Aachen - Geschichten und Geschichtchen zum Frost in der Region

Geschichten und Geschichtchen zum Frost in der Region

Von: Christoph Velten und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Eine Stadt im Kältegriff: Vom Lousberg aus scheint Aachen eingefroren zu sein. Die meisten Menschen haben das Wetter aber genossen - oder es so genommen , wie es eben war. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Dem Flieger-Leutnant Hermann Büscher ist es egal, ob der Winter warm oder kalt ist, zehn Grad über oder unter null. Der Flieger-Leutnant Hermann Büscher hat wahrscheinlich Schlimmeres erlebt als eine kalte Nacht und würde sich über die kälteste Nacht in Nordrhein-Westfalen seit 1996 nicht weiter aufregen, auch wenn der Boulevard von Sensationen spricht, von „Bibber-Kälte” (Bild) und der nächsten „Eiszeit” (Express).

Der Flieger-Leutnant Hermann Büscher hat wahrscheinlich viele Nächte im Flugzeug verbracht, in denen er nicht wusste, ob er den nächsten Morgen noch erlebt. Irgendwann war es dann soweit, er kann nicht alt gewesen sein, als er den nächsten Morgen tatsächlich nicht mehr erlebt hat.

Büscher ist einer der Soldaten, die am äußersten Rand des Aachener Waldfriedhofes begraben sind, hinter einem kleinen Hügel. Wenn Schnee liegt, kann man ganz gut sehen, wie viele Menschen an welchen Gräbern gewesen sind, Hermann Büscher hat seit Tagen niemand mehr besucht, wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr.

Büschers Grab ist das erste einer Reihe ganz oben, hinter seinem Grab ist eine alte Linde. Gefallen, steht auf dem Grabstein, ist Büscher im Januar 1918, Geburtstag: unbekannt. Der genaue Todestag auch. Der Grabstein ist das einzige, was an seine Existenz erinnert.

Seit ziemlich genau 91 Jahren liegt der Weltkriegsoffizier Hermann Büscher unter der Linde, er hat viel erlebt, er hat sein Leben für das Kaiserreich geben müssen. Nicht anzunehmen, dass Büscher ein paar Minusgrade aus der Fassung gebracht hätten. Es ist ja Winter.



Ein kleiner Gasofen steht in der Ecke des kleinen hölzernen Verkaufsstandes und kämpft vergeblich gegen die Minusgrade. Ingeborg Keaver friert.

„Die Kälte kommt von unten”, sagt sie und tritt demonstrativ mit den Füßen auf. Seit 13 Jahren verkauft sie jetzt Honig, Kerzen und alles, was die Imkerei sonst so hergibt, auf Wochenmärkten in der Region.

Daran, dass es jemals so kalt war, kann sie sich kaum erinnern. So sei das aber eben jetzt, sagt sie. Warmen Tee und Kaffe trinken - mehr könne man da nicht machen.

Direkt nebenan frieren die Hühnchenteile in der Theke fest. Eigentlich wirbt man hier mit Frische für Geflügel, Wild und Lamm. Tiefkühlkost ist Marita Fuchs ein Graus.

„Aber was will man machen?”, sagt auch sie und lächelt. Zwei Pullover, ein paar lange Unterhosen, Schal, Mütze und extra dicke Socken.

„Das Wetter darf uns Marktbeschickern nix ausmachen”, sagt sie und bedient den nächsten Kunden. Muss sie auch, will sie ihre Ware noch los werden. Viele Kaufwillige trauen sich an diesem Tag nicht auf das glatte Kopfsteinpflaster des Aachener Marktes.



Es hat am Dienstag vermutlich nicht viele Orte auf der Erde gegeben, die öfter fotografiert worden sind als der Hangeweiher. Der Weiher im Aachener Süden ist teilweise zugefroren, das Eis sieht in der Mitte aus, als ob es trägt, aber außer zwei Kindern traut sich trotzdem niemand auf das Eis.

Die Spaziergänger lehnen an der Brüstung und fotografieren die schneebedeckten Bäume, die Eiszapfen am Bachlauf, die rauchenden Schornsteine der umliegenden Häuser. Sie fotografieren Vögel, die auf der Eisdecke umhertorkeln und Vögel, die im Unterholz nach Nahrung suchen.

Die Enten liegen aufgeplustert auf der Stelle und bewegen sich nicht. Die Spaziergänger bewegen sich doch, wenn sie nicht fotografieren, reiben sie mit den Händen über ihre Oberarme. So hat jeder seine eigene Art, sich halbwegs warm zu halten.



Selbst Hermies Schnellimbiss hat die Läden dicht gemacht. Die Currywurst-Bude hinter der Stehtribüne ist eigentlich der Mittagstreff für die unzähligen Arbeiter auf der Großbaustelle Tivoli.

Doch von denen ist bei diesen Temperaturen wenig zu sehen. Nur vereinzelt schallen Klopfgeräusche durch das weite Rund. Die riesigen Betonträger liegen unter einer weißes Schneeschicht. Sie erinnern mehr an Sprungschanzen als an ein Fußballstadion.

Die Temperaturen seien nicht das Problem, versichert Thorsten Pracht, Pressesprecher von Alemannia Aachen. „Der Schnee behindert die Arbeiten”, sagt er.

Besonders auf den Tribünen ist das ein enormes Sicherheitsrisiko. „Hier besteht Absturzgefahr.” Das Verlegen der Tribünenplatten ist Millimeterarbeit und allein aus Sichtgründen bei Schnee nicht möglich.

An anderer Stelle laufen die Arbeiten derweil weiter: Für das Dach werden gerade Rückverankerungen im Boden befestigt. „Und wenn die Temperaturen wieder steigen, kann es wie geplant weitergehen”, sagt Pracht.



