Henning Evertz: Stimmungskanone mit Handicap

Von: Marco Rose
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Ganzer Stolz der Familie: Henn
Ganzer Stolz der Familie: Henning Evertz, Kinderprinz aus Stolberg-Vicht, mit Vater Wolfgang und Mutter Karin. Foto: Marco Rose

Stolberg. Henning schließt die Augen und lächelt. Dann geht es los. Das Knarzen der Dielenbretter durchbricht die Stille, Musik erfüllt für einen Moment den Raum. Henning stemmt seine Arme in die Seiten und marschiert los.

Ein Winken hier, ein Lächeln da. Gekonnt gibt er den Charmeur. Und dann das Lied. Sein Lied! Zuerst nur ein Summen, ein leises, ein lautes, dann singt er mit fester Stimme. Er steht jetzt nicht mehr im alten Forsthaus in Stolberg-Vicht, sondern direkt auf der Bühne, Hunderte Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Es ist sein großer Tag. Gestatten, Ihre Tollität Henning I. - Kinderprinz aus Vicht, kölsche Frohnatur, Schüler, Mensch mit Handicap.

Henning Evertz Geschichte beginnt vor etwa neun Jahren. Damals schenkt ihm seine Tante eine Höhner-CD. „Da war es um ihn geschehen”, erinnert sich seine Mutter Karin. Dem Kind sei die Liebe zum Karneval quasi in die Wiege gelegt worden; anfangs wohnte die Familie nämlich noch in Kerpen, Henning kam in Köln zur Welt.

Seit seiner Geburt lebt Henning mit dem Down-Syndrom. Wer ihn beobachtet, würde kaum sagen, dass er darunter leidet. Henning ist ein lebensfroher Zwölfjähriger, der manches weniger gut kann als seine Altersgenossen. Sprechen zum Beispiel. Es gibt aber Momente, da ist er ihnen weit voraus. Wenn es etwa darum geht, mit ungekünstelter Begeisterung auf der Bühne Karneval zu feiern. Seit dem vergangenen Jahr ist er Fahnenträger der KG Vicht - ein ehrenvolles Amt, das er mit Grandezza auszuüben weiß, wie er gestenreich erklärt. „Niemals, niemals darf sie hinfallen!”, sagt er.

Hennings Begeisterungsfähigkeit, sein unbestreitbares Talent als Stimmungskanone, es blieb nicht lange verborgen. Als er Anfang des Jahres in Zweifall mit seinen beiden Schwestern und der Vereinsfahne über die Bühne fegte, fiel er auch den Verantwortlichen der örtlichen Karnevalsgesellschaft auf. Ob er auch „Karnevalsprinz könne”, wollte man von seinen Eltern wissen. „Warum nicht?”, habe er geantwortet, sagt Vater Wolfgang, 46, Förster aus Vicht.

Für ihn ist die karnevalistische Karriere seines Sohnes der glückliche Höhepunkt einer nicht immer einfachen Kindheit, einer nicht immer einfachen Zeit für die ganze Familie. „Wir hätten so etwas früher niemals für möglich gehalten”, sagt Karin Evertz. Henning ist im Ort voll integriert. Er kann Fahrradfahren und Schwimmen, nimmt Schlagzeugunterricht in der Musikschule, führt trotz vieler Einschränkungen ein nahezu normales Leben. Eine Erfolgsgeschichte!

Bis zur feierlichen Proklamation übt Henning nun fleißig sein Lied, mit dem er in der Karnevalsession auftreten wird. Verständlich zu sprechen ist sein großes Problem, deshalb wird er auf der Bühne lediglich singen - was genau, wird noch nicht verraten. Nur so viel: Es ist die Adaption eines bekannten Ohrwurms der Höhner. Im maßgefertigten Kostüm die passenden, würdevollen Posen zu finden, ist dabei gar nicht so einfach. Denn Henning schneidet schon mal gerne einige Grimassen. „Wir sind natürlich sehr gespannt, wie er mit dem Druck umgehen wird, ganz alleine vor 400 Menschen auf der Bühne zu stehen”, sagt seine Mutter.

Die Familie hat viel Zeit geopfert, doch erst die kommenden Wochen werden richtig anstrengend: Zwei bis drei Auftritte pro Wochenende sind geplant - eine kräftezehrende Tour. Fester Bestandteil soll ein kleiner Auftritt der Karnevalsgesellschaft an seiner Schule sein, der Parzival-Schule in Aachen. Fettdonnerstag gehts mit dem Bus Richtung Hangeweiher - ein Dankeschön für die Unterstützung der Schule und ihrer Förderer. Drei Umzüge stehen zudem auf dem Programm. Wolfgang Evertz wird dazu eigens den Förster-Unimog zu einem Prinzenwagen umbauen, worauf Henning schon mächtig stolz ist. Nun heißt es in Vicht: Mitfiebern bis zum 12. November - dann gehts los!
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