Aachen - „Großer Preis der Akten“: Ex-Vermarkter gegen ALRV

„Großer Preis der Akten“: Ex-Vermarkter gegen ALRV

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
5100853.jpg
Hoch gepokert, bislang verloren: Sportmanager Wolfgang Goetz.
5100848.jpg
Schwieriges Zwiegespräch im Gerichtsflur. ALRV-Anwalt Edgar Stein (r.) und der Stuttgarter Goetz-Advokat Ulrich Birkhold. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Selbst der Richter hat schon einen grauen Bart. So dürfte der Anblick von Armin Bucher, den Vorsitzenden der 9. Zivilkammer am Landgericht Aachen, auf die Verfahrensbeteiligten in der Sache Goetz gegen Aachener Reitturnier GmbH (ART) authentisch wirken. Macht der dichte Haarwuchs im Gesicht doch deutlich, dass Bucher beim Auslöser des Rechtsstreites mit dem einstigen CHIO-Vermarkter Wolfgang Goetz auf jeden Fall bereits berufstätig war.

Die Zeitspanne des Prozesses (Aktenzeichen 9 O 570/01) von 18 Jahren lässt inzwischen alle Beteiligten schaudern. „Viele Zeugen sind schon tot“, sagt der heute 58-jährige Kläger, darunter so bedeutende Protagonisten des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) wie Ehrenpräsident Hugo Cadenbach, Präsident Kurt Capellmann, Sportreferent Anton Fischer oder Geschäftsführer Wilhelm Stein. In Raum D 1.325 des Landgerichtes versucht Bucher nunmehr, „den recht unübersichtlichen Prozessstoff auf schmalere Spuren zu bekommen“. Dieses Vorhaben kann man nachvollziehen.

Denn selbst die streitenden Beteiligten haben zuweilen Probleme, die Chronologie der Ereignisse – aufgezeichnet in Aktenbergen, aus denen man mühelos einen Parcoursoxer beim Großen Preis von Aachen bauen könnte – zu durchschauen. Teile beider Schadensersatz-Verfahren gegen den ALRV und die ART, zwischenzeitlich auch beim Oberlandesgericht Köln und Bundesgerichtshof, sind abgehandelt, andere wiederum offen. Aktuell geht es noch um eine Forderung von Goetz an die ART über 995 000 Euro zuzüglich fünf Prozent Zinsen.

Zur Erinnerung: Recht hemdsärmelig hatte Capellmanns Nachfolger Klaus Pavel zu Beginn seiner Amtszeit 1995 dem ersten professionellen Vermarkter des CHIO fristlos gekündigt, „um Schaden vom Verein abzuwenden“, wie er heute noch sagt. Der neue Präsident hielt die Provisionen des Managers für „nicht vermittelbar“. 40 Prozent der eingeworbenen Sponsorengelder waren bis dato – überwiegend vertraglich auch so abgesichert – in die Taschen der Goetz-Firma GEM geflossen. Zudem warf Pavel dem smarten, aber ungeliebten Partner vor, keine Medien gewonnen zu haben.

Später sollten die Gerichte die Kündigung des Vermarkters allerdings als rechtswidrig ansehen. Doch Welten trennten die streitenden Parteien in der Vorstellung des Schadensersatzes. Die ursprüngliche Gesamtforderung von Wolfgang Goetz belief sich auf zwölf Millionen D-Mark – mit kühnen Hochrechnungen seiner Folgeansprüche aus den Jahren 1996 bis 1998.

Außerdem war die erste Abrechnung nach seiner Kündigung zum Desaster geworden. Goetz sah sich um 141 000 Mark geprellt, stellte Strafantrag gegen Unbekannt wegen Betruges und ließ sich mit dem Dokument – siegesgewiss lächelnd – am Briefkastenschlitz der Haustür der Staatsanwaltschaft fotografieren. Naheliegendes Problem: So unbekannt waren die von ihm Verdächtigten ja nicht. Die präsidialen Herren des Pferdesports, derart Despektierliches nicht gewohnt, erteilten dem Schwaben aus London nunmehr Hausverbot in der größten und renommiertesten Reitarena der Welt.

Fortan sah man sich nur noch vor allmöglichen Instanzen deutscher Gerichte. Zwei aufeinander geraste Züge hatten sich verheerend ineinander verkeilt – bis heute, so scheint es. Goetz fühlt sich nach wie vor „durch das Verhalten des ALRV in meiner Existenz vernichtet“. „Wer sich wie ich gegen den global führenden Reitsportverein und dessen unrechtes Handeln wehrt, ist in der Sportszene schwer beschädigt.“ Seine GEM existiert zwar noch, aber ohne große Effizienz – auch die Vermarktung der legendären Berliner Galopprennbahn Hoppegarten löste sich im vergangenen Jahr in Wohlgefallen auf.

Dabei verweist Goetz heute noch auf seine unstreitigen Erfolge, wie etwa die Schaffung des VIP-Zeltes Champions‘ Circle, der Tischtribüne oder des Ladendorfes. „Als ich 1991 antrat, glich der CHIO rund um den Platz doch eher einer landwirtschaftlichen Leistungsschau als einem Weltfest“, spottet er.

Der Absturz seiner GEM wurde derweil durch die hoch gepokerte Prozessstrategie nicht gestoppt. Im Gegenteil. Der freie Fall beschleunigte sich sogar auch nach seinem Erfolg im Verfahren gegen den ALRV, bei dem ihm im Jahre 2004 das Oberlandesgericht Köln 600 000 Euro wegen entgangener Einnahmen aus der Bandenwerbung zugesprochen hatte. Da Goetz aber auf 4,2 Millionen Euro geklagt hatte, musste er in Höhe dieses Streitwertes zu 85 Prozent alle Gerichts- und Anwaltskosten tragen. Ein Pyrrhus-Sieg.

Es blieb und bleibt ihm der Prozess gegen die ALRV-Tochter ART, vertreten durch die Aachener Kanzlei Stein & Partner. Das OLG Köln hatte dem Landgericht Aachen die Aktenpakete – vermutlich per Lkw über die A4 – zur Entscheidung weitergeleitet. Dabei geht es jetzt um die immer noch nicht geklärte Entflechtung real entgangener Einnahmen des Sportmanagers. Und zwar aus der Vermarktung des Ladendorfes, der VIP-Bereiche, der ausländischen TV-Rechte und der ganzjährigen Aktivitäten auf dem Turnierplatz.

Hunderttausende Euro Kosten

Weder damals noch heute akzeptierte Goetz die Angebote von ALRV und ART. Umgekehrt waren und sind beide Beklagten nicht bereit, „seine völlig überzogenen Forderungen“, so Pavel, zu erfüllen. Er fügt hinzu: „Schließlich müssen wir immer unseren Mitgliedern in die Augen schauen können.“

Tatsächlich droht Goetz der zweite Pyrrhus-Sieg. Wenn sich die Forderung auf fünf Millionen Euro aus einer Schadensersatzklage gegen die ART auf 995.000 Euro reduziert, wird der Kläger wieder rund 80 Prozent aller Kosten zu tragen haben.

Hunderttausende an Euro für nichts, außer 18 Jahren Nervenkrieg. „Nach wie vor haben ALRV und ART kein Interesse an der Beendigung des Verfahrens. Es wird nur auf Zeit gespielt“, sagt Goetz verbittert. Edgar Stein, Anwalt der Soerser Beklagten, weist das zurück: „Uns ging und geht es nur um eine saubere Offenlegung der Forderungen und eine transparente Abrechnung. Dann können wir uns ganz schnell einigen.“

Beim jüngsten Prozesstermin scheint Richter Armin Bucher einen kurzen Moment der Ratlosigkeit zu erleben. Sein Blick schweift gen trübe Aussicht in den Innenhof des Landgerichtes, während er kopfschüttelnd sagt: „Ich habe es bislang nicht geschafft, all die Zahlen schlüssig herzuleiten.“

Das Verfahren wird fortgesetzt. Der Bart des Vorsitzenden der 9. Zivilkammer wird beim nächsten Termin schon wieder etwas grauer geworden sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert