Aachen - Henkel-Show in Aachen: „Der Euro ist dabei, Europa zu spalten”

Henkel-Show in Aachen: „Der Euro ist dabei, Europa zu spalten”

Von: Marco Rose
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Umstritten: Hans-Olaf Henkel.<br />
Umstritten: Hans-Olaf Henkel.

Aachen. Talkshow-Tourist, Euro-Sarrazin, neoliberaler Populist: An klangvollen Beinamen mangelt es Hans-Olaf Henkel nicht. Schmeichelhaft sind die wenigsten davon.

Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) präsentiert sich seit jeher am liebsten als unbequemer Querdenker. Bei Maischberger, Plasberg und Co. hat er über Jahre mit viel Verve die Rolle des neoliberalen Unsympathen besetzt. Mit diesen Spielchen soll aber nun Schluss sein, Henkel will mehr. Mehr Aufmerksamkeit; mehr Zuspruch; er will mehr bewegen.

Deshalb steht er am Vorabend des historischen EU-Gipfels in Brüssel auf einer Bühne der Bischöflichen Akademie in Aachen. Deshalb spricht er am Freitag in Hamburg, am Samstag in Berlin. Deshalb holt er im Alter von 71 Jahren noch einmal zum großen Schlag aus. Den beginnt er mit einer Lebensbeichte: Ja, auch er habe früher für den Euro getrommelt, sagt Hans-Olaf-Henkel. Als Indus­trie-Lobbyist habe er seinerzeit vor allem die Exportvorteile deutscher Unternehmen im Blick gehabt. „Ich bekenne heute, dass dies mein größter Fehler war.” Ein unverhohlen triumphierender Blick in den Saal, vereinzelt Applaus. Während Henkel auf seiner Tour durch Deutschland sonst 22 Euro Eintritt verlangt, lauschen in Aachen ausschließlich Freunde und Förderer der kirchlichen Pax-Bank seinen Worten - nicht unbedingt ein Heimspiel für Henkel.

Die Frage nach seiner früheren Haltung ist ein wunder Punkt, er wird entsprechend schnell abgehandelt. „Mein Fehler lag darin, zu glauben, dass Politiker die Maas­trichter Verträge auch einhalten würden”, sagt Henkel. Die Stabilitätsversprechen von einst - alles Geschichte! Nickende Gesichter im Publikum.

Henkel fährt fort, berichtet von seinen eigenen Erfahrungen mit der US-amerikanischen Immobilienwirtschaft. Heftiges Nicken allenthalben. Nur wenige Minuten später hat er den Saal im Griff: Ohne Manuskript doziert der ehemalige Topmanager über die Krise. Henkels Analyse der Ursachen ist knapp und von bestechender Klarheit. Sein Vorwurf: Die Politik in Deutschland vermengt drei Krisen zu einer. Die Langzeitfolgen der Bankenkrise, die Schuldenkrise verschiedener europäischer Staaten und die Euro-Krise. Spätestens jetzt überschreitet Henkel die Linie zu dem, was allgemein als politisch inkorrekt gilt. Damit kokettiert er jedenfalls. „Die Tatsache, dass Mittelmeerstaaten wie Griechenland oder Spanien durch den Euro plötzlich an unsere niedrigen Zinsen herankamen, war fatal.” So habe etwa Athen bis zum Ausbruch der Krise die Zinslast fast unverändert halten können - dabei die Gesamtverschuldung aber von 100 auf 360 Milliarden Euro gesteigert. Henkel formuliert das so: „Die Südländer feierten dank des Euro Party, während unsere Wirtschaft aufgrund des Einheitszinses zunächst nicht wachsen konnte; und heute sollen wir dafür auch noch in Haftung genommen werden.” Zwischenfazit: Der Euro werde keiner wirtschaftlichen Kultur gerecht, weder den sparsamen Nordeuropäern, noch den ausgabefreudigen Südländern.

Henkel wäre wohl nicht Henkel, würde er seine Ausführungen nicht mit allerlei Spitzen gegen Politik und Presse garnieren. „Alle sehen und teilen meine Diagnose - aber niemand zieht die Konsequenzen daraus.” Aus seiner Verachtung der Bundesregierung unter Angela Merkel macht er keinen Hehl. Der Hamburger fühlt sich missverstanden, in die rechte Ecke gedrängt und von den Eliten geschnitten. „Dabei gehen meinen Gegnern längst die Argumente aus, wenn sie den Euro zu einer Frage von Krieg und Frieden machen.”

Für Henkel gibt es in dieser Situation drei Alternativen. Zunächst das Weiterso nach dem bisherigen Muster: „Aus der Währungsunion wird die Transferunion und letztlich eine Schuldenunion - weil jeder Staat aus dem gemeinsamen Topf das Maximum herausholt. Getreu dem Motto: Nur der Dumme spart.” Variante Nummer zwei: Schuldenschnitt oder Staatspleite Griechenlands. „Klingt gut, würde die Griechen aber nicht wettbewerbsfähiger machen, weil sie die Währung nicht abwerten können. Deshalb werden sie innerhalb kurzer Zeit wieder auf der Matte stehen. Ein Rauswurf Griechenlands aus der Euro-Zone aber kommt nicht in Frage, weil das Risiko einer Panik auch in anderen Ländern zu groß ist.”

Vorteile auch für den Süden?

Bliebe Variante drei: die Einführung eines „Nordeuro”, die Henkel bereits in einem Buch propagiert hat. Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland würden gegen ein entsprechendes „Austrittsgeld” die Euro-Zone verlassen und eine Nord-Zone bilden, der später auch Schweden, Dänemark und Tschechien beitreten dürften. So könne der Süden die Notenpresse anwerfen und abwerten, der Norden erhielte eine starke Währung und - vor allem - eine wieder unabhängige Notenbank. Ein durchaus verlockender Gedanke: Der Süd-Euro wäre nicht mehr so wertvoll, Produkte und Dienstleistungen aus Griechenland, Spanien oder Italien würden sich auf dem Weltmarkt wieder besser verkaufen. Der Norden hätte diesbezüglich zwar Nachteile, würde aber langfristig von einer stabilen Währung profitieren. Henkel: „Ein Europa mit einem Hauptgläubiger Deutschland, das alle Nachbarn ständig mit Ratschlägen nervt, kann niemand wollen. Der Euro ist dabei, Europa zu spalten.”

Henkels Ausführungen klingen durchaus überzeugend und schlüssig. Er verkaufe komplexe Sachverhalte als simple Wahrheiten, entgegnen Kritiker. Was etwa wird in diesem Modell aus der wichtigen Achse Paris-Berlin, will ein Zuhörer wissen? „Das ist der schwierigste Punkt”, gibt Henkel zu.

Er präsentiert sich moderat, von der Gründung einer Anti-Euro-Partei ist in Aachen nun keine Rede mehr. Dafür kündigt der selbsternannte Rebell an, im Vorfeld des Mitgliederentscheids zum Euro einen offenen Brief an alle FDP-Mitglieder richten zu wollen. „Wenn Merkel erkennt, dass sich die Stimmung ändert, traue ich ihr alles zu.”
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