Gerade drei und schon im Internat

Von: Andrea Zuleger
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Kirsten hat noch im Oktober Geburtstag, dann wird sie drei Jahre alt werden. Foto: Harald Krömer
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Der Kuschelhund darf natürlich nicht fehlen: Nilan schaut etwas skeptisch in die Kamera. Foto: Harald Krömer
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Alyssa schläft auch im Internat in Lanaken. Foto: Harald Krömer
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Nilan wird gerne mal gefüttert. Foto: Harald Krömer

Region. Die Puppe ist knallpink und fast größer als Kirsten selbst. Wenn das Mädchen in ihr Bett unter der Micky-Maus-Lampe steigt, muss sie schon ein bisschen klettern, ehe sie oben ist. Kirsten hat noch im Oktober Geburtstag, dann wird sie drei Jahre alt werden. Seit ein paar Wochen gehören ihr zwei Betten. Eines steht zu Hause, das andere im Mädchentrakt des Campus Alicebourg im belgisch-limburgischen Lanaken. Dort ist Kirsten Internatsschülerin, die jüngste, die in Alicebourg je wohnte.

Neben Kirstens Bett steht noch das Bett von Alyssa; daneben schläft Nilan. Als er auf seinem Bett sitzt, schaut er skeptisch in die Kamera und drückt seine Nase in den Kuschelhund, der im Vergleich zu Kirstens Puppe winzig ist. Nilan und Alyssa sind schon drei Jahre alt. Auch sie schlafen fünf Tage in der Woche auf dem Campus, nur am Wochenende und in den Ferien kommen sie nach Hause. Insgesamt wohnen seit Beginn dieses Schuljahres sieben Dreijährige im Internat – und das ist auch für Alicebourg ein Novum. „Wir sind von den Eltern einer älteren Internatsschülerin angesprochen worden, ob wir auch ihre Dreijährige die Woche über betreuen können. Dann haben wir gemerkt, dass der Bedarf da ist, und haben diese sieben Plätze geschaffen“, erzählt Raf Dubois, der Leiter des Internats. Tipps haben sie sich dabei im Internat im belgischen Sint-Truiden geholt, in dem es schon seit längerer Zeit einen solchen Zweig für Kindergartenkinder gibt.

Jetzt läuft es

Wenn Raf Dubois auf die vergangenen Wochen zurückblickt, dann sieht er ganz zufrieden aus: „Es hat alles gut geklappt. In der ersten Woche hatten sie ein bisschen Heimweh, aber jetzt passiert das eigentlich nur noch ganz selten.“ Die Zimmer von den Kleinen sind in den Häusern der Oberschul-Mädchen untergebracht. „Die verhalten sich oft wie größere Geschwister und kümmern sich auch mal mit oder spielen im Gemeinschaftsraum mit den Kleinen“, erzählt Lieve Leenders, die Direktorin des Athenäums Alicebourg. Ein ausgebildeter Erzieher ist jedoch immer bei den Kindern – auch nachts. Vorige Nacht hat Raf Dubois selbst Dienst gehabt. Dann schläft er auch in einem Internatszimmer in der Nähe der Kinder. Über das Babyphone hört er, wenn ein Kind aufwacht. „Meist bleibt es ruhig. Aber klar, dass die Dreijährigen schon mal schlecht träumen, aber sie schlafen meist ganz schnell wieder ein“, sagt Dubois. Morgens um sieben werden die Kinder geweckt, um halb acht geht es ins Restaurant, das rund 50 Meter vom Wohnraum der Kinder entfernt liegt. In dem großen Saal gibt es Frühstück, Mittagessen und um 17.30 Uhr Abendbrot. Mittags sind auch die Schüler dabei, die zu Hause wohnen.

Heute ist Donnerstag, Donnerstag ist Frittentag: Kirsten rennt als Erste los, auf den Tisch zu, der für die Kindergartengruppe reserviert ist. Hier stehen besonders hohe Stühle um den Tisch herum, damit die Kleinen auch an alles gut herankommen. Zwei Frauen holen den Kindern das Essen und helfen beim Kleinschneiden und Essen. Kirsten spießt die Fritten sofort fachgerecht auf, Nilan möchte lieber gefüttert werden.

Lernzeit, Spielzeit

Nach dem Essen gehen die Kinder zurück in den Kindergarten, die Schüler in die Schule. Um drei Uhr am Nachmittag ist für die Kleinsten die Lernzeit zuende. Dann gehen die Lehrer, die externen Schüler und Kindergartenkinder nach Hause. Zurück bleiben die 50 Internen zwischen drei und 19 Jahre und eine Gruppe Erzieher.

„Dann haben wir Entspannung“, sagt Lieve Leenders. Wenn das Wetter gut ist, spielen die Kinder dann draußen. Und damit die Zeit für die Kleinsten nicht wie eine verlängerte Kindergartenzeit wirkt, können sie jetzt das ganze mehrere Hektar große Gelände bespielen. Kastanien sammeln, Dreirad fahren, Trampolin springen. Bei schlechtem Wetter gehen sie schon in ihre Wohngruppen, spielen Spiele, basteln, malen oder gucken Fernsehen. Bis zur Schlafenszeit um 19 Uhr.

Außer bei den Kleinsten sind die Wohntrakte für Jungen und Mädchen getrennt. Außerdem gibt es verschiedene Gruppen für die Jahrgangsstufen von Klasse 1 bis Klasse 6 und von Klasse 7 bis 12. Uuna zum Beispiel ist in der 7. Klasse und wohnt Tür an Tür mit Kirsten, Alyssa und Nilan. Für Uuna und auch für ihre jüngere Schwester Willow, die beide aus Heinsberg-Braunsrath stammen, gehören die Kindergartenkinder mittlerweile zum Alltag dazu: „Wir helfen ihnen, wenn sie irgendetwas nicht können, oder wir spielen schon mal mit ihnen. Meistens macht das Spaß, aber sie können auch schon mal nerven“, sagt Uuna.

Als wollte sie Uunas Sätze unterstreichen, krallt sich in dem Moment die kleine Kirsten an Alyssas Haaren fest. Alyssa schreit wie am Spieß, ruft nach ihrem Papa. Kirsten lässt nicht locker, bis Raf Dubois die beiden trennt. Er nimmt Kirsten auf den Arm und hält ihr eine kurze Standpauke: „Du darfst niemandem wehtun, hörst Du?“, sagt er.

„Die Internatskinder sind untereinander wie Geschwister. Die Großen helfen den Kleinen. Es ist abends jemand für die Kinder da, nachts ist jemand da. Eigentlich ist alles wie in einer Familie, wie zu Hause auch“, sagt Lieve Leenders. Nur eben ohne Vater und ohne Mutter.

Lanaken ist nicht das einzige belgische Internat, das Kindergartenkinder aufnimmt, aber es ist bislang eine Ausnahme. Auf deutscher Seite, in Nordrhein-Westfalen, sieht die Sache anders aus: „Eine solche Einrichtung ist uns nicht bekannt“, heißt es im Familienministerium. Bei massiven familiären Problemen gibt es Pflegefamilien und Kinderheime, aber keine Internate. In Belgien sieht man die Sache sehr pragmatisch: „Es ist ganz einfach so: Es gibt viele Eltern, die haben ein zeitliches oder ein anderes Problem, auf ihre Kinder achtzugeben. Dann muss man eine Lösung suchen“, sagt Lieve Leenders. Und Raf Dubois fügt hinzu: „Die Eltern machen sich oft viele Vorwürfe und denken, sie hätten als Eltern versagt. Die nehmen das Angebot nur an, weil es notwendig ist.“

Trennung oder Jobverlust

Es seien mehrere Faktoren, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt hätten und die dazu führten, dass Eltern ihre Kinder die Woche über weggeben. Das Fehlen der Großeltern oder die Trennung der Eltern oder Jobverlust durch Schließung mehrerer großer Firmen in Limburg wie zum Beispiel der Ford-Werke. „Dadurch müssen Eltern sich Arbeitsstellen suchen, die weiter entfernt liegen, oder sie brauchen mehrere kleine Jobs, die zusammen erst ein Gehalt ergeben“, erklärt Lieve Leenders die Entwicklung. Die Eltern der Dreijährigen in Lanaken haben auch sozial unterschiedliche Hintergründe: Sie sind im Schichtdienst, ein Ehepaar führt ein Restaurant, ein Mann ist Schiffer. Für den Alleinerziehenden gibt es eine flexible Regelung mit seiner Tochter: In den Wochen in denen er auf See ist, bleibt die Kleine im Internat. Wenn er wochenweise zu Hause ist, kann auch seine Tochter zu Hause in ihrem Bett schlafen.

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