Aachen - Früher war mehr Revolution an deutschen Unis

Früher war mehr Revolution an deutschen Unis

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So viel wie nötig, so wenig wie möglich: Autorin Christiane Florin beschreibt die Studenten von heute als ergebnisorientiert, aber uninspiriert. Eine Schuld trage auch die Bologna-Reform, mit der möglichst schnell möglichst junge Absolventen produziert werden sollen. Foto: dpa
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„Zielorientiert, aber angepasst“: Christiane Florin ist enttäuscht von den Studenten. Foto: Antje Siemon

Aachen. Pflichtbewusst aber desinteressiert sammeln sie Punkte für ihren Bachelor-Abschluss an der Uni. „Die Zeit der politisch interessierten, engagierten Studenten, die die Gesellschaft verändern wollen, ist vorbei.“ Das schreibt Christiane Florin in ihrem gerade erschienenen Buch „Warum unsere Studenten so angepasst sind“.

Die Politikwissenschaftlerin lehrt seit mehr als zehn Jahren an der Universität in Bonn. Unsere Redakteurin Madeleine Gullert sprach mit ihr über die Studenten von heute.

Sie sind wohl die erste Dozentin, die sich über eifrige Studenten beschwert.

Florin: Keine Sorge, Leistungsbewusstsein führt bei mir nicht zum Punkteabzug. Natürlich gehört zu einem Studium Fleiß. Aber was ich vermisse – sowohl in den Seminaren, als auch in den Hausarbeiten – sind Leidenschaft und Neugier. Fleiß heißt: Ich erfülle als Studentin pflichtbewusst Aufgaben, die Hochschullehrer stellen. Aber ich meine, das reicht nicht. Zu einer akademischen Bildung gehört auch, dass ich über das hinausgehe, was der Dozent mir da vorne erzählt. Man kann sich auch auf den Standpunkt stellen: Ist doch egal, wenn die Studenten Credit Points sammeln wie andere Payback-Punkte an der Kasse, Hauptsache, sie schaffen den Abschluss. Ich stelle mir unter akademischer Bildung allerdings etwas anderes vor.

Wie würden Sie die Studenten von heute beschreiben?

Florin: „Die“ Studenten gibt es nicht, aber es gibt eine kritische Masse von Unkritischen. Die Abiturienten, die jetzt ihr Studium beginnen, haben ein sehr genaues Gespür dafür, was gesellschaftlich von ihnen erwartet wird. Diese Erwartung wird in politischen Diskursen, in Stellungnahmen der Wirtschaft, im Elternhaus und in Medienberichten zu Bildungsthemen erzeugt. Wer heute 18, 19, 20 Jahre alt ist, bekommt zu spüren, wie sich in den vergangenen Jahren das Verständnis von Bildung gewandelt hat. Der Soziologe Heinz Bude hat das mit dem Buch „Bildungspanik“ gut getroffen. Bildung wird als eine Abfolge von Abschlüssen verstanden: gute Noten, viele Praktika und selbstverständlich Auslandsaufenthalte.

Sind die jungen Leute darauf vorbereitet?

Florin: Die meisten Studenten stammen mindestens aus der gehobenen Mittelschicht. Sie sind an ein grenzenloses Bildungs- und Förderungsangebot gewöhnt – von Oboen-Unterricht über den Chinesischkurs bis zum Tai Chi. Studenten sagen mir oft, dass sie unter Druck stehen; sie müssen mindestens mit ihren Eltern gleichziehen. Studium ist für sie nicht eine Zeit der Freiheit, sondern das Erfüllen von Erwartungen. Diese Generation ist die erste, die versucht, alles zusammenzubringen: eine aufregende Partnerschaft, einen Beruf, der mehr als Geld verdienen bedeutet, Zeit für sich, Sport, gute Ernährung, mit gutem Gewissen einkaufen und all diese Dinge. Andere Generationen haben nicht geglaubt, so viel auf einmal versuchen zu müssen.

Woher kommen diese Erwartungen?

Florin: Die Wirtschaftsverbände, also die künftigen Arbeitgeber, formulieren sehr vernehmlich ihre Erwartungen. Sie wollen optimale Lebensläufe mit den vorhin genannten Punkten. Hochschulabsolventen machen sich heute schon Sorgen, wenn sie eine Drei bekommen. Man traut sich als Lehrende kaum, jemandem eine 2,7 zu geben. Schon beim Abitur ist es so, dass manche Schüler lieber die letzte Klasse wiederholen, als dass sie einen Abi-Schnitt haben, bei dem nicht mindestens eine zwei vor dem Komma ist. Es entsteht dieses Gefühl, man müsse immer mehr immer schneller mit immer besseren Noten machen; sogar nach dem Master müsse noch eine Zusatzqualifikation draufgesattelt werden, in der möglichst das Wort „Management“ vorkommt.

Woher rührt diese Entwicklung?

Florin: Es gibt eine große Unsicherheit, zu erkennen, was wirklich wichtig ist, und was wirklich erwartet wird. Vor allem aber ist das Gefühl verbreitet, man könne an diesen Bedingungen gar nichts ändern. Als ich Ende der 1980er studiert habe und erst recht 20 Jahre zuvor, da war die Grundstimmung: Wir können Diskurse in Gang setzen, die die Gesellschaft verändern. Wenn man sich heute Jugendstudien anschaut, stellt man eine gut gelaunte Resignation fest. Die Unter-25-Jährigen sind zwar optimistisch, ihren Platz im Leben zu finden. Aber letztlich ist es egal, ob SPD oder CDU regieren, weil ja alles angeblich alternativlos ist. Das eigene Leben auf die Reihe zu bekommen, ist schon schwer genug; da bleibt für größere Entwürfe keine Energie übrig. Gesellschaftliche Debatten sind selbst in einem Fach wie Politikwissenschaft schwer in Gang zu bringen. Klar, Studenten interessieren sich für den Klimawandel und seine Folgen, aber beim Thema Regierungslehre kommen die wenigsten auf den Gedanken, dass man sich am politischen Prozess beteiligen und ihn verändern kann. Das meine ich mit Anpassung.

Warum studieren junge Menschen dann überhaupt noch Geisteswissenschaften und nicht alle BWL?

Florin: Die Frage habe ich Studenten auch schon häufiger gestellt. Es sind ein paar dabei, die politisch interessiert und engagiert sind. Das Gros antwortet, man müsse ja irgendwas studieren. Es sei doch politisch gewollt, dass möglichst viele Abitur machen und ein Studium absolvieren. Die Studenten kennen meist nicht einmal die Schwerpunkte ihrer Universität oder das Profil ihres Instituts. Da denke ich schon manchmal: Mensch, es hat Euch doch keiner gezwungen, dieses Fach zu studieren. Warum sitzt ihr jetzt so lustlos vor mir?

Interessieren die sich nicht für Politik?

Florin: Politik interessiert, wenn sie die Studenten direkt betrifft oder wenn man einen erweiterten Politikbegriff nutzt – abseits von Parteien, Institutionen und Staatskunde. Die meisten finden Parteien langweilig, aber haben keine Antwort darauf, wie politische Willensbildung ohne Parteien stattfinden könnte. Der politische Betrieb reagiert auf dieses veränderte Politikinteresse, indem er auf kurzfristige Kundenbindung spekuliert. Wenn das Like bei Facebook gesetzt wird, reicht es vielen Politikern auch schon. Viel mehr Engagement ist auch nicht zu erwarten.

Ärgert Sie diese Passivität der Studenten?

Florin: Ich wundere mich, was die Studenten aushalten, welche Zumutungen sie hinnehmen. Da werden in einem Seminar eine These pro und eine kontra präsentiert; da würde ich mich um die zehn anderen möglichen Thesen betrogen fühlen. Es wäre wichtig, dass die Studenten andere Inhalte einfordern. Aber das geschieht nicht. Sie arbeiten stattdessen mehr oder weniger brav ihre Listen ab. Es ist schade, wenn Bildung nur als Druck oder als Berg von Aufgaben, den man in möglichst kurzer Zeit abtragen muss, empfunden wird. Das lässt Debatten verarmen – zunächst an der Hochschule, später in der Öffentlichkeit. Ein Wort wie „alternativlos“ darf es doch eigentlich nicht geben. Wir Geisteswissenschaftler sind doch dazu da, uns andere Entwürfe zu überlegen.

Wie ist eine solche Studentenschaft für Sie als Dozentin?

Florin: Die Studenten erwarten einen Alleinunterhalter. Das ist anspruchsvoll, weil man keine Sekunde langweilen darf. Die Frus­trationstoleranz ist niedrig. Man muss das Politische sehr persönlich vermitteln, durchaus auch mit der Frage: „Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie das hören?“ Da geht dann die Abstraktion verloren. In Medienethik versuche ich, mit provokanten Texten oder praktischen Fragen nach dem Muster „Würden Sie dieses Kriegsfoto in Ihrem Online-Magazin veröffentlichen?“ den Sinn dafür zu schärfen, dass es selten nur eine einzige, prüfungsrelevante Antwort gibt. Ich hoffe, mit dem Buch jene Diskussion in Gang zu setzen, die im Seminarraum so schwer möglich ist.

Was kann die Lehre denn ändern?

Florin: Wir müssen schlicht zur Kenntnis nehmen, dass die Studenten sich verändert haben. Wir Lehrende gehen zum Beispiel noch immer davon aus, dass jemand, der studiert, auch mal gerne einen längeren Text liest, auch einmal das Werk einer Geistesgröße. Sei es, weil man etwas lernen kann, sei es, weil man nach der Lektüre wenigstens fundiert begründen kann, dass Adorno oder Weber nicht mehr zeitgemäß sind. Wenn Sie aber dann eine Literaturliste verschickt haben, stellen Sie fest, dass ausdauerndes Lesen keine selbstverständliche Kulturtechnik ist. Also fertige ich kleine Reader an, verschicke die per Mail und schreibe ausdrücklich „Bitte lesen“ rein. Einige Kollegen bieten aufgrund solcher Erfahrungen Lektürekurse an, in denen dann gemeinsam über Originaltexte gesprochen wird. Und wenn es dafür Punkte gibt, dann klappt das mit dem Lesen plötzlich.

Sind das alles Folgen der Einführung von Bachelor und Master?

Florin: Nein, der Bologna-Prozess hat nur eine schon vorhandene gesellschaftliche Grundstimmung auf die Hochschulen übertragen: Effizienz, Nützlichkeitsversprechen, Vergleichbarkeit. Mich wundert, dass da so wenig Widerspruch kommt. Mein Eindruck ist, dass die Punktebewertung und der vorgegebene Stundenplan den Studenten Halt geben. Der Übergang von der Schule zur Uni ist jetzt leichter. Im Prinzip ist beinahe alles vorgegeben, etwa welchen Kurs man wann macht. Früher hätten Studenten das als Freiheitsberaubung kritisiert; jetzt ist eine vergessene Vorschrift schlimmer als das Dickicht an Vorgaben. Wenn ich befehlen würde: 15 Seiten Hausarbeit, exakt 20 387 Zeichen und keinen Buchstaben mehr – da gäbe es keinen Widerspruch. Es ist eher meine Altersgruppe, die hinterfragt, ob so viel Formalismus überhaupt noch Bildung oder lediglich Ausbildung ist.

War die Bologna-Reform ein Fehler?

Florin: Es war ein Fehler, die Uni auch noch zu ökonomisieren. Ich bin kein Verfechter des Bummelstudiums. Es ist gewiss nicht erstrebenswert, 40 Semester zu studieren, aber es war nicht richtig, eine Schul- und Hochschulreform in Gang zu setzen, weil der Wirtschaft die deutschen Absolventen zu alt waren. Das ganze Studium wurde umgemodelt, mit etlichen Prüfungen vollgestopft; und jetzt hören wir, dass die Wirtschaft die Bachelor nicht will. Da heißt es dann, diese jungen Absolventen seien nicht reif. Ein Master müsse es mindestens sein. Man darf sich nicht von ökonomischen Kriterien alleine leiten lassen. Natürlich soll ein Studium nicht in die Arbeitslosigkeit führen, doch man kann nicht immer im Vorhinein wissen, was später im Berufsleben mal wichtig ist.

Was für einen Schluss ziehen Sie daraus?

Florin: Wir müssen gerade in den Geisteswissenschaften klären, was wir überhaupt unter akademischer Bildung verstehen. Für Medizin- oder Ingenieurstudenten ist das leichter zu beantworten, weil die Studiengänge auf ein klares Berufsbild hinauslaufen. Bolog­na hat Geisteswissenschaftler im Selbstwertgefühl tief getroffen. Die Fächer Politik oder Geschichte zum Beispiel leben von der Kontroverse, davon, dass man auch mal einen Umweg riskiert, um Zusammenhänge zu erkennen. Es gibt in den Geisteswissenschaften nicht nur gesichertes, abfragbares Wissen, sondern es ist wichtig, auf scheinbar Gesichertes aus einer anderen Perspektive zu schauen. Das sehen Sie gerade in diesem Jahr an einem Forschungsthema wie dem Ersten Weltkrieg. Doch wir haben uns zu sehr dem Nützlichkeitsdenken unterworfen.

Sind Sie da selbstkritisch?

Florin: Klar frage ich mich, wo wir eigentlich alle gewesen sind, als die Bologna-Reform beschlossen wurde. Da gab es ein allgemeines Abtauchen. Die grundsätzliche Überlegung, was ein Studium sein soll, die haben wir alle gescheut. Mein Buch soll kein Studenten­bashing sein. Wer an der Hochschule lehrt, hat keine didaktische Ausbildung: Wie vermittele ich das, was mir wichtig ist? Wie motiviere ich? Wie wecke ich Neugier? Diese Fragen stellen wir uns kaum. Wir haben fast 2,5 Millionen Studenten, die sind alle mit der Lehre konfrontiert. Doch entscheidend für die Karriere an der Hochschule sind Publikationen, Forschung und der Erfolg bei der Einwerbung von Drittmitteln. Die Lehre soll nebenbei mitgemacht werden. Aber jetzt stellen wir fest, dass verunsicherte, angepasste Studenten ganz schön viel Arbeit machen.

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