen
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Vom Transistorradio zur Computerplatine: Die Erfindung von Herbert Mataré verstärkt elektrische Signale. Foto: stock/Imagebroker, Blickwinkel
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Vom Transistorradio zur Computerplatine: Die Erfindung von Herbert Mataré verstärkt elektrische Signale. Foto: stock/Imagebroker, Blickwinkel

Hückelhoven. Dass Herbert Mataré den Nobelpreis nicht gewonnen hat, war eher ein Versehen, eigentlich wäre es nur logisch gewesen. Als es noch überhaupt keine Radios gab, hat Mataré nachts heimlich Radio gehört, in seinem Elternhaus in Aachen, mit einem Empfänger, den er selbst gebastelt hatte, und der exakt in die Schublade seines Nachttisches passte. 1925, da war Mataré erst 13. Später wurde er Physiker, erfand 1948 den Transistor, ohne den die Entwicklung des heutigen Computer nie möglich gewesen wäre.

Aber die Firma, für die er arbeitete, erkannte das nicht und versäumte es, rechtzeitig das Patent anzumelden. Der Nobelpreis für die Erfindung des Transistors ging dann 1956 an drei Amerikaner, und Mataré gelang es, deswegen nicht zu verzweifeln.

2011 ist er gestorben. Bis vor wenigen Jahren pendelte Mataré zwischen seinen Wohnsitzen in Malibu/Kalifornien und Hückelhoven-Doveren hin und her. Morgen wäre er 101 Jahre alt geworden.

Ein früher „Nerd“

Herbert Mataré, aufgewachsen in der Kasinostraße in Aachen, war von klein an das, was man heute einen „Nerd“ nennen würde, eine Art Technikbesessener. „Andere Hobbies kannte er nicht“, sagt sein Sohn Victor heute. Für klassische Musik hat er sich begeistert, andere Interessen gab es nicht. „Physik war für ihn kein Beruf, sondern sein Leben.

Literatur zum Beispiel war für ihn reine Zeitverschwendung“, sagt sein Sohn. Der Unterschied zu vielen modernen Nerds: Die Technik, für die sich Mataré begeisterte, gab’s nur selten zu kaufen. Er baute sie als Kind einfach selbst, wie den Empfänger.

Abitur am Realgymnasium, das heute Couven-Gymnasium heißt, Physik-Studium an der TH Aachen, anschließend der Wechsel zur TH Berlin und zu Telefunken – so begann die Karriere. 1942 promoviert er in Berlin, 1950 folgte der zweite Doktortitel in Paris.

Später baute er unzählige Firmen mit auf, in Deutschland, aber vor allem in den USA. Zahlreiche Professuren wurden ihm angetragen, die Ehrenmitgliedschaft in wissenschaftlichen Verbänden und Preise. Als Berater arbeitete er, bis er Mitte 90 war, den Winter über in Malibu, im Sommer von Doveren aus.

Gewurmt hat es Herbert Mataré wohl Zeit seines Lebens, dass weder er noch sein Partner Heinrich Welker die Bedeutung dessen erkannt haben, was sie 1948 in Frankreich entdeckt hatten: den Transistoreffekt. „Wir mussten arbeiten, um zu essen, die Zeit raste. Das war eine Zwangslage, wir mussten liefern“, sagte Mataré 2007 im Gespräch mit unserer Zeitung. Zeit für Feinarbeit hatten nur die Amerikaner.

Der gebürtige Aachener arbeitete in den frühen 40er Jahren in Berlin für Telefunken. Radar war der Schwerpunkt, Forschung für den Krieg. Einen überzeugten Nazi hat Mataré nicht abgegeben, einen Widerständler aber auch nicht.

„Er hat immer mal wieder Probleme mit den Nazis gehabt“, berichtet der Physiker Kai Handel von den Ergebnissen seiner Forschungsarbeit, mit der er an der RWTH promoviert hat. Probleme bekam Mataré einerseits wegen vieler Kontakte ins Ausland. Zum anderen aufgrund seiner Familie. Sein Onkel, der berühmte, aus Aachen stammende, Bildhauer Ewald Mataré, galt im Dritten Reich als entartet.

Handel zählt Mataré zu den vielen jungen Wissenschaftlern der Nazi-Zeit, die noch nicht arriviert genug waren, um auszuwandern und sofort eine lukrative Stelle zu finden. „Deswegen hat er nur der Wissenschaft halber kollaboriert“, sagt Handel. Er wurde als unverzichtbar eingestuft und deswegen vom Kriegsdienst befreit. Er diente dem System, ohne von der Ideologie überzeugt zu sein.

In seinem Spätwerk hat sich der Physiker trotzdem in einigen Veröffentlichungen auch auf Abwege begeben. Mit Blick auf die deutsche Geschichte muss seine Forderung, dass die europäische Kultur aufpassen müsse nicht von anderen überrannt zu werden, aus heutiger Sicht problematisch erscheinen.

Mataré selbst aber hatte damals nüchtern die Zahlen der Bevölkerungsentwicklung analysiert. „Da hat er sich mit seiner mathematischen Logik auf dem Feld der Sozialwissenschaften einfach verrannt“, berichtet Victor Mataré aus vielen Diskussionen mit seinem Vater.

Äußerungen seines Vaters hätten schnell missverstanden werden können. Dabei habe er immer gesagt. „Dümmere Menschen als Nazis und Rassisten sind mir nie begegnet.“

Letzter Akt in Zürich

2011 entwickelte Herbert Mataré noch ein letztes Patent, mit dem der Wirkungsgrad von Solarkraftwerken gesteigert werden soll. Danach beschloss er, sein Leben zu beenden. Oder, wie Mataré es ausdrückte: „Ich muss diese Asymptote endlich abhacken“, so hatte er es seiner Frau auf einen Zettel geschrieben.

Eine Asymptote ist eine Kurve, die sich einem Wert immer weiter annähert, ohne ihn jemals zu erreichen. Mataré setzte sich also in einen Zug und fuhr nach Zürich, zu einer Organisation für Sterbehilfe. Dieser letzte Akt war seit Jahren geplant, in Zürich stand alles auf Abruf bereit.

Mataré, der Rastlose, hatte ihn aber immer wieder aufgeschoben. Drei Wochen vor seinem 99. Geburtstag war ihm die Diskrepanz zwischen seinem klaren Verstand und dem Verfall seines Körpers zu groß geworden.

„Er wollte nie Aufhebens machen um sich. Deswegen hat er auch gesagt, dass es nicht nötig ist, dass wir ihm nach Zürich folgen“, sagt Victor Mataré. Die Familie bestand darauf.

Seine Frau und sein jüngster Sohn waren dabei, als er ein überdosiertes Schlafmittel schluckte und starb, während aus den Lautsprechern Franz Liszts Klaviersuite „Funérailles“ erklang. In den Stunden zuvor sei er so entspannt und zufrieden gewesen wie schon lange nicht mehr, sagt sein Sohn.

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