Glückliches Ende im Schützen-Drama: Königssilber kehrt zurück

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
7470092.jpg
Alles ist wieder vollständig: Geert Bemelmans (auf dem Archivfoto links als Schützenkönig mit dem altehrwürdigen Silber) präsentiert das Statutenbuch, das neu angefertigt werden musste; rechts auf der Puppe das Sebastianus-Silber, das in der Kirche gelagert war und vorerst als „Ersatzkette“ diente. Foto: Beatrix Oprée

Kerkrade. Kriege, Katastrophen, Krisen hat er schadlos überstanden, über Jahrhunderte hinweg. Im Haus des jeweiligen Schützenkönigs wurde der wertvolle Silberschmuck aufbewahrt, „wahrscheinlich unter dem Bett“, schmunzelt Geert Bemelmans (54), Sekretär der historischen Schützenbruderschaft St. Sebastianus in Kerkrade.

Das aber erschien den Mitgliedern der ältesten Vereinigung der Gemeinde schließlich zu riskant. Denn das Königssilber war seit Gründung der Bruderschaft im Jahr 1617 zu einem neun Kilogramm schweren Gehänge aus 220 Silberplatten im Wert von rund 150.000 Euro angewachsen.

Mitsamt seinem alten Koffer kam das wertvolle Kleinod also 1992 erstmals in eine Metallkiste und dann in den Safe der örtlichen Rabobank. „Und ausgerechnet da kommt es weg“, kann Bemelmans heute wieder befreit lachen. An einen Scherz hatte er auch zunächst geglaubt, als die Bankmitarbeiterin ihm unterbreitete, sie könne besagte Kiste nicht finden. Im Juni vergangenen Jahres war das, eine Woche vor dem Schützenfest. Bemelmans wollte das Silber abholen, um es aufpolieren zu lassen. Nachdem er sich legitimiert hatte, schloss die Mitarbeiterin den Tresorraum auf und dann eine weitere Tür. Doch die Kammer dahinter war leer. Erstaunen auf beiden Seiten. „Ihre Sachen sind bestimmt woanders“, war die Bankerin da noch überzeugt und bat den Schützen-Sekretär zu warten. Eine Dreiviertelstunde später musste sie dann peinlich berührt mitteilen, dass der Schatz der Bruderschaft versehentlich zum Sperrmüll gestellt worden war...

Die Falle schnappt zu

Mitarbeiter verschiedener Filialen hatten in der Bank aufgeräumt, die Kiste der Bruderschaft war dabei als Abfall eingestuft worden. Um wertlose Karnevalsorden handele es sich, dachte man. Eine fatale Fehleinschätzung, denn jedes einzelne Silberschild ist um die 600 Euro wert. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich habe die Müllmänner schon informiert“, übte sich die Bankmitarbeiterin noch in Optimismus. Doch bei Rd4, dem Entsorgungsunternehmen der Parkstad Limburg, tauchte der kostbare „Müll“ nicht auf. Bei weitem nicht nur das Silber, auch alte Schützenschärpen und das Archiv mit Dokumenten aus dem 17. Jahrhundert waren verschwunden. Ebenfalls das Statutenbuch von 1859, in dem alle Regeln und Gebräuche der traditionsreichen Bruderschaft in feinster Handschrift niedergeschrieben waren, stets von Mitgliedern und Ehrenmitgliedern unterzeichnet.„Alles, was wertvoll war, hatten wir zur Bank gegeben“, berichtet Bemelmans. Die Geschäftsführung sei denn auch „in Sack und Asche“ gegangen und lobte 10.000 Euro als Belohnung aus. Die Schützen verdoppelten diesen Betrag. In enger Kooperation mit Bank, Mülldienst und Polizei versuchten sie, dem verlorenen Schatz auf die Spur zu kommen. Ganz Kerkrade habe schließlich mitgesucht. „Uns wurde viel Sympathie bekundet“, erinnert sich der Bruderschafts-Sekretär.

Nur ein einziges Schild gab es noch, das von 1756, gestiftet von Frans Wilhelm Poyck, „König in Kerckrode“, das in Reparatur war. Zum Glück – oder war es weise Vor­aussicht? – war in der Vergangenheit jede Silberplatte fotografiert worden. So hatten die 17 Sebastianus-Schützen eine Vorlage, als sie schließlich schweren Herzens beschlossen, Repliken der Silbertäfelchen anfertigen zu lassen. Beginnend mit der ältesten Plakette von 1617 mit der Inschrift „IDS“ für Johann Daniel Spies – Heer te Ehrenstein. „Die Gravur muss besonders tief sein, damit sie im Laufe der Zeit nicht ausschleift“, erklärt Bemelmans. „Das ist teuer, und es gibt nur wenige Spezialisten, die das können.“

Doch rund um Weihnachten gab es eine Wendung: Den Schützen und der Bank wurde das Silber zum Kauf angeboten, offenbar durch einen Strohmann. Ein wichtiges Indiz für die Polizei. Weitere Hinweise kamen von Rd4 selbst, dessen Direktor Wil Sijstermans alles daransetzte, den Schatz wiederzufinden. Am 7. Februar schnappte die Falle bei einem Verkaufsversuch zu – über Details schweigt sich Cindy Reinders, Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Maastricht, aus. Am 10. Februar teilte die Polizei offiziell mit, das Silber sei bei einem Mitarbeiter von Rd4 gefunden worden. Die Schützen konnten ihr Glück kaum fassen – „bestimmt ein Wunder des heiligen Sebastian“.

Der 44-jährige Rd4-Angestellte und ein 51-Jähriger aus Brunssum, Mitarbeiter eines Subunternehmens, wurden festgenommen. Seit dem 20. Februar sind sie wieder auf freiem Fuß, gegen sie wurde Anklage erhoben wegen Diebstahl und Hehlerei.

Zurzeit ist das wertvolle Corpus Delicti noch bei der Polizei Süd-Limburg zwischengelagert. „Ich hoffe, da ist die Kette sicher“, grinst Bemelmans augenzwinkernd. Am Sonntag, 27. April, des Königs Geburtstag, soll die Kerkrader Bruderschaft noch einen zweiten Grund zum Feiern haben: Dann endlich erfolgt die Rückgabe des Diebesgutes. Und der nur noch bis 29. Juni amtierende König Louis Roukens wird stolz die Insignien seiner Würde tragen können. Bisher hatte er mit der Sebastianus-Kette von 1855 vorliebnehmen müssen, bestehend aus der alten Silberbrücke, die einst in Aachen gefertigt worden war, später aber für die stetig wachsende Zahl der Plaketten zu klein wurde. Sie war nicht in der Bank, sondern in der Lambertuskirche aufbewahrt worden.

In dieses Gotteshaus am Kerkrader Markt wird die Bruderschaft mit ihrem geschmückten König am letzten Aprilsonntag feierlich einziehen. Gegen 11.30 Uhr beginnt ein Dankgottesdienst, zelebriert von Dechant Arnold Borghans, der wie Bürgermeister Jos Som Ehrenmitglied der Sebastianus-Bruderschaft ist.

Im Anschluss sind alle Helfer – auch die der Rabobank – auf Rolduc zum Brunch geladen. Das folgenschwere Versehen haben die Schützen längst verziehen. „Es war zwar ein Drama für uns“, sagt Geert Bemelmans. „Doch es ging auf menschliches Versagen zurück – und ist vonseiten der Bank wirklich sehr bedauert worden.“ So wird das Silber dort künftig wohl besonders gehütet werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert