Aachen - Geisterfahrten: NRW gegen Warnschilder

Geisterfahrten: NRW gegen Warnschilder

Von: Lukas Weinberger
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Hinter der Grenze: In Belgien sind Warnschiler eingeführt worden, in Deutschland haben sie sich bislang nicht durchgesetzt.
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Trümmerhaufen: Vergangene Woche ist ein 40-jähriger Mann mit seinem Auto vorsätzlich in falscher Richtung auf die A 4 aufgefahren und wenig später mit einem Lastwagen kollidiert. Der Eschweiler starb im Autowrack, der Lkw-Fahrer erlitt einen Schock. Foto: Ralf Roeger, Harald Krömer

Aachen. Völlig zerfetzt liegt das Cabrio auf der Autobahn 4 bei Weisweiler, daneben leuchtet Blaulicht. Rettungskräfte stehen am Autowrack, tun können sie nichts mehr. Für den 40-jährigen Fahrer kommt jede Hilfe zu spät, er stirbt noch an der Unfallstelle. Der Eschweiler war mit seinem BMW vergangene Woche Donnerstag frontal in einen Lastwagen gerast. Vorsätzlich, er hatte seinem Leben ein Ende setzen wollen. Auf der Autobahn. Als Geisterfahrer.

Verheerende Folgen

Der Unfall vergangene Woche Donnerstag hatte für große Bestürzung gesorgt – und er ist nicht beispiellos. Jährlich werden bundesweit laut ADAC zwischen 2400 und 2700 Geisterfahrer gemeldet, die meisten davon auf Autobahnen. Falschfahrten gehen zwar meist glimpflich aus, doch rund 75 bis 80 Mal pro Jahr kommt es zu Unfällen. Mit meist verheerenden Folgen: Vor gut einem Jahr verlor ein 20-jähriger Mann nach einer durchzechten Nacht auf der Autobahn 5 von Karlsruhe nach Basel die Orientierung, wendete und krachte frontal in ein Taxi. Er und fünf weitere Menschen starben. Oder im Dezember 2012: Damals war ein 70-Jähriger über eine Ausfahrt auf die A 52 bei Gelsenkirchen gefahren, war nach gut 200 Metern Falschfahrt mit dem Auto eines Ehepaares zusammengestoßen. Die beiden Lehrer starben, der Geisterfahrer überlebte den Unfall. Tragisch war auch der Fall, der sich im Februar in Erftstadt ereignete: Ein Vater hatte seine beiden Kinder umgebracht, nahm sich dann als Geisterfahrer auf der A 61 das Leben. Im Schnitt sterben bei Geisterfahrer-Unfällen 20 Menschen pro Jahr, 2012 gab es sogar 26 Tote bei Geisterfahrer-Unfällen, 2013 wird die Zahl wieder bei ungefähr 20 Toten liegen, sagt ein ADAC-Sprecher. „Autobahnen sind aber trotz der Falschfahrten die sichersten Straßen in Deutschland.“ Rund 400 Menschen kämen dort jährlich ums Leben.

Ob und, wenn ja, wie sich Falschfahrer-Unfälle verhindern lassen, ist höchst umstritten. Ein Patentrezept gibt es nicht, da sind sich Experten einig. „Komplett zu verhindern, sind Geisterfahrten definitiv nicht“, erklärt der ADAC-Sprecher. Wenn jemand in die falsche Richtung fahren will, dann würde er sich von nichts aufhalten lassen. Wohl auch nicht von der Idee des ehemaligen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer (CSU): Gemeinsam mit mehreren Kollegen in den Ländern wollte er neongelbe Warntafeln aufstellen, wie sie in Österreich bereits seit längerer Zeit üblich sind. Ein Pilotversuch wurde 2010 in Bayern gestartet, auch in Belgien setzt man auf solche Schilder. Wie die ostbelgische Zeitung „Grenzecho“ im März berichtet hat, ist die Zahl der Geisterfahrer seitdem um 40 Prozent gesunken. Durchgesetzt haben sich die Schilder in Deutschland jedoch nicht. Auch NRW plant nicht, die Warntafeln einzuführen, sagt ein Sprecher des NRW-Verkehrsministeriums. „Eine bewusste Falschfahrt können solche Schilder ohnehin nicht verhindern“, sagt ein Sprecher des ADAC. Auch wenn Alkohol im Spiel ist oder ein Autofahrer die Orientierung verliert, würden die Schilder ihren Zweck nicht erfüllen.

In die Fahrbahn integrierte, ausfahrbare Metallkrallen, die bei Falschfahrten die Reifen zerstören, halten viele Fachleute ebenfalls für wenig sinnvoll. „Kaum zu bezahlen“ seien solche Vorrichtungen, heißt es aus dem NRW-Verkehrsministerium. Schließlich müssten an allen Auffahrten, Raststätten und Parkplätzen Umrüstungen erfolgen. „Außerdem fahren auch Rettungsfahrzeuge manchmal in falscher Richtung über die Autobahn“, sagt der Sprecher des Verkehrsministeriums weiter. Zudem weiß niemand, ob die Krallen auch bei Schnee und Eis funktionieren, ergänzt der ADAC-Sprecher. Und ein Fahrer, der auf der Autobahn wendet, könnte so nicht gestoppt werden.

Doch was wird getan, um Falschfahrten zu verhindern? Bewährt hat sich die sogenannte Beschleunigte Kommunikation, bei der Radiosendungen unterbrochen werden und vor Falschfahrern gewarnt wird. Zudem würden regelmäßig bei Verkehrsschauen auch Autobahnauffahrten unter die Lupe genommen, sagt der Sprecher des NRW-Verkehrsministeriums. Haltelinien würden vorgezogen, Schilder gedreht. Generell sei die Beschilderung aber an fast allen Stellen in NRW für ausreichend befunden worden.

„Im Grunde kann man nicht mehr tun“, heißt es aus dem Ministerium. Jede Falschfahrt sei zwar eine zu viel, dennoch wäre das Verhindern von Geisterfahrten „nicht so einfach“. Noch mehr bauliche Maßnehmen könnte man nicht vornehmen. Lösungen erhofft man sich auch dort vom technischen Fortschritt, von einem „Car-to-car“-System etwa, bei dem Autos miteinander „kommunizieren“ und sich gegenseitig auf eventuelle Gefahren hinweisen. Jedes Leben kann aber wohl auch damit nicht gerettet werden.

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