Fort Barchon: Gebaut, um die Neutralität zu verteidigen

Von: Christoph Classen
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Eine Treppe, die in vergangene Zeiten führt: Wer mit Omer Meyer durch Fort Barchon geht, verlässt vorübergehend die Gegenwart. Foto: Harald Krömer

Blegny. Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Belgier beschlossen, ihre Neutralität in Beton zu gießen. Na ja, ein wenig wurden sie auch dazu gedrängt. Auf