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Gleichgeschaltete Jecke: Historikerin beklagt fehlende Aufarbeitung

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<b>Aachen/Köln. </B>Die Historikerin und Karnevalsexpertin Hildegard Brog hat eine fehlende systematische Aufarbeitung der Geschichte des rheinischen Karnevals im Nationalsozialismus beklagt.

Außer in der Karnevalshochburg Köln, wo seit einigen Jahren die historischen Verflechtungen von Vereinen, offiziellem Karneval und NSDAP erforscht würden und dies „kein Tabuthema” mehr sei, sei das Kapitel in anderen Städten wie Düsseldorf oder Aachen kaum erforscht, sagte Brog in Köln in einem epd-Gespräch.

„Überlieferte Heldengeschichten einiger Städte oder Vereine von erfolgreicher Auflehnung sind Quatsch - es hat Verflechtungen gegeben, die Menschen wissen es nur noch nicht”, betont Brog unter Hinweis auf die Gleichschaltung von Karneval, Fasnacht und Fasching durch die NSDAP 1933.

Auf Historiker, Kommunen und Vereine warteten noch zahlreiche unerforschte Dokumente in Stadtarchiven, sagt Brog, die sich seit rund 15 Jahren mit der Geschichte des rheinischen Karnevals befasst. Insbesondere die Auswertung von Lokalzeitungen der „Sessions”-Monate Januar und Februar ab 1933 dürfte aufschlussreich sein.

Die promovierte Historikerin appelliert an die heutigen Karnevalisten und Narren in den städtischen Hochburgen, sich intensiv mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und ein historisches Interesse auch an der Geschichte der NS-Zeit zu entwickeln. „Sonst besteht die Gefahr hohler Rituale und der Ausbreitung eines Ballermann-Karnevals.”

Die sofortige „starke ideologische und organisatorische Vereinnahmung” von Karnevalsgruppen und Traditionen sei der NSDAP unter anderem deshalb möglich gewesen, weil bereits zu diesem Zeitpunkt gewachsene Traditionen weggebrochen waren, sagt Brog und verweist auf den Ersten Weltkrieg, Besatzungszeit, Inflation und Weltwirtschaftskrise.

„In der Zeit zwischen Erstem Weltkrieg und Beginn des Nationalsozialismus gab es lediglich drei, vier ordentliche Karnevalssessionen mit Umzügen.” Die Menschen waren durch die Umbrüche zermürbt, viele wollten eine Hinwendung zu mehr Volkstümlichkeit im Karneval.

Die Historikerin erinnert an die im November 1933 ausgegebene Weisung der NSDAP, wonach christliche Bezüge zum Karneval geleugnet werden mussten und stattdessen heidnisch-germanische Ursprünge betont werden sollten. „Jegliche Kritik an Führer und Staat war verboten”, betont Brog. Die Bütten- oder Festreden auf Sitzungen wurden gleichgeschaltet. „Es gibt Beispiele einzelner kritischer Präsidenten von Karnevalsgesellschaften - die wurden plötzlich krank und durch regimefreundliche Amtsinhaber ausgetauscht.”

Kritische Büttenredner mussten Gefängnisstrafe oder KZ fürchten. Satirischen Widerstand leisteten nur wenige wie der Kölner Karl Küpper, der als „Dr Verdötschte”, der Bekloppte, in Sitzungssälen auftrat. Unter anderem seine Witze über den Hitler-Gruß - wenn er etwa mit erhobenem Arm fragte „Isset am räne?” (Regnets?) oder feststellte „Su huh (so hoch) liegt bei uns dr Dreck im Keller” - brachten Küpper ins Kölner Gestapo-Gefängnis.

In den Jahren 1933/34 erfolgte der Ausschluss aller jüdischen Mitglieder aus den Gesellschaften. Auf dem Kölner Rosenmontagszug 1934 fuhr der erste antisemitische Wagen mit. Von einem der Vorortzüge übernommen zeigte der Wagen eine Gruppe von orthodoxen Juden mit Koffern in der Hand. „Die letzten ziehen ab” lautete die Inschrift als Anspielung auf Vertreibung und freiwillige Auswanderung der jüdischen Bevölkerung.

Wie in Köln, so hielten auch in Koblenz oder Bonn die jeweils örtlichen NSDAP-Größen in Festausschüssen die Fäden in der Hand, wie die Historikerin Brog erläutert. Die NS-Freizeitorganisation Kraft durch Freude (KDF) veranstaltete allein in Köln zahlreiche Sitzungen und organisierte Tribünen für Rosenmontagsumzüge.

1936 kamen 5000 Besucher zu einer KDF-Karnevalssitzung, die zum Teil sogar aus dem Ruhrgebiet an den Rhein gebracht wurden. NSDAP-Beiträge wie etwa die Verleihung von Karnevalsorden an „fröhliche Parteimitglieder” wechselten sich auf der Bühne mit Beiträgen der Karnevalsgesellschaften ab. „Es gab eine enge Verknüpfung von Vereinskarneval, NSDAP und KDF”, stellt Brog fest.

Von NS-Propagandaminister Joseph Göbbels wurde 1937 der „Bund Deutscher Karneval” (BDK) in München gegründet. „Der Bund war für alle Karnevalsgesellschaften in ganz Deutschland zuständig und sorgte für die ideologische Unterwanderung”, betont Brog.

Dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einzelne ehemalige NSDAP-Mitglieder und BDK-Schlüsselfiguren noch bis in die 70er Jahre hinein Ämter in karnevalistischen Festausschüssen bekleideten, habe eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit lange behindert.
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