Aachen - Frank Pohle: Die Region hat geschichtlich viel zu bieten

AN App

Frank Pohle: Die Region hat geschichtlich viel zu bieten

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
6377058.jpg
Erforscht die Geschichte der Region: RWTH-Historiker Frank Pohle. Foto: Michael Jaspers
6388446.jpg
Statue Karls des Großen vor dem Aachener Rathaus.

Aachen. Karl? Natürlich Karl. Und zwar: der Große. An dem Karolinger-Kaiser kommt Frank Pohle vor allem im nächsten Jahr nicht vorbei. Doch die Juniorprofessur „Geschichte und Kultur der Region Maas/Rhein“, die an der RWTH Aachen eingerichtet worden ist, soll weit über das Wirken Karls und die Stadtgrenzen Aachens hinausgehen. Welche Ziele der promovierte Historiker hat und welche Reize das regionalgeschichtliche Forschungsfeld bietet, erzählt er im Interview mit unserer Zeitung.

 

Wenn ich den Namen Karl der Große in den Mund nehme, dann sagen Sie . . .,

Pohle: . . . dass er seit vielen Jahrhunderten die Identifikationsfigur der Stadt Aachen und als solche in immer neuen Facetten entwickelt worden ist – auch, um die hohe Bedeutung der Stadt Aachen zu untermauern. Und Karl ist auch eine Figur, die in den vergangenen Jahrzehnten ein verstärkt regionales Interesse erfahren hat.

Ich dachte, Sie würden die Chance nutzen, um zu betonen, dass es doch ein bisschen viel um Karl geht – gerade mit Blick auf das Karlsjahr 2014.

Pohle: Karl ist sicher ein Übermächtiger, wenn es um die Außenrepräsentation und Außenwahrnehmung dieser Stadt geht. Dies hat sicherlich viel mit dem unseligen Begriff des Alleinstellungsmerkmals zu tun. Aber sehen Sie, europaweit verbinden viele Menschen Aachen mit Karl dem Großen. Einen Johann Joseph Couven dagegen kennt jenseits von Maas­tricht und Lüttich kaum jemand. Aber das ist Marketing. Für die regionalgeschichtliche Forschung ist Karl nicht so zentral, die Landschaft ist rege und bunt, die Initiativen etwa mit Blick auf den Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 sind zahlreich.

Welche historischen Figuren kommen Ihnen neben Karl in den Sinn?

Pohle: Persönlich haben mich die Wittelsbacher Bischöfe des 16. und 17. Jahrhunderts in Lüttich oder die Angehörigen des Hauses Jülich bisher mehr umgetrieben als Karl der Große, wobei ich mich derzeit unter anderem als Kurator für die Krönungssaalausstellung im nächsten Jahr stark mit dem Kaiser beschäftige – nicht als Experte für das frühe Mittelalter, sondern aus landesgeschichtlicher Sicht.

Inwieweit wird der Juniorprofessor Pohle denn über die Aachener Stadtgrenzen hinausblicken?

Pohle: Die Professur auf Aachen zu begrenzen, ist vertane Zeit. Sie muss Ansprechpartner deutscherseits für die akademische Forschung im Dreiländereck werden. Aber . . .

Aber?

Pohle: Klar ist, dass ich mich nun auf einem Feld bewege, auf dem schon zahlreiche etablierte Institutionen aktiv sind. Und ich werde jetzt bestimmt nicht sagen, dass alle anderen überflüssig sind. Ich bin schließlich nicht der Papst der gemeinsamen Heimatgeschichte. Ich will vielmehr ein weiterer Knoten in einem zu bildenden Netzwerk der regionalgeschichtlichen Forschung in Belgien, den Niederlanden, an der Rheinschiene und an der RWTH sein. Dabei will ich gerne Themen setzen und strukturieren sowie die Arbeit methodisch voranbringen.

Würden Sie von einer Forschungslücke sprechen, die seit Jahren klaffte und nun geschlossen wird?

Pohle: Das Feld lag nicht brach, es gab viele Initiativen, auch an der RWTH, die unsere Region in den Blick genommen haben. Neu ist, dass die Region gebündelt Inhalt einer einzigen Stelle ist. Durch die Juniorprofessur geht es jetzt einen planmäßigeren Gang, eine kontinuierliche Verankerung der Regionalgeschichte in der akademischen Lehre ist möglich. Jetzt habe ich die Möglichkeit, Studierende an landesgeschichtliche Themen heranzuführen sowie mit regional- und lokalhistorischen Arbeiten zu betrauen. Da sehr viel unbeackertes Material vor der Haustür liegt, ist das bestimmt reizvoller (aber auch schwieriger), als die 239 412. Arbeit über die Außenpolitik des NS-Regimes zu schreiben.

Spielen die zahlreichen Geschichtsvereine in der Region, die in der wissenschaftlichen Qualität sicherlich sehr unterschiedlich sind, für Sie eine Rolle?

Pohle: Ich weiß, woher ich komme. Schließlich arbeite ich seit langem selbst in Geschichtsvereinen mit. Ich bin mit Sicherheit der Letzte, der sagt, pfui, bah – das sind ja Laien. Die Geschichtsvereine leisten mit ihrer Basisarbeit Unschätzbares, und das auch und gerade auf Feldern, die die akademische Forschung gar nicht beackern kann. Es ist aber noch eine offene Frage, ob es Wünsche, ob es Mittel oder Wege gibt, Angebote für die historische Basisarbeit zu schaffen, die sinnvoll sind.

Gilt das auch für die Themen, die Sie bearbeiten wollen – oder gibt es bereits konkrete Projekte?

Pohle: (lacht) Erstens muss Karl der Große 2014 gefeiert werden. Das ist Arbeit genug. Zweitens werden wir die Aachener Stadtgeschichte „Aachen von den Anfängen“ zu Ende bringen müssen, deren zweiter von sechs geplanten Bänden im November erscheint. Dabei ist klar, dass die Geschichte der Stadt nicht ohne die des Umlandes erzählt werden kann. Darüber hinaus würde ich gerne der Frage nachgehen, wie Nationalisierung im regionalen Rahmen funktioniert hat. Schließlich wurde unsere Region seit dem späten 18. Jahrhundert mehrfach auseinandergehauen und muss unter den Vorzeichen des geeinten Europas wieder mühsam zu sich selbst finden.

Welches Zeichen ist mit der Juniorprofessur verbunden?

Pohle: Es ist für den Aachener Raum ein erstaunliches Zeichen. Dass eine global ausgerichtete Technische Hochschule sagt, wir nehmen die Stiftungsgelder an und richten eine Juniorprofessur ein, die sich ganz gezielt um die Region kümmert, ist bemerkenswert. Ob sich das längerfristig im Portfolio der RWTH verankern lässt, wird sich zeigen.

Ist denn die Juniorprofessur auch als Zeichen der Zeit zu werten, dass in Zeiten der Globalisierung die lokale Verortung immer wichtiger wird?

Pohle: Ich weiß nicht, ob es ein Trend ist. Aber zumindest ist die Welle, dass alle Historiker eine Weltgeschichte schreiben müssen, vorbei. Ich bin jemand, der einen lebensweltlichen Bezug lieber ganz im Kleinen darstellt, über Dinge, die noch vorhanden sind. Der Historiker, so wie ich ihn verstehe, hat bildlich gesprochen immer „einen neben sich laufen“, wenn er durch die Stadt geht, sich von den längst verflossenen Generationen an die Hand nehmen lässt und vor Dingen steht, die einem im Rahmen von lebensweltlicher Orientierung etwas zu sagen haben. Man steht in einem Kontinuum, das umso kontinuierlicher wird, je dichter es sich der eigenen Lebenswelt anlagern lässt.

Die Juniorprofessur ist auf maximal sieben Jahre befristet – was wollen sie 2020 erreicht haben?

Pohle: Das Ziel ist natürlich, deutlich zu machen, dass es einer Hochschule, einer Region sehr gut tut, wenn sie sich auf dem Gebiet der Geschichte stärker positioniert.

Hat das bisher gefehlt?

Pohle: : Aus meiner Sicht war das bislang eine Lücke, ganz klar. Denn wo kam der Aachener Raum bisher vor? Wenn man landesgeschichtlich denkt, spielen Größen wie das Erzbistum Köln eine Rolle. Das latent maasländisch orientierte Aachen ist da immer außen vor. Auf deutscher Seite ist immer die Frage: Was machen wir mit der komischen Großstadt im Westen, die zwar irgendwie zur Rheinprovinz gehört, aber doch anders ist? Aus belgischer und niederländischer Sicht liegt Aachen schon zu weit im Osten. Durch die Verschiebung und Zerschlagung von Grenzen entstanden auch Geschichtsbilder und Forschungstraditionen, die nicht zueinander passen.

Das soll sich ändern?

Pohle: Wir stehen ja auch in einer gewissen regionalen Konkurrenz in der Euregio und zu anderen Wirtschaftsräumen wie Köln und Düsseldorf. Da ist es bestimmt nicht falsch, sich auf dem Gebiet des historischen Profils zu erinnern und an einer regionalen Identität, ja, einem regionalen Lebensgefühl mitzuarbeiten.

Das ist längst zerstört.

Pohle: Ja, durch verschiedene Prozesse und dann natürlich ganz massiv durch die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert. Bis das verheilt, vernarbt war und man wieder darüber nachdenken kann, was man denn gemeinsam hat mit den Menschen in Lüttich und Maastricht, da mussten schon Jahrzehnte vergehen.

Die Euregio Maas-Rhein scheitert seit 40 Jahren daran, eine regionale Identität abseits von Förderprogrammen zu entwickeln. Wie können Sie das schaffen?

Pohle: Man muss sich zumindest darum bemühen, die Formen der Kommunikation, die Verständigungsprozesse über die Region, die es über alle Jahrhunderte hinweg gegeben hat, zu erforschen. Das ist nicht immer als breiter Strom zu erkennen. Aber mit einem Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt sich, dass ein Bewusstsein für die Region immer da war; da ist es am lebendigsten geblieben. In der Arbeiterkultur ist das schwieriger zu zeigen, wobei auch da viele Brücken hin und her führen, etwa wenn man sich das Migrationsverhalten im Bergbau anschaut. Die Bergleute arbeiteten in Kerkrade genauso wie in Herzogenrath oder Alsdorf, heirateten über Grenzen hinweg. Es sind zwei von vielen Beispielen. Es gibt eben nicht nur ein Bild der Region. Und diese Facetten wollen wir erforschen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert