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„Ganz besonderes europäisches Modelllabor“

Von: Bernd Büttgens
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Eine Region, in der es sich zu leben, zu lernen, zu studieren lohnt. Wie sieht Aachen morgen aus? Was müssen wir tun, um die Region zukunftsfähig zu machen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, präsentiert seine Gedanken im Aachener Forum am 15. März. Foto: Michael Jaspers
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Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, wird am 15. März Impulse für die Region der Zukunft geben. Aachen rechnet er hohe Chancen aus. Foto: dpa

Aachen. Wenn der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie spricht, hört man gerne zu. Weil Professor Uwe Schneidewind eine Reihe intelligenter Impulse für die Zukunft geben kann. Er wird in Aachen am Freitag, 15. März, einen Vortrag halten – beim 5. Aachener Forum, veranstaltet von der Kathy Beys Stiftung.

Und es wird um die nachhaltige Entwicklung der Regionen gehen – im Mittelpunkt stehen natürlich Aachen und Umgebung. Schneidewind ist Optimist. Er glaubt daran, dass es uns gelingt, unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Wenn ein paar Stellschrauben verändert werden. Auch hier.

Was bedeutet das eigentlich: eine Region für die Zukunft sicher machen? Wie geht das?

Schneidewind: Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob die Muster, mit denen wir bisher Regionen entwickelt haben, noch zukunftsfähig sind. Diese Muster setzten auf ein klassisches ökonomisches und ressourcenintensives Wachstum. Wir merken, dass ein solches Fortschrittsmodell immer brüchiger wird. Nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und ökonomisch. Die Innovationsmotoren kommen ins Stocken, sozial wird die Frage nach Ungleichverteilung größer trotz nominellen Wohlstandszuwaches. Wenn wir über „regionale Resilienz“ sprechen, dann meint das die Suche nach Entwicklungsmustern, die für die Zukunft taugen – ökonomisch, sozial und ökologisch.

Die Diskussion um Nachhaltigkeit wird gerne wissenschaftlich und auf höchstem Niveau geführt. Was bedeutet denn regionale Resilienz?

Schneidewind: Resilienz steht für Zukunftssicherheit in einer unsicher werdenden Welt. Sie fragt danach, wie sich eine Region aufstellen muss, damit alle Menschen dort ein gutes Leben führen können. Und dies weder auf Kosten anderer Teile der Welt noch auf Kosten unserer Enkelinnen und Enkel.

Das Thema Nachhaltigkeit klingt immer nach einem schwierigen Aufgabenfeld, das für Wissenschaftler und Politiker reserviert ist. Es geht aber in Wirklichkeit um jeden einzelnen von uns.

Schneidewind: Das stimmt. Doch die Folgen des Klimawandels und von globaler Ungerechtigkeit sind heute kein rein wissenschaftliches Problem mehr, sondern Teil unserer Erfahrung. Durch Fernsehen und Internet sind wir täglich damit verbunden. Daher ist bei vielen – gerade jungen Menschen – das Gefühl da, hier läuft vieles falsch, wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Und vor diesem Hintergrund wächst der Wunsch nach einem Wohlstand der Zukunft, von dem ich guten Gewissens sagen kann: Ja, das ist verallgemeinerbar. Und wenn alle so leben würden, dann würde das insgesamt auf dem Planeten aufgehen können.

Haben Sie das Gefühl, dass das Nachhaltigkeitsthema heute eine Grundlage von Politik ist?

Schneidewind: Durchaus. Wenn wir sehen, mit welcher breiten Unterstützung 2011 die Entscheidung für die Energiewende getroffen wurde, dann ist das ein Beleg für den Sinneswandel. Es ist schon beachtlich, wenn die Politik in einem der wichtigsten Industrieländer dieser Erde entscheidet: Trotz aller Probleme, die es mit sich bringt, steigen wir jetzt aus und nehmen ein komplett neues Energiesystem in Angriff. Vor zehn oder 15 Jahren wäre das nicht vorstellbar gewesen.

Sind wir auch schon reif, die Zukunftsentwicklung über echte Bürgerbeteiligung zu steuern?

Schneidewind: Die Zeit ist auf alle Fälle reif dafür. Projekte wie „Stuttgart 21“ zeigen doch, wie ratsam es ist, über eine frühe Bürgerbeteiligung tragfähige Zukunftsentwürfe auszuloten. Es geht hier nicht um das „Ob“, sondern um das richtige „Wie“ der Ausgestaltung. Bei der Nutzung intelligenter Verfahren der Bürgerbeteiligung stehen wir erst ganz am Anfang. Wir brauchen hier durchaus eine Kultur des Experimentierens. So wie auch ein guter Motor erst nach vielem Probieren im Labor entsteht, benötigen wir „Reallabore“ für gute Formen der Bürgerbeteiligung. Das Schlichtungsverfahren in Stuttgart oder die Ethikkommission, die die Energiewende vorbereitet hat, waren Beispiele.

Sie pochen gerne beim Blick nach vorne auf die so genannten sozialen Innovationen und setzen sie gegen die technologischen Neuerungen. Was verstehen Sie genau darunter?

Schneidewind: Wenn ich das gelegentlich pointiere, dann nicht, weil ich glaube, in der künftigen Welt gebe es keine technologischen Innovationen mehr. Doch ist es heute eben nicht mehr so, dass jede neue Technologie, dass jede neue Infrastruktur automatisch mein Leben verbessert. Daher müssen technologische Innovationen in Zukunft besser eingebettet sein in veränderte Lebensstile, neue Beteiligungsverfahren oder neue Geschäfts- und Organisationsmodelle. Das ist mit sozialen Innovationen gemeint. Car-Sharing ist ein schönes Beispiel. Es steht dafür, dass wir Produkte neu und gemeinsam nutzen. Das Mehrgenerationenhaus ist eine soziale Innovation, eine Bürgerenergiegenossenschaft gehört auch dazu. Aber auch institutionelle Innovationen müssen her: wie neue Formen der Bürgerbeteiligung.

Der aktuelle Bericht des Clubs of Rome ist pessimistisch, fast schon zynisch: „Die Menschheit wird nicht überleben, wenn sie ihre Verschwendung und Kurzsichtigkeit fortsetzt.“ Sehen Sie die Lage auch so drastisch?

Schneidewind: Die Lage ist kritisch, keine Frage, doch gleichzeitig steckt dahinter eine faszinierende Herausforderung für unsere Generation: Die nächsten 30 Jahre werden entscheiden, ob es gelingt, das Zivilisationsprojekt „Mensch“ in globaler Verantwortung weiterzuentwickeln. Und die richtige Haltung zu einer solchen Epochenherausforderung ist Hoffnung und nicht Zynismus.

Jetzt schlagen wir den Bogen zum örtlichen Geschehen, also mitten hinein in diese schöne Aachener Region. Was ist zu tun?

Schneidewind: Das Schöne ist, dass die gerade angesprochenen Veränderungen derzeit auf lokaler Ebene die größte Dynamik haben. In der Transition-Town-Bewegung etwa, die in Aachen auch erste Wurzeln schlägt, tun sich Menschen zusammen und sagen: Wir versuchen, unsere Region resilienter, also widerstandsfähiger zu machen. Zum Beispiel die Energieversorgung regionaler zu organisieren, im Viertel stärker zu kooperieren, einen Stadtgarten anzulegen. Dies hat positive ökologische Effekte und fördert sozialen Zusammenhalt. Ausgangspunkt für das Engagement sind die globalen Herausforderungen. Die tragende Motivation ist aber eine ganz persönliche, etwa zu erfahren, wie gewinnend es sein kann, längst verlorene Fähigkeiten oder eine verlorene Unabhängigkeit wieder zu erwerben. Das ist durch das Erfolgsmodell von Arbeitsteilung und modernen Wirtschaftsformen komplett in den Hintergrund getreten. Es geht nicht darum, die Uhr zurückzudrehen, aber neue Gleichgewichte herzustellen.

Braucht eine Region einen gemeinsam erarbeiteten Langzeitplan?

Schneidewind: Man braucht in der Tat eine Vision. Aber im konkreten Handeln braucht man vor allem eine große Experimentierlust.

Die Kathy Beys Stiftung hat in Aachen eine Studie gemacht, „Heimat 2035“, an deren Ende nun vier Szenarien stehen. Können solche Studien in der Entwicklung einer Zukunftsstrategie helfen?

Schneidewind: Ja, in jedem Fall. Szenarien stecken Möglichkeitsräume ab. Denn alle Probleme, die wir derzeit haben, sind von Menschen gemacht und daher auch durch Menschen lösbar. Das muss man sich immer vor Augen führen. Szenarien zeigen mögliche und wünschenswerte Zukünfte auf. Gerade aufbruchswilligen Regionen kommt hier eine wichtige Rolle zu.

Wir haben die RWTH, die FHs, die Forschungseinrichtungen in Jülich - da hat die Region richtig was zu bieten. Und das weitet sich nach Belgien und in die Niederlande aus. Wie viel Engagement im Dienste der Region kann man von denen erwarten, die hier forschen?

Schneidewind: Das Zukunftspotenzial in Aachen und im Dreiländereck ist wirklich beeindruckend. Denn hier kommt hohe technologische Kompetenz mit führendem ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Know-How in den Partnerregionen zusammen. Das Dreiländereck ist daher vermutlich ein ideales Reallabor für Systeminnovationen der Zukunft

Was heißt das konkret?

Schneidewind: Wenn wir verstehen wollen, wie sich neue Technologien mit neuen Formen gesellschaftlichen Miteinanders verbinden, dann braucht es dafür „Erprobungsräume“, wir nennen das „Reallabore“. Hier lässt sich ausprobieren, wie Menschen unter ihren täglichen Lebensbedingungen mit technologischen und sozialen Innovationen umgehen, sie weiterentwickeln. Wissenschaft beobachtet dies nicht nur, sondern regt dies aktiv an. Das ist eine regionale Chance – gerade für eine Region wie das Dreiländereck. Denn die hier lebenden, studierenden und arbeitenden jungen Leute werden gleich mit einem europäischen Blick groß. Dadurch ist Aachen ein ganz besonderes europäisches Modelllabor. Gelegentlich haben Wissenschaftler noch den Eindruck, es sei eher zu banal, wenn sie mit regionalen Akteuren kooperieren. Aber genau das Gegenteil ist eigentlich der Fall.

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