Aachen - Geheimer Gewinner aus dem Untergrund

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Geheimer Gewinner aus dem Untergrund

Von: Stefan Herrmann
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Die „Sissi” von der Schweiz:
Die „Sissi” von der Schweiz: Am 15. Oktober 2010 durchbrach der gleichnamige Bohrer die letzten Meter des Gotthard-Basistunnels. Die Herrenknecht-Maschine ist „made in Foto: dpa

Aachen. Ein Mann der leisen Töne ist er nicht. Martin Herrenknecht liebt das offene Wort. Da scheint es so gar nicht ins Bild zu passen, dass man ihn und seine Firma als „Hidden Champion”, als geheimen Gewinner der deutschen Wirtschaft tituliert.

Auf den zweiten Blick passt es aber dann doch wieder ganz gut, schließlich ist Herrenknecht schon früh in den Untergrund abgetaucht. Seine Leidenschaft: das Bohren. Nicht in der bescheidenen Heimwerker-Variante, sondern im großen Stil. Im ganz Großen.

„Ein Jahrtausendprojekt”

Vergangenes Jahr gingen Bilder seiner Maschinen um die Welt. Am 15. Oktober 2010 durchstieß sein gigantischer Bohrer die letzten Meter Gesteinsbrocken in der Schweiz. Ein Meilenstein war geschafft. Der Gotthard-Basistunnel soll zukünftig den Norden und den Süden des europäischen Kontinents besser verbinden. 2000 Meter unter den Schweizer Alpen vollbrachten Herrenknechts Maschinen präzise Ingenieurskunst „made in Germany”. Wenn der für den Zugverkehr gebaute Gotthard-Basistunnel 2016 seinen Betrieb aufnimmt, wird er mit 57 Kilometer Länge der Größte der Welt sein. „Ein Jahrtausendprojekt” sagt Herrenknecht bei seinem Besuch in Aachen.

Dort spricht er beim Forum der studentischen Verbindung „Corps Delta Aachen” vor Studenten, Absolventen und Professoren der RWTH Aachen über die Leistungsfähigkeit modernen Tunnelbaus. Für Herrenknecht ein Tripp von Putin in die Provinz. Tags zuvor saß der 69-Jährige noch in Moskau, verhandelte mit dem amtierenden Ministerpräsidenten und zukünftigem Wieder-Präsidenten Russlands über künftige Groß-Projekte. Alltag für den Bundesverdienstkreuz-Träger und Ehrensenator der Uni Karlsruhe.

Leute wie Putin scheinen dem Badener Herrenknecht zu liegen. Er mag es, wenn jemand klare Kante zeigt. In St. Petersburg soll bald der größte Bohrer mit einem Schilddurchmesser von 19,25 Meter den Fluss Newa untertunneln. Das wäre wieder ein Weltrekord. Für den Chef von weltweit 4000 Mitarbeitern - 2000 davon in Deutschland - nur ein weiteres Kapitel in einer Erfolgsgeschichte, die 1977 begann. Er sagt: „Es war schon immer mein Wunsch, in der Königsklasse des Tunnelbaus mitzumischen.” Es ist die klassische Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär: vom Volkschulabschluss im badischen Allmannsweier zum „Global Player”. Dort, in Allmannsweier, ist der Sitz seines Unternehmens „Herrenknecht Tunnelvortriebstechnik”. 25.000 D-Mark lieh er sich einst von seiner Mutter, um die Firma zu gründen. „Die hab ich zurückgezahlt mit Zins und Zinseszins”, sagt Herrenknecht mit spitzbübischem Lächeln. Heute erwirtschaftet die Herrenknecht AG einen Umsatz von einer Milliarde Euro. Finanz- und Wirtschaftskrise gingen beinahe geräuschlos am Tunnelweltmeister vorbei. Seine Maschinen graben sich auf allen fünf Kontinenten durch den Untergrund.

Genau dort liegt für Herrenknecht die Zukunft. Erst vor wenigen Wochen hat die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Es wird eng auf unserem Planeten. Mega-Metropolen und aufstrebende Schwellenländer wollen teilhaben am gesellschaftlichen Wohlstand. Der Personen- wie Güterverker wird zunehmen. Überirdische Ver- und Entsorgungssysteme stehen schon heute kurz vor dem Kollaps. Die Lösung liegt für Herrenknecht unter der Erde. Weltweit hat er mit dieser Strategie Erfolg. „Wir bauen momentan Abu Dhabi auf”, erzählt er in Aachen beiläufig. Ob Amerika oder Arabische Halbinsel, der Ingenieur schüttelt Anekdoten über skurrile Verhandlungen nur so aus dem Ärmel. „Wichtig ist, dass Sie den richtigen Scheich haben”, berichtet er über seine Erfahrungen aus Abu Dhabi. „Ich habe zwei Jahre lang den falschen Scheich gehabt.” Gelächter im Saal. So gefällt sich Herrenknecht: volksnah, offen, humorvoll.

Mit dem Kopf durch die Wand

Ob wodkagetränkte Vertragsabschlüsse in Russland oder amerikanische Halsabschneider-Anwälte, die er zum Essen in eine McDonalds-Filiale schickte - Rumeiern ist nicht sein Ding. Er bevorzugt die „Mit dem Kopf durch die Wand”-Strategie. Als Unternehmer ist er so stets gut gefahren. Als das CDU-Mitglied 2002 jedoch in seiner Heimat für den Bundestag kandidieren wollte, scheiterte Herrenknecht vorzeitig. Einer der wenigen Misserfolge in seiner Vita.

Und doch liegt für Herrenknecht genau hier das Brett, das es noch zu bohren gilt. Ein Chinese habe ihm mal gesagt, Deutschland sei wie ein lebendes Museum. Top in Know-how und Technik, aber im Stillstand verharrt. Politik und Gesellschaft zögern, die großen Herausforderungen anzupacken. Wenn das Gespräch auf lahmende Projekte wie Stuttgart 21 schwenkt, kommt der Sturkopf Herrenknecht zutage. Politiker-Kompromisse scheinen ihm ein Gräuel. Deutschland drohe zwischen Bedenkenträgern und Bürgerbegehren ins internationale Abseits zu geraten. Keine gute Perspektive für einen Macher wie Herrenknecht.

In Aachen spricht er vor seinesgleichen. Ingenieure, die anpacken und Lösungen suchen, statt Probleme zu sehen, kommen gut an am Exzellenz-Standort für technische Wissenschaften. Da ist sie, die Gemeinsamkeit von Provinz und Putin. Und Herrenknecht mittendrin. Er scheint sich wohlzufühlen.
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