Hebamme zu Weihnachten: Auf der Reise zum Kind

Von: Heike Eisenmenger
Letzte Aktualisierung:
9090003.jpg
Seit 18 Jahren mit Leib und Seele Hebamme: Yasemine Atay vom Bethlehem Gesundheitszentrum. Foto: Heike Eisenmenger

Region. Yasemin Atay hilft im Stolberger Bethlehem-Krankenhaus neuen Erdenbürgern ins Leben. Für die Hebamme ist das ihr Traumberuf - und das seit 18 Jahren. Am Donnerstagabend hat sie Dienst.

Es war eine ganz besondere Nacht, in der Maria Jesus das Leben schenkte. Das war in Bethlehem vor mehr als zweitausend Jahren. Seither sind unzählige Kinder geboren worden...

Im etwa 4500 Kilometer entfernten Bethlehem Gesundheitszentrum in Stolberg erblicken Jahr für Jahr viele Kinder das Licht der Welt – mit Hilfe von Hebammen. Wie vielen Kindern Yasemin Atay als neue Erdenbürger im Laufe ihres Berufslebens – und das sind mittlerweile 18 Jahre – ins Leben geholfen hat, weiß sie nicht. Eines aber weiß die Hebamme vom Stolberger Krankenhaus sicher: „Für mich ist Hebamme der absolute Traumberuf“, sagt die 40-Jährige und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Yasemin Atay ist Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie wollte ursprünglich „irgendwas mit Sprachen im humanitären Bereich machen“. Aber es sollte sich anders entwickeln.

„Eine Bekannte unserer Familie, die nur türkisch sprach, wurde mit Wehen ins Krankenhaus gebracht, und ich musste mit, um zu übersetzen.“ Da war Yasemin Atay 16 Jahre alt. Eine Geburt so unmittelbar zu erleben, war für die Teenagerin überwältigend. „Mich hat die Geburtsdynamik fasziniert – die Schmerzen, die Lautstärke und die Veränderung, die der Körper durchläuft“, erklärt Yasemin Atay.

Auf die Frage, ob ihr die Schreie und der Leidensdruck der Frau nicht Angst gemacht hätten, antwortet sie: „Nein, Angst hatte ich keine, denn durch das Wunder der Geburt erscheinen die Schmerzen in einem anderen Licht. Wehen bereiten nun mal Schmerzen. Das ist natürlich, und am Ende des Weges wird man mit dem Kind belohnt. Es ist unglaublich, wie schnell sich der Körper erholt und die Frauen bereits kurze Zeit danach mit Genuss in ein Butterbrot beißen.“

Der Geburtsschmerz habe seinen Sinn, denn er steht nicht nur für einen natürlichen Vorgang, „sondern ebenso für die Fähigkeit, auch mal etwas auszuhalten“, betont die Mutter zweier Kinder. Die Schmerzen festigen somit das Vertrauen in sich selbst und zugleich die Beziehung zwischen Mutter und dem Ungeborenen. „Nichts und niemand kann den Geburtsprozess aufhalten. Weder ein Krieg, noch ein Börsenzusammenbruch oder politische Ereignisse, all das ist nebensächlich. Wirklich wichtig ist in dem Moment nur, dass dieses Kind gesund zur Welt kommt.“

Eine Geburt ist ihr in diesem Zusammenhang besonders im Gedächtnis geblieben. „In unserer Klinik hatte sich eine junge Frau angemeldet, um ihr Kind zu gebären und es dann zur Adoption freizugeben. Ihre Familie war sehr konservativ und streng, darum hatte sie sich nicht getraut, jemandem von der Schwangerschaft zu erzählen“, beschreibt Yasemin Atay die verzweifelte Situation des Mädchens.

