Grenznahe deutsche Zapfsäulen boomen

Von: Ulrich Simons
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Stoßstange an Stoßstange: An einer freien Tankstelle an der Herzogenrather Voccartstraße, nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt, decken sich niederländische Tanktouristen mit Superbenzin ein. Nächstes Jahr dürften auch noch die Fahrer von Diesel-Pkw hinzukommen. Foto: Ulrich Simons

Kerkrade/Herzogenrath. Bei den Tankstellenbetreibern in Südlimburg geht die Angst um. Und nicht nur bei ihnen. Der Korridor der Wut zieht sich die Grenze entlang hinauf bis nach Groningen im Norden des Landes.

Wenn im Januar in den Niederlanden die Mineralölsteuer für Diesel um drei Cent und die für Autogas (LPG) um sieben Cent angehoben wird, rechnen viele Tankstellenbetreiber in der Grenzregion zu Deutschland mit massiven Einbußen. Und manche auch mit dem Aus.

Ger Bemelmans aus Kerkrade ist einer von ihnen. Tankwart mit Leib und Seele, Freund klarer Worte. „Ich hab die Schnauze so voll“, sagt er mit Blick auf das nächste Jahr. Vor 27 Jahren hat er mit einer kleinen Tankstelle gleich an der Grenze auf der Ecke Nieuw-/Kokelestraat angefangen. Ein Jahr später ist er an den heutigen Standort Holzstraat umgezogen. Seitdem verkauft er dort sein Benzin. Wie lange noch? Schulterzucken. „Vielleicht höre ich im Januar auf. Es macht keinen Spaß mehr.“

Gewinnmargen sinken

Ständige Steuererhöhungen hätten die Wettbewerbssituation der niederländischen Tankstellen gegenüber der nur wenige Meter entfernten deutschen Konkurrenz dramatisch verschlechtert, klagt er. „Was hat das mit Europa zu tun, wenn wir 21 Prozent Mehrwertsteuer haben und Deutschland nur 19 Prozent?“ Um einigermaßen mit den deutschen Preisen mithalten zu können, habe er seine Gewinnspanne Jahr für Jahr immer weiter zurückgefahren.

Ein paar hundert Meter von seiner Tankstelle entfernt hat der gleiche russische Konzern an der Nieuw­straat eine vollautomatische Tankstelle eröffnet. Kein Tankwart weit und breit. Bezahlt wird per EC-Karte, die Literpreise sind entsprechend günstig. Sein eigener Verein macht ihm Konkurrenz. Ger Bemelmans versteht‘s nicht.

800 Tankstellen, 3000 Jobs

Richtig Fahrt aufgenommen habe der Niedergang 1991, erzählt er, als eine „zeitlich befristete“ Erhöhung der Mineralölsteuer in den Niederlanden den Benzinpreis auf einen Schlag um 18,7 Guldencent und den Dieselpreis um sieben Guldencent explodieren ließ. Rückgängig gemacht wurde die 25-Cent-Steuererhöhung nie. Das Stichwort „Kwartje van Kok“ reicht heute noch, um niederländischen Autofahrern die Laune zu verderben. Ein „Kwartje“, ein Viertel-Gulden, war der Spitzname der silbernen 25-Guldencent-Mün­ze, und Wim Kok der damalige Finanzminister in der Regierung Ruud Lubbers.

Der Schock an der Zapfsäule sorgt Anfang der 90er Jahre in der Region für eine weitgehende Umkehr der Kundenströme. Während Autofahrer im Landesinneren aus Mangel an Alternativen zähneknirschend den Preisaufschlag schlucken, fahren samstags Heerscharen niederländischer Tanktouristen über die Grenze und sorgen an den Zapfsäulen auf deutscher Seite für lange Autoschlangen. Und die deutschen Sprittouristen, die viele Jahre lang das Preisgefälle an der Grenze ausgenutzt hatten, tanken plötzlich ihr Benzin wieder im eigenen Land.

1998 hatte Ger Bemelmans an der Holzstraat acht Mitarbeiter. Heute sind es noch zwei und eine Teilzeitkraft. Die beiden Vollzeitkräfte sind 54 und 56 Jahre alt. „Die kann ich doch nicht auf die Straße setzen“, sagt er verbittert. Die Gewerkschaft FNV sieht landesweit rund 800 Tankstellen in ihrer Existenz bedroht und fürchtet, dass die Mineralölsteuererhöhung rund 3000 Arbeitsplätze kosten wird. „In der Innenstadt von Kerkrade haben in den letzten zehn Jahren schon fünf Tankstellen zugemacht“, sagt Bemelmans.

Eine Zeitlang konnten sich die Betriebe noch mit dem Verkauf von Diesel über Wasser halten. Der war zumindest bis Mitte 2008 in den Niederlanden deutlich billiger als in Deutschland. Durch mehrere Mineralölsteuer-Erhöhungen in kleinen Schritten und die Mehrwertsteuer-Erhöhung am 1. Oktober 2012 hat sich der Preisvorteil inzwischen fast aufgezehrt. Seit Anfang 2013 kann es sich je nach Preis und Tag lohnen, auch Diesel in Deutschland zu tanken. Nur bei Autogas gibt es derzeit noch einen florierenden Tanktourismus in Richtung Niederlande. Der dürfte sich mit der geplanten Mineralölsteuer-Erhöhung im Januar ebenfalls erledigt haben.

Stau bis in die Straße

Die freie Tankstelle von Hannelore Beckers an der Herzogenrather Voccartstraße haben ihre Eltern 1959 eröffnet. Es war die Zeit, als die deutschen Bewohner der Grenzregion samstags im VW Käfer mit umgelegtem Reservehebel auf dem letzten Tropfen Benzin zum Einkauf ins Nachbarland fuhren und neben Butter, Kaffee und Zigaretten auch einen randvollen Tank mitbrachten. Die deutschen Tankstellenbetreiber hatten im Wortsinn das Nachsehen.

Seit 1990 betreibt Hannelore Beckers gemeinsam mit ihrem Mann Hartmut den von den Eltern übernommenen Betrieb. Heute reicht am Wochenende der Stau vor ihren Zapfsäulen oft bis in die Straße. Gut 60 Prozent ihrer Kunden seien Niederländer, erzählt sie. An das kommende Jahr denkt sie mit gemischten Gefühlen. „Wenn jetzt auch noch die Diesel-Fahrer über die Grenze kommen, sind wir hier völlig überfordert.“

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