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Gute Aussicht auf Klimawandel im Klinikum

Von: Axel Borrenkott
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„Wir können weitere Schritte nach vorne machen”: Prof. Johannes Noth, scheidender Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Die Erwartung war enorm, die Ankündigung verheißungsvoll. „Von Killerbakterien und Menschen und wie sie miteinander umgehen”, hatte der Vorgänger seine Abschiedsvorlesung überschrieben. Die öffentliche Abrechnung hat er sich aber dann doch verkniffen.

Dessen Vorgänger wiederum war aus Empörung über den Stil des Vorstands nach nur einem Jahr im Amt zurückgetreten. Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen zu sein, erforderte im vergangenen Jahrzehnt ein besonderes Stehvermögen. Johannes Noth hat gut durchgehalten, blickt nun auf „vier spannende Jahre” im Dekanat „trotz aller Probleme” zurück. Am Freitag hält er seine Abschiedsvorlesung.

Es ist eine nüchtern vorgetragene Bilanz, die der sportliche, fast 68-jährige Neurologe von stattlichen zwei Metern Körperlänge schlicht in „einige Erfolge und einige Misserfolge” aufteilt. Auf ein Ziel hatte sich Noth in seiner Antrittsrede im Oktober 2006 verpflichtet, nämlich „die Fakultät im Ranking weiter zu verbessern”. Immerhin liegt die Medizinische Fakultät der RWTH nunmehr nach der leistungsbezogenen Mittelverteilung auf dem vorletzten Platz in NRW, wo sie bis zum vergangenen Jahr noch das notorische Schlusslicht machte.

Die Aufholjagd ist beachtlich. Noch vor elf Jahren vom Wissenschaftsrat wegen „unterdurchschnittlicher Forschungsleistung” abgewatscht und auch 2004 als insgesamt zu schwach beurteilt, habe sich die Fakultät von „weit abgeschlagen” so verbessert, „dass wir noch einmal einen Schritt nach oben machen können”. Eindrucksvoll und notwendigerweise gestiegen sind die Einnahmen aus Drittmitteln, die sich in den letzten zehn Jahren auf knapp 26 Millionen Euro deutlich mehr als verdreifacht haben. Große Schritte hat, das hebt Noth hervor, die Frauenförderung gemacht, „von drei Professuren in 2006 auf zwölf in meinem Dekanat”.

„Weiter fortgeschritten sind auch die Forschungsschwerpunkte.” Allen voran die Aachener Spezialität Medizin und Technik, die nun als Cluster auch zum Campus-Projekt gehört. „Gut verankert” ist man mit dem FZ Jülich, und damit auch Teil der Exzellenzinitiative im Bereich Neurowissenschaften (Jara-Brain) . Die beiden weiteren Schwerpunkte sind die Entzündungs- und die kardiovaskuläre Forschung. Nicht zuletzt gilt der praxisnahe Aachener Modellstudiengang bundesweit als Erfolgsmodell.

Eine gute Hand hatte man offenkundig bei zahlreichen Neubesetzungen, fast alle großen Kliniken haben einen neuen Direktor. Insgesamt gab es fast 50 Berufungen seit 2006, ein fast kompletter Generationswechsel. Ein paar Professoren hielt es zwar nicht lange, doch das gehört zur Normalität, nicht nur von Unikliniken. „Da hat der Vorstand gute Arbeit geleistet”, unterstreicht Noth.

Zu den Misserfolgen zählt Noth - neben den erdrückenden Raumproblemen - dass sich die Fakultät nicht durchsetzen konnte, die Laborbetriebe eigenständig zu halten und die beiden dazugehörigen Lehrstühle neu zu besetzen. Letzteres hatte bundesweit für peinliches Aufsehen im Wissenschaftsbetrieb gesorgt. Da habe man es als Dekan allerdings auch schwer gehabt gegenüber einem Aufsichtsrat, der die Interessen der Klinik vertritt. „Nach wie vor eine unerfreuliche Situation.”

