Aachen - Gestikulieren, wo einen keiner hören kann

Gestikulieren, wo einen keiner hören kann

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Aachen. Als Rettungsschwimmer an den Stränden der französischen Atlantikküste griff er zur Verständigung immer wieder auf Gestik zurück. Als Sprachlehrer wirkte der Engländer an einer DVD mit, in der Körpersprache das Lernen von französischer Grammatik unterstützen half.

Heute arbeitet Dr. Simon Harrison an der RWTH Aachen in einem internationalen und interdisziplinären Forschungsteam an der Entwicklung einer verbindlichen Körpersprache, die auch dort Kommunikation erlaubt, wo Sprache nicht weiterhilft.

Für laute Fertigungsstraßen, deren Beschäftigte weit voneinander entfernt am Band oder im Takt arbeiten, entwickelt der Linguist konventionalisierte Gestik-Codes. Mit deren Hilfe, konnte Harrison schon nachweisen, steigt nicht nur die Kommunikationsfähigkeit unter den Beschäftigten, sondern auch die Arbeitssicherheit und die Produktivität.

Das steigert die Effektivität

„Wir versuchen, ein unmissverständliches Kommunikationssystem durch einen verbindlichen Code von Gestik zu schaffen”, fasst Harrison das Forschungsziel zusammen. Leibhaftig erlebt hat er den Bedarf und die Notwendigkeit dazu in einer französischen Fischfabrik, in der die Beschäftigten aufgrund des hohen Geräuschpegels von 90 Dezibel keine Chance hatten, sich durch Zurufe zu verständigen. Er analysierte während zwei Monaten vor Ort die Widrigkeiten und Probleme, um dann Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Mit dem von ihm vorgeschlagenen Gestik-Repertoire kam es rasch zu einer beeindruckenden Effektivitätssteigerung im Betrieb: die Kommunikation wurde unmissverständlich und dadurch der ArbeitsablaufÊ weniger störungsanfällig, die Maschinenpausen wurden verringert, die Arbeitszufriedenheit und die Effektivität erhöht.

Hilfe bei Sprachstörungen

Seit November gehört Harrison, der auch Generalsekretär der internationalen Gesellschaft für Gestik-Studien ist, mit einem zweijährigen Stipendium der Humboldt-Stiftung zur Aachener Forschergruppe „Natural Media & Engineering” des RWTH-Projekthauses HumTec. Unter der Leitung von Professorin Irene Mittelberg geht es dem Team vor allem darum, die komplexen Zusammenhänge von Zeichen, Sprache und Technik zu untersuchen.

Wie funktioniert verbale und nonverbale Informationsvermittlung? Wie sieht optimale Interaktion mit technischen Systemen aus? Und was passiert im Gehirn bei dieser Kommunikation? Zu der sechsköpfigen Mannschaft gehören Semiotiker, Informatiker, klinische Neurowissenschaftler, Psychologen und Linguisten.

In Zusammenarbeit mit Ingenieuren, zum Beispiel des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft, und mit Ärzten des Uniklinikums soll geklärt werden, welche kognitiven Muster der face to face-Kommunikation (von Angesicht zu Angesicht) und der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zugrundeliegen. Und schließlich auch, wie sich diese von den Strukturen bei Patienten mit neurologischen oder psychiatrischen Störungen wie Autismus, Schizophrenie und Aphasie unterscheiden. Diese vergleichenden Studien sollen wichtige Grundlagen für die Entwicklung therapeutischer Ansätze und zukünftiger interaktiver Technologien liefern.

Simon Harrison plant in Aachen auch die Einbeziehung von Unternehmen, um hier seine Forschungen anwendungsorientiert fortzuführen. Aber auch Unternehmen in Indien und den Vereinigten Staaten will er einbeziehen.

Sein Einstand gestaltete sich bereits sehr erfolgreich und öffentlich wirksam: Beim ersten Science Slam der RWTH zur der Wissenschaftsnacht 2010 gewann er den ersten Preis - für die Präsentation seines Forschungsprojekts nur mit Hilfe von expressiver Körpersprache.
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