Der Aachener Tierpark liegt unter einer Decke aus Schnee, und wäre das Luchsgehege nicht eingezäunt, man würde glauben, irgendwo in den Karpaten zu stehen.

Leider sehen das nur sehr wenige Menschen, der Zoo ist so leer, dass Zoodirektor Wolfram Graf-Rudolf jeden Besucher persönlich begrüßen könnte, was er auch tut, wenn ihm einer über den Weg läuft.

Die sieben Luchse gehören zu den Tieren, denen die Kälte nichts ausmacht, ebenso nicht den Hochlandrindern und den Schneeeulen.

Die Erdmännchen andererseits liegen in Höhlen mit Fußbodenheizung, die Servale auch, Graf-Rudolf sagt, dass für jedes Tier gesorgt sei.

Graf-Rudolf ist trotzdem unzufrieden und dreht sich eine Zigarette. Der Schnee, die Kälte, die Sonne, alles schön, jaja, aber „ich bin froh, wenn es hier wieder voller wird”.

Die Tiere müssen gefüttert, die Angestellten bezahlt werden. Zoodirektoren haben nicht nur dafür zu sorgen, dass allen Tieren warm ist.



Für Familie Purrmann dreht sich an diesem Tag alles im Kreis. Aus den Boxen der Eissporthalle dröhnt einer dieser Songs von Phil Collins, die alle ähnlich klingen und deren Namen man sich deshalb nicht merken kann.

Die Temperaturen liegen im einstelligen Plusbreich. Der Schneemann ist aus Pappe und hängt an der Wand.

Wie man auf die Idee kommt, bei diesem Wetter in einer Halle zum Schlittschuhlaufen zu gehen? „Die Seen sind uns zu gefährlich”, erklärt Eva Purrmann und macht ein Foto von ihren lachenden Töchtern.

Zudem sei es der letzte Ferientag, und da wollte man etwas Besonderes machen. Rund 100 Kinder und Jugendliche sehen das an diesem Tag genauso und flitzen, stolpern oder drehen fröhlich über die überdachte Eisfläche. Immer im Kreis.



Die Batterien heißen „Arktis” und gehen weg wie warme Semmeln. Auch ein paar Kanister Frostschutzmittel stehen noch auf den beiden Paletten.

Fünf Liter für 6,99 Euro - funktionstüchtig bis minus 60 Grad. Das wird reichen - selbst in diesem Jahr.

Im Geschäft für Autoteile und Zubehör ist einiges los in diesen Tagen. Der Parkplatz ist voll besetzt. Doris Daniels hat die Motorhaube ihres Mitsubishis geöffnet und sucht nach der passenden Öffnung für das gerade erworbene Frostschutzmittel.

Gefunden, endlich. „Macht man ja sonst nie”, sagt sie - als müsse sie sich verteidigen gegen so einige unausgesprochenen Vorurteile.

Die Menschen rüsten sich selten vor der Kälte gegen die Kälte. Verkäufer Frank Grohl kennt das schon. Jedes Jahr das gleiche, sagt er.

Es gebe sogar noch einige Exoten, die jetzt nach Winterreifen fragen. Ein paar seien noch auf Lager. „Wer will, bekommt auch welche.”



Am Hangeweiher geht ein Reporter vom Radio auf und ab und versucht, die Kälte fürs Radio aufzuzeichnen. Er interviewt Spaziergänger, die ihm sagen müssen, dass es kalt ist.

Er interviewt zwei Jungs, auch die müssen ihm sagen, dass es kalt ist. Er versucht, das Knirschen des Schnees unter seinen Schuhsohlen aufzunehmen, aber das Knirschen ist nicht laut genug.

Er kann nicht das Kratzen der Schlittschuhkufen auf dem Eis aufnehmen, weil niemand am Hangeweiher Schlittschuh fährt.

Der Reporter vom Radio muss feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Kälte im Ton festzuhalten. Auch wenn es wirklich ziemlich kalt ist.

Der kälteste Tag seit zwölf Jahren

Dienstag war der kälteste Tag der vergangenen zwölf Jahre. Minus 26 Grad in der Spitze meldet der Deutsche Wetterdienst für den Osten Deutschlands. Mit minus 23 Grad war es um Lippstadt in NRW am kältesten.

Die Durchschnittstemperatur habe in der Nacht von Montag auf Dienstag NRW-weit bei minus 15 Grad gelegen. In Städten wie Düsseldorf, Köln und Kleve sei es mit minus zehn Grad vergleichsweise milde gewesen. In Aachen war es mit minus zwölf Grad ein bisschen kälter.

Minustemperaturen im zweistelligen Bereich waren laut Essener Wetterdienst in NRW zuletzt 1997 registriert worden. Damals sei es in den Nächten des 1. und 2. Januar minus 20 Grad kalt gewesen.

Die klirrende Kälte mit den strengen Nachtfrösten hält auch in den nächsten Tagen an. In der Nacht auf Mittwoch werden minus 20 Grad im Sauerland und minus zwölf Grad in und um Aachen erwartet.

Tagsüber sollen die Temperaturen landesweit auf um die minus zwei Grad steigen.

Für Schüler gibt es am Mittwoch zum Schulbeginn nach den Winterferien kein generelles „Kältefrei”.

Das NRW-Schulministerium sieht keine Veranlassung für eine entsprechende landesweite Regelung. „In Einzelfällen können Eltern und volljährige Schüler selbst entscheiden, ob der Weg zur Schule zumutbar ist”, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Offiziell gilt ein Erlass von 1980: Demnach ist nur der „plötzliche Eintritt extremer Witterungsverhältnisse” Grund genug, die Schule zu versäumen.

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