„Das darf nicht mehr sein”

Der naturgemäße Zielkonflikt zwischen den Interessen der Fakultät, der Forschung, und dem Krankenhausbetrieb, der wirtschaftlich stabil arbeiten muss - die Pflicht des Vorstands - zieht sich durch die Jahre, seit das Klinikum 2001 eine wirtschaftlich selbständige Gesellschaft wurde. Über die dramatische Formen dieses Konflikts um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts als der Vorstand, gestützt vom Aufsichtsrat, eine Reorganisation von Klinikstruktur und Pflegebereich durchsetzte, möchte Prof. Noth nicht mehr reden. Damals war er noch nicht Dekan, gehörte aber zu den profiliertesten Kritikern einer „Ökonomisierung der Behandlung”. Er fordert aber: Dass die Professoren „in wichtige Veränderungen auch einbezogen” werden müssen, „was früher nicht optimal der Fall war. Das darf einfach nicht mehr sein”.

Ein aktuelles und ziemlich ernstes Problem ist die Erlössituation des Hauses, ein Defizit von zehn Millionen Euro in der Kasse, nachdem der Haushalt vor wenigen Jahren noch ausgeglichen war. „Die Analyse ist schwierig”, sagt Noth. Der drastische Zwang zu „Einsparungen, die nicht transparent sind”, hätten auch die vielzitierte „Aufbruchstimmung” im Klinikum „ein bisschen getrübt”.

Missen wollte er seine Zeit als Dekan aber „auf keinen Fall. Es war ein großes Glück für mich, diese Aufgabe zu übernehmen”. Zwar gebe es noch Aufholbedarf, doch der Einfluss des Dekans sei gesteigert worden. Wie man den weiter steigern könnte, lässt sich aus Noths Empfehlungen an seinen Nachfolger ablesen: „Die guten Leistungsträger hier halten, ein Klima zu schaffen, in dem sich die leistungsstarken Professoren wohlfühlen; eng mit dem Rektorat zusammenarbeiten, ebenso mit dem Forschungszentrum Jülich”; schließlich „mit Augenmaß darüber zu wachen”, dass das Projekt Europäisches Großklinikum „kein Fiasko” wird.

Eine Woche nach dem Dekan wird der Vorsitzende des Vorstands seit 2001, Prof. Henning Saß, seinen Abschied feiern. Ein Klimawechsel wird dem Aachener Uniklinikum guttut, das glauben viele.

Der Titel der öffentlichen Abschiedsvorlesung von Prof. Noth ist übrigens verheißungsvoll: „Vom Baum der Erkenntnis essen: Gedanken zum Bewusstsein”. Freitag, 16 Uhr, Hörsaal 3.

Das neue Dekanat der Medizinischen Fakultät: Prof. Johannes Noth (67) ist seit 2006 Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH, seit 2009 hauptamtlich. Von 1991 bis 2008 war Noth Direktor der Neurologischen Klinik des Uniklinikums. Zum Nachfolger als Dekan wählte der Fachbereichsrat der Fakultät am Montag Prof. Stefan Uhlig, Lehrstuhl für Pharmakologie und Toxikologie. Als Prodekane wurden bestätigt: Prof. Jürgen Floege (Forschung und wissenschaftlicher Nachwuchs), Prof. Klaus Zerres (Struktur und Entwicklung), Prof. Wolfgang Dott (Studium und Lehre). Neuer Stellvertreter des Dekans soll Prof. Frank Schneider werden. Dem Dekanat - das neue beginnt 1. März - gehören qua Amt der Vorstandsvorsitzende des Klinikums und der Kaufmännische Direktor an.

Zum Abschied des Ärztlichen Direktors und Vorstandsvorsitzenden des Universitätsklinikums, Henning Saß (66), findet am 17. und 18. Dezember ein Symposium „Positionen der Psychiatrie” statt. Das würdigt die Leistungen von Prof. Saß als Wissenschaftler, Kliniker und Gerichtspsychiater. Veranstalter ist sein Nachfolger an Lehrstuhl und Klinik für Psychiatrie, Professor Frank Schneider. In 52 Kurzvorträgen decken im Hotel Quellenhof etliche mit Saß verbundene Wissenschaftler, seine Schüler und andere junge Forscher sieben Themenbereiche des Fachs ab. Von „Neurobiologische Grundlagen psychischer Erkrankungen”, über „Forensische Psychiatrie”, „Therapie bei psychischen Erkrankungen” bis zu „Psychiatrie als Kulturwissenschaft”. Zum Ende hält Prof. Saß dann den Titelvortrag.
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