An dem Abend, als bei ihr die Wehen einsetzten, hatte Yasemin Atay Dienst. Es war eine ungewöhnlich ruhige Nacht in der Klinik. „So wenig los ist sonst nie. Wir waren in dieser anstrengenden, aber dennoch auch wunderbaren Nacht ohne jede Störung und haben uns gemeinsam auf die Reise begeben, an deren Ende das Kind wartete.“

Die junge Frau gab ihr Kind zwar ab, aber schon bald wollte sie ihr Baby halten, ihm das Fläschchen geben, und irgendwann wusste sie, dass sie ohne dieses kleine Bündel Mensch nicht mehr sein konnte. Sie fand den Mut, sich ihren Angehörigen anzuvertrauen. „Ohne das Geburtserlebnis und die damit verbundenen starken Schmerzen hätte sie weder die Kraft noch die Liebe entwickelt, um zu ihrem Kind zu stehen“, ist Yasemin Atay überzeugt. „Der liebe Gott hat gewollt, dass dieses Kind bei seiner Mutter bleibt, darum ist alles so gekommen, wie es gekommen ist“, glaubt Yasemin Atay, die die einzige aktive Hebamme türkischer Herkunft in der Städteregion Aachen ist.

Der Trend geht heute aber in eine andere Richtung: Schmerzen werden umgangen, und der schwer kalkulierbare Geburtstermin soll genau feststehen. Kaiserschnitt nach Wunschtermin oder eine Teilbetäubung, ohne dass eine medizinische Notwendigkeit vorliegt, machen die Geburt ohne Zweifel planbarer und einfacher, aber sie nehmen den Gebärenden auch viel. Nämlich die Erfahrung, über sich selbst hinauswachsen zu können und in der Lage zu sein, der Liebe wegen Enormes zu leisten.

Ohne die heftigen Schmerzen hätte sich die junge Frau, die Yasemin Atay begleitet hat, wohl kaum für ihr Kind entschieden. Was aus Mutter und Kind geworden ist, weiß die Hebamme auch: „Sie hat einige Zeit später geheiratet und drei weitere Kinder bekommen. Manchmal treffe ich sie mit ihrer Familie zufällig in der Stadt. Wir lächeln uns dann verschwörerisch an, aber wir reden nicht drüber“, sagt sie. „Ich bin einfach nur froh, sie als stolze und glückliche Mutter zu sehen. Das Kind hat sie gerettet.“

Rührende Momente, Freude, aber auch Trauer liegen in einer Geburtsklinik oft dicht beieinander. „So ist das Leben.“ Zuweilen kann es aber auch recht kurios sein. Mitunter kann es passieren, dass der frischgebackene Vater gleich auch im Krankenhausbett landet. „Es war während der Entbindung – dem Vater wurde im Kreißsaal schlecht, und ehe wir reagieren konnten, hatte er sich schon böse den Kopf gestoßen“, erzählt Yasemin Atay. Da lag der Mann ohnmächtig im Kreißsaal.

Gut, dass es nicht weit zur Intensivabteilung war: Nachdem klar war, dass er sich zum Glück nur eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen hatte, wurde er im Bett liegend ins Zimmer seiner Frau geschoben. Die hatte zwischenzeitlich entbunden und neben ihr im Bettchen schlummerte das Neugeborene. „Das Bild war umwerfend: Vater und Mutter am Tropf in ihren Betten liegend und Händchen haltend und dazwischen das Kind.“

Im Kreißsaal ist eben immer Leben. Egal, ob morgens, mittags, abends oder in der Nacht. Apropos Nacht: Was macht eine deutsch-türkische Familie am Heiligen Abend? „Wir feiern Weihnachten ebenso wie das Zuckerfest. Jeder fühlt Gott auf eine andere Art und Weise“, sagt Yasemin Atay, die ihre Kinder christlich wie islamisch erzieht. „Ein besseres Geschenk kann ich ihnen in einer multikulturellen Gesellschaft nicht mitgeben, und ich verstehe es auch als Geschenk an die Gesellschaft, Kinder in dieser Geisteshaltung groß werden zu lassen.“

Und jetzt glitzern bei den Atays die Kugeln am Weihnachtsbaum. „Den Christbaum und auch die Krippe haben wir schon längst aufgestellt“, erzählt sie. „Natürlich bekommen die Kinder auch Geschenke, aber nicht im Überfluss.“ Auch ein leckeres Essen darf nicht fehlen. Was lecker ist, darf der Nachwuchs bestimmen. Der Fahrplan für diesen Heiligen Abend steht bereits fest: Nach dem Essen wird gekuschelt und eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Dann muss Yasemin Atay ins „Bethlehem“, denn sie ist in diesem Jahr für den Dienst am 24. Dezember eingeteilt. Und wer weiß? Vielleicht wird auch dies eine ganz besondere Nacht werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert