Aachen - Grandioses Filmdenkmal für Hein Kolberg

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Grandioses Filmdenkmal für Hein Kolberg

Von: Werner Czempas
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Blieb auch nach 90 Minuten im
Blieb auch nach 90 Minuten im Kino wie immer bescheiden: Hauptakteur Hein Kolberg mit Ehefrau Traudel. Das Publikum applaudierte dem großen Gewerkschafter und Antifaschisten ergriffen und respektvoll. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wenn der Aachener Hein Kolberg aus seinem Leben erzählt und erzählt... dann drängt sich die Idee auf, dieses ereignisreiche Leben in Bild und Ton zu dokumentieren. Auch dem Deutschen Gewerkschaftsbund kam die Idee -und er ergriff die Chance.

Hein Kolberg wird am Montag, 21. November, 90 Jahre alt. Mit dem Film „Hein Kolberg - Ein Gewerkschafter erinnert sich” hat der DGB Aachen (DGB-Region NRW Süd-West) diesem stolzen Sohn des Proletariats zu seinem Geburtstag ein grandioses Denkmal schon zu Lebzeiten gesetzt.

Ungezählte Stunden saß „der Hein” in den vergangenen zwei Jahren vor der Kamera. Und erzählte, erzählte, erzählte. Erinnerte sich mit seiner einnehmenden, rauen, tiefen Stimme im waschechten Öcher Tonfall an Geschichten und Geschichte. Aus den vielen Stunden ist ein mit Archivmaterial, Fotos und Dokumenten unterlegter 90-minütiger Film geworden, bei dessen Uraufführung im Apollo-Theater rund 100 Gewerkschafter, Freunde und politische Weggefährten dem Hein Kolberg am Ende ergriffen und respektvoll applaudierten. „Unsagbar stolz” übers gelungene Werk sagte Aachens DGB-Chef Ralf Woelk: „Heins Erzählungen helfen, gelebte Geschichte nicht zu vergessen und bieten uns die Chance, aus ihr zu lernen.”

Bescheiden wie stets

Der Hauptakteur gab sich wie stets bescheiden: „Ein guter Film, en toll Sach, et es alles doe.” In vier Erzähl-Kapiteln ist in der Tat eine wunderbare Sache entstanden, ein großer Film, „alles doe”, alles da und drin über das Leben des Hein Kolberg - die Kinder- und Jugendjahre in den 20er und 30er Jahren, der Krieg, die intensive Gewerkschaftsarbeit danach und die Friedensarbeit in den vergangenen Jahrzehnten.

„Alles doe”: Das nach dem frühen Tod des Vaters bedrängte armselige Leben mit der Mutter und drei Geschwistern im Arbeiterviertel Peterstraße unter fürchterlichsten Wohnverhältnissen, die große Solidarität der Armen untereinander, die Erziehung zu einer national „straffen Jugend” schon in der Schule, Jahre später das Erschrecken beim Synagogenbrand, das Lager für die Aachener Juden am Grünen Weg, der Überfall auf Russland und der tief eingeprägte Schmerz, „wie Soldaten verrohen und funktionieren wie eine Maschine”, das Entsetzen über erlebte Massaker an der Ostfront, nach dem Krieg im zerstörten Aachen die „Erkenntnis, verblendet einem verbrecherischen System gedient” zu haben, Arbeit beim Reifenhersteller Englebert, Eintritt in die Gewerkschaft und in die KPD, an arbeitsfreien Sonntagen Schulungen „über die Rechte der Arbeiter”, Mut und Selbstbewusstsein gelernt von Aachener Arbeiter- und DGB-Führern wie Mattschö Wilms, „Bildung war unser Problem”, unerschrockenes Auftreten gegen die Firmenleitung, von 1955 bis 1963 Betriebsratsvorsitzender bei Englebert, gewählt mit den meisten Stimmen weit vor allen anderen, er, der einfache Junge aus der Volksschule in Augenhöhe mit dem Boss, „man wächst mit seinen Aufgaben” - bewegende Szenen und einer der Höhepunkte des Films, wenn der Hein davon erzählt und es ringsum mucksmäuschenstill wird.

„Alles doe”: Mitglied im DGB-Kreisvorstand, nach dem KPD-Verbot 1956 Drangsal in der Adenauer-Ära mit Untersuchungshaft, Gefängnis auf Bewährung wegen illegaler Mitgliedschaft in einer verbotenen Partei, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, Entlassung, „schlimme Jahre”, später Sekretär der DKP, beschäftigt bis zur Rente bei einem Verlag in Neuss, wieder Betriebsrat und Vertrauensmann, unermüdlich als Gewerkschafter für die Kollegen und die Sache der arbeitenden Menschen aktiv.

1988 Mitbegründer des Aachener Friedenspreises. 2002 erhält Hein Kolberg die Hans-Böckler-Medaille, die höchste Auszeichnung, die der DGB und seine Gewerkschaften „für besondere Verdienste im gewerkschaftlichen Leben” zu vergeben haben. Ob bei einem „Tag der Demokratie” des DGB am 8. Mai am Brandenburger Tor in Berlin, ob auf 1. Mai- und Friedenskundgebungen und bei vielen anderen Veranstaltungen in Aachen und in den Schulen - bis heutzutage ist „der Hein” zur Stelle, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht und darum, über Faschismus und Krieg aufzuklären.

Kommunist ist Hein Kolberg denn auch bis heute geblieben. „Wer da gewohnt hat und wurde kein Sozialrevolutionär, der war krank”, hat er einmal gegenüber den „Nachrichten” sein Großwerden unter den Ärmsten der Armen geschildert. „Die Erfahrungen seiner entsagungsreichen Kinder- und Jugendzeit und die Jahre des Krieges und Faschismus haben ihn geprägt, politisch links zu sein und bis heute zu bleiben...

Hein Kolberg kann man nicht in eine Schublade stecken. Seine Geradlinigkeit, die Offenheit und Neugier auf Menschen zuzugehen, seine Toleranz gegenüber anderem demokratisch-politischem Denken und seine Lust, Prozesse mitzugestalten, sind ansteckend und machen ihn deshalb über Partei- und Organisationsgrenzen hinaus zu einer geschätzten Persönlichkeit Aachens ,” schreibt treffend DGB-Chef Ralf Woelk in einem Begleitheft zum Film.

Feier am 26. November

Zu einer offiziellen Geburtstagsfeier für den großen Gewerkschafter, Antifaschisten und Friedensaktivisten - für den „Vater, Großvater, Urgroßvater, Freund, Kollegen, Gewerkschafter und Mensch” (Hein Kolberg über Hein Kolberg) - sind Freunde und Weggefährten für Samstag, 26. November, ab 16 Uhr ins DGB-Haus Aachen, Dennewartstraße 17, eingeladen.

Auch als lehrreiches Unterrichtsmaterial

„Hein Kolberg - Ein Gewerkschafter erinnert sich”: ein Film der DGB-Region NRW Süd-West in Zusammenarbeit mit dem DGB-Bildungswerk NRW und der Volkshochschule Aachen; DVD Video, ca. 90 Minuten.

Nicht nur der Film ist ein beeindruckendes Geschichtszeugnis. Begleitet wird das Video auf einer CD mit Unterrichtsmaterial nicht nur zur Lebensgeschichte des Hein Kolberg, sondern auch mit historischen Erläuterungen, reichem Archivmaterial und Fragen zur Zeitgeschichte - als lehrreiches Unterrichtsmaterial für Schulen und andere Bildungsstätten vortrefflich geeignet.

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