Gute Analysen verhindern kaum Unfälle

Von: Jutta Geese
Letzte Aktualisierung:
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Zuletzt verstarb ein 16-jähriger Rollerfahrer bei einem Unfall. Foto: R. Roeger

Aachen. Im Januar wird ein Pkw-Fahrer in Aachen nach einer Panne beim Reifenwechsel am Fahrbahnrand von einem Auto erfasst und getötet. Im März stirbt, ebenfalls in Aachen, ein Rollerfahrer, der von einem links abbiegenden Pkw erfasst wird. Im April prallt in Würselen ein Autofahrer gegen einen Baum und stirbt. Im Mai verliert ein Radfahrer in Eschweiler nach einem Zusammenstoß mit einem Motorrad sein Leben.

Im Juni stirbt ein Motorradfahrer in Simmerath. Und am Mittwoch verloren gleich zwei Menschen ihr Leben bei Verkehrsunfällen, ein Motorradfahrer in Simmerath und ein Rollerfahrer in Baesweiler - das sind sieben von 14 Verkehrsunfällen mit Toten seit Jahresbeginn in der Städteregion Aachen. Und es sind schon jetzt zwei Verkehrstote mehr als im gesamten vergangenen Jahr auf den Straßen in Aachen und den neun weiteren Kommunen der Städteregion.

Die Polizei beobachtet die Entwicklung aufmerksam, analysiert die jeweiligen Unfallhergänge und versucht, so weit es geht, Schlüsse daraus zu ziehen. „Auch für uns ist die Zahl der Toten fürchterlich”, betont Hauptkommissar Rainer Knubben von der Führungsstelle Verkehr bei der Polizei Aachen, die unter anderem für strategische Überlegungen und Controlling zuständig ist und jeden Unfall mit Schwerverletzten oder Toten auswertet. „Wir hatten aber auch schon mal 70, 80 Tote im Jahr. Das war in den 1960er und 70er Jahren”, sagt er. Danach seien die Zahlen kontinuierlich zurückgegangen auf 16, 17 jährlich seit dem Jahr 2001. Wobei es immer wieder „Ausreißerjahre” gebe - nach unten wie nach oben. 2005 beispielsweise starben auf den Straßen in der Städteregion „lediglich” 13 Menschen, 2010 waren es sogar „nur” neun. Im Jahr 2008 verloren dagegen 24 Menschen im Straßenverkehr ihr Leben. „Auch 2011 ist ein gutes Jahr gewesen”, meint Knubben, bis Mitte November musste man nur sieben Verkehrstote beklagen. Doch dann geschah der fürchterliche Unfall mit fünf Toten in Aachen-Brand.

„Wir schauen uns genau an, wo was passiert, wann es passiert und wie es passiert. Und anhand dieser Fakten überlegen wir, ob es erfolgversprechend ist, an einer Stelle präventiv tätig zu werden oder repressiv, also mehr Kontrollen samt Ahndung von Verstößen”, erläutert Knubben, der aber auch betont: „Das Straßennetz in der Städteregion umfasst mehr als 2100 Kilometer. Wenn die Polizei an Punkt A aktiv ist, kann an Punkt B oder C etwas passieren.” Auch aufgrund ihrer personellen Stärke könne die Polizei nicht überall sein. „Die Polizei muss da sein, wo die Gefahr eines Unfalls am größten ist. Da setzen wir unseren Schwerpunkt”, sagt Knubben

Auf den großen Verkehrsachsen

Seit einigen Jahren liegt der auf den sechs großen Verkehrsachsen, die durch Aachen und dann weiter in die benachbarten Kommunen hinein verlaufen. In Aachen sind das die Roermonder, die Krefelder, die Vaalser und die Jülicher Straße sowie Adalbertsteinweg und Grabenring. „Auf diesen Achsen passieren über 35 Prozent aller schweren Unfälle”, berichtet Knubben. „Da schauen wir verstärkt hin.” Und das nicht nur dann, wenn es wieder mal gekracht hat, sondern recht regelmäßig. Häufig seien es kleine Maßnahmen, die Unfälle verhüten helfen, auch leichte, weiß der Experte. „Mal muss nur ein Poller entfernt oder aber eingebaut werden. Mal reicht ein Heckenschnitt, mal muss ein Verkehrsschild ein wenig versetzt werden.” Solche von der Polizei empfohlenen Maßnahmen würden von den für die Straßen zuständigen Trägern - Kommunen, Land oder Bund - meist recht zügig umgesetzt. „Bei größeren wie der Einrichtung eines Kreisverkehrs kann das schon ziemlich lange dauern, auch wegen der Kosten.”

Immer im Blick hat die „Führungsstelle Verkehr” auch Großbaustellen auf vielbefahrenen Straßen. Denn auf Umleitungsstrecken kracht es zumindest anfangs häufig, und wenn die Umleitung wieder aufgehoben wird, steigen ebenfalls vorübergehend die Unfallzahlen auf der frisch sanierten oder ausgebauten Straße. Das lässt sich aus den Unfallstatistiken ablesen. Hauptursache: Die Verkehrsteilnehmer müssen sich erst an die jeweils neue Verkehrsführung gewöhnen.

Michael Kehren, Leiter Verkehrskommissariat I, Polizei Aachen: „Straßenverkehr ist wie Wasser. Wasser sucht sich seinen Weg, der Verkehrsteilnehmer auch. Und dann treffen sich plötzlich zwei auf fremdem Terrain. Und schon passiert es.” Oder aber man hat sich im Laufe einer langen Baustellenphase daran gewöhnt, dass man beim Einbiegen von der Seiten- in die Hauptstraße kaum auf andere Verkehrsteilnehmer trifft, und fährt drauf los. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier und stellt sich nur langsam um. „Die Blechkameraden, die wir etwa bei geänderten Vorfahrtsregelungen aufstellen, haben schon ihren Sinn”, sagt Knubben.

Am liebsten wäre ihm, wenn die Polizei nicht mehr Unfällen hinterherhecheln müsste, sondern sie dank intelligenter Verknüpfung vielfältiger Daten, die ohnehin ständig erhoben werden, verhindern könnte. „Das wäre ein Quantensprung”, sagt er, „aber so weit sind wir noch nicht.” Aber immerhin 20 bis 25 Prozent der Unfälle könne die Polizei beeinflussen - allerdings nur, wenn sie ständig vor Ort sei. Und das sei personell nicht zu leisten.

Landesweiter Rückgang der Opferzahlen

„Jeder Unfall ist vermeidbar und hat seine Gründe”, sagt der Dürener Polizeisprecher Willi Jörres und betont: „Unsere Maßnahmen wie die Blitzmarathons sind sinnvoll. Überhöhte Geschwindigkeit ist nach wie vor die Hauptursache für Unfälle. Und da müssen wir immer wieder ins gleiche Horn stoßen.”

Auch sein Heinsberger Kollege Karl-Heinz Frenken unterstreicht die Wichtigkeit der Programme. Doch zugleich sei die Polizei bei vielen Zufällen auch machtlos. „Es gibt immer wieder Situationen, die auch gut ausgehen können.”

Im Kreis Düren stagnierte die Zahl der Verkehrstoten im ersten Halbjahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr bei sieben, im Kreis Heinsberg stieg sie um zwei auf sieben.

Landesweit ist die Zahl der Verkehrstoten wieder rückläufig. Wie das NRW-Innenministerium auf Anfrage mitteilt, seien zwischen 1. Januar und 31. Mai 207 Menschen auf den Straßen in NRW gestorben. Das seien 13 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2011.
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