Stoumont/La Gleize - „Gelebte Geschichte“ in Uniformen von damals

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„Gelebte Geschichte“ in Uniformen von damals

Von: Alexander Barth
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Was von der Schlacht übrig blieb: Ein Ungetüm von Panzer, ein „Königstiger“, steht vor dem Museum „December 1944“ in La Gleize im Norden der Ardennen. Foto: Alexander Barth

Stoumont/La Gleize. Sieben Jahrzehnte danach sind die Befreier zurück in den belgischen Ardennen. Oder zumindest ihre Hüllen. Gruppen von Gestalten in Olivgrün bewegen sich in diesen Tagen durch die hügelige Landschaft, sie passieren Orte wie Malmedy, Stoumont, Bastogne oder Stavelot – Städte und Dörfer, die im Winter 1944 Schauplätze des letzten Versuchs eines taumelnden Verbrecherregimes waren, einem längst verlorenen Krieg die Wende zu geben.

Wo vor 70 Jahren die letzte große deutsche Offensive des Zweiten Weltkriegs tobte, wird in diesen Tagen auf vielfältigen Wegen und Ausprägungen gedacht.

Die Gestalten in den altmodischen Uniformen, welche keinem heutigen Militärstandard mehr entsprechen würden, sind wohl der skurrilste Bestandteil der Erinnerungskultur. Das Stahlungetüm vor dem Museum „December 1944“ in La Gleize, eine gute Autostunde vom Dreiländerpunkt entfernt, ist für sie Anziehungspunkt und Mahnmal zugleich. 69 Tonnen wiegt der deutsche Panzer vom Typ „Königstiger“, der die Dorfidylle maximal aufbricht.

Seinen Verbleib in Ostbelgien verdankt er der hastigen Flucht seiner Besatzung. Nach dem Stillstand der deutschen Offensive, die am 16. Dezember begonnen hatte, machten sich Kolonnen von Soldaten schon vor den Weihnachtstagen zu Fuß auf den Rückweg Richtung Deutschland. Zuvor sprengten viele ihre Fahrzeuge dort, wo sie ihnen ausgegangen waren.

Die Tage zuvor waren vom deutschen Vormarsch geprägt. Die von Hitler selbst erdachte Operation „Wacht am Rhein“ kam für die Alliierten so überraschend, genauso wie der extreme Wintereinbruch nach dem 16. Dezember. Die Schlacht, die zwischen Mitte Dezember 1944 und Ende Januar 1945 über die Hügel im äußersten Osten Belgiens und im nördlichen Luxemburg hinwegfegte, hat in der Erinnerung der Beteiligten viele Namen: Ardennenschlacht, Rundstedt-Offensive, „Battle of the Bulge“ (etwa „Schlacht um die Ausbuchtung“). Letztere Formulierung hat sich im englischen Sprachraum etabliert und spielt auf die geografische Situation nach dem deutschen Vorstoß an.

Rund 250.000 Soldaten setzten sich am dritten Adventssonntag 1944 zwischen Monschau und dem luxemburgischen Echternach in Bewegung. Ihr Auftrag: Die Maas überqueren und später den Hafen von Antwerpen zurückerobern.

Für diesen Plan warf Adolf Hitler seine letzten Reserven in den Westen – und scheiterte. Genaue Zahlen über das große Sterben in den Ardennen gibt es kaum. Die Aachener Historiker René Rohrkamp und Peter Quadflieg halten in ihrem Buch „Das Massaker von Malmedy“ eine Zahl von 80.000 Gefallenen, Vermissten und Verwundeten auf jeder Seite für plausibel.

Das von der deutschen Führung befohlene rücksichtslose Vorgehen auf dem geplanten Weg nach Antwerpen bereitete auch den Boden für das wohl dunkelste Kapitel der Kämpfe in den Ardennen – die Erschießung von amerikanischen Gefangenen und belgischen Zivilisten. Sie sind bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung im Osten Belgiens ebenso wie in der amerikanischen Erinnerungskultur verankert, während die grausamen Ereignisse in Deutschland heute weniger bekannt sind.

Der Mord an mehr als 100 Zivilisten in der alten Abteistadt Stavelot durch Angehörige der SS-Kampfgruppe Peiper etwa, ebenso das bis heute nicht restlos aufgeklärte „Massaker von Malmedy“ an einer Straßenkreuzung im Vorort Baugnez, bei dem 80 GIs erschossen wurden, die sich bereits ergeben hatten.

Kaum bekannt ist auf beiden Seiten des Atlantiks die Geschichte der „Wereth 11“. Ebenfalls am 17. Dezember erschossen SS-Männer im Dorf Wereth elf dunkelhäutige US-Soldaten, die am Tag zuvor im Chaos der Offensive vor den vorrückenden Deutschen geflüchtet waren. Auch sie hatten sich ergeben, nachdem sie bei einer Familie Schutz gefunden hatten, dann jedoch von Nachbarn verraten worden sein sollen. Sowohl in Wereth als auch in Baugnez konnten die Toten erst im Januar 1945 geborgen werden. Schnee und Eis hatten ihre Körper über Wochen zugedeckt.

Kevin Derwahl ist einer von denjenigen, die sich in diesen Tagen regelmäßig in historischer Uniform und am Steuer eines restaurierten Jeeps in die Ardennen aufmachen, um ihren ganz eigenen Beitrag zum Gedenken zu leisten. Derwahl ist 33 Jahre alt, betreibt in Aachen ein Piercing-Studio und beschreibt sich selbst als „politisch links.“

Weder übersteigerter Militarismus noch eine verharmlosende Geschichtsinterpretation treiben ihn an, sagt er. „Für mich als Belgier spielt eine Menge Dankbarkeit mit, wenn ich die amerikanische Uniform anziehe oder mit dem Jeep unterwegs bin. Ich denke, was wir tun, ist gelebte Geschichte. Sicher ist das nicht jedermanns Sache, aber ich habe im Reenactment für mich den idealen Kanal gefunden, mein geschichtliches Bewusstsein mit anderen zu teilen.“

Seine Grenzen zieht er dabei deutlich. „Ich lehne Krieg ab, sehne mich auch nicht nach der Zeit vor 70 Jahren zurück. Da ist nur irgendwo der Wunsch, alles verstehen, vielleicht auch nachempfinden zu wollen, auch wenn das vermessen klingt.“ Mit einem guten Dutzend Freunde gründete er vor einigen Jahren die „Eupen Military Vehicle Friends“, ist mit ihnen ständig unterwegs auf großen und kleinen Veranstaltungen in Dörfern und Städten Belgiens, die einst vom Krieg betroffen waren.

Dort zeigen sie ihre liebe- und mühevoll restaurierten Fahrzeuge, sie campieren in historischen Zelten, kochen in ausgebeulten Geschirren. Die Dinge, wie sie waren, anschaulich machen, „vielleicht auch ein Gefühl dafür zu bekommen und zu vermitteln, was diese Männer durchmachen mussten, um uns die Befreiung vom NS-Regime zu bringen“, nennt Derwahl als Beweggründe. „Unsere Passion ist mit einer düsteren Geschichte behaftet, an deren Ende aber die Freiheit Europas stand.“

Eine weitaus stillere Form des Gedenkens spielt sich rund um den Jahrestag in anderen Dörfern ab, die von der Ardennenschlacht heimgesucht wurden. In Cheneux etwa, wo kurz vor Weihnachten 1944 Kämpfe zwischen einer SS-Panzerdivision und amerikanische Einheiten tobten, künden frisch aufgestellte Tafeln vom Leid der Zivilbevölkerung. Schätzungen gehen von etwa 3000 getöteten Einwohnern Belgiens und Luxemburgs während der Kämpfe in der Region aus.

Einer von denen, der das Leid hautnah miterlebte, ist der 80-jährige Pol Servais. Nach seinen Erinnerungen und denen anderer Einwohner von Cheneux wurden die Texte für die Gedenktafeln verfasst. „Ich war zehn Jahre alt, als die Deutschen uns hier überfielen. Was ich damals sah, prägte mich für mein ganzes Leben“, sagt Servais. Groll hegt er heute nicht mehr. „Das alles darf nicht vergessen werden. Aber ich wünsche mir auf ewig eine Aussöhnung aller, die unter dem Wahnsinn Hitlers zu leiden hatten. Egal ob Belgier, Luxemburger, Amerikaner oder Deutsche.“

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