Aachen - Geiselnahme bei der „Arge”: 47-Jährige vor Gericht

Geiselnahme bei der „Arge”: 47-Jährige vor Gericht

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Etwa 100 Polizisten, darunter SEK-Spezialisten, standen am 5. September 2007 morgens an der Vaalser Straße bereit.

Dort im Gebäude der „Arge”, zuständig für die „Grundsicherung” der Menschen, spielte sich ein Geiseldrama ab, das anfänglich niemand so richtig ernst nahm.

Die 47-jährige Gudrun G., die sich seit Donnerstag vor dem Schöffengericht wegen erpresserischem Menschenraub, Nötigung und Körperverletzung verantworten muss, wusste nicht mehr weiter, wie sie der Vorsitzenden Richterin Katrin Thierau-Haase gestand. Den Weg der Aachenerin, Geld oder wenigstens ein paar Essensmarken von der Aachener Arge-Behörde zu ergattern, bezeichnete Verteidiger Thomas Koll am Donnerstag als nicht sehr hilfreich. Seiner Mandantin hätten die Leistungen durchaus zugestanden.

Die arbeitslose Pädagogin (sie erstelle Bildungspläne für private Schulen, gab sie an) und Mutter zweier halberwachsener Kinder marschierte an jenem Tag gegen 10 Uhr in das Büro des dortigen Arge-Chefs Rolf B. (56), in ihrem Gefolge ein alter Freund, der sie privat unterstützte. „Gebt mir mein Geld”, habe sie erregt geschrien, beschrieb das Opfer die Situation. Als er sie - die zierliche Frau war als schwieriger Fall bekannt und wurde zudem des Leistungsbetrugs verdächtigt - der Türe verweisen wollte und ihr unmissverständlich bedeutete, sie solle ihren Anwalt konsultieren, flippte sie aus. Sie begann zu treten, dann zückte sie eine langläufige Pistole, schloss die Türe ab.

Ihre Luftpistole wirkte angsteinflößend, war aber in Wahrheit nicht funktionstüchtig. Rolf B. beschrieb, wie sie erregt ihre Forderungen stellte. Wenn nicht Bares, dann wolle sie wenigstens Essensmarken haben. Das Gepoltere rief eine Kollegin auf den Plan. Die 46-jährige Ulla W., Leiterin der Widerspruchsabteilung, kam durch eine Hintertür ins Büro. „Ulla, gut dass du kommst”, meinte der Kollege, sie selbst sei „sehr erschrocken” gewesen. Auch auf sie richtete die Wütende ihre Pistole, „genau auf die Stirn”.

Beide Bedrohte reagierten im Folgenden völlig unterschiedlich. W. redete begütigend mit der Frau, die später sogar aus dem Fenster springen wollte, und versicherte ihr, sie werde sich um die Gutscheine kümmern: „Ich hätte sie ihr gegeben.” Sie durfte raus, auch der Freund entfernte sich.

Ab da waren Gudrun G. und Rolf B. alleine, er: „Ich sagte nein. Ihr standen auch keine Essensmarken zu.” Sie habe vorher sogar angekündigt, die Marken aus Protest an politische Parteien zu schicken, meinte B. empört. Nach knapp drei Stunden gab sie die Waffe ab, die Polizei führte sie ab. Der dreitägige Prozess geht am 22. Januar weiter, eine Strafe von bis zu vier Jahren Haft ist möglich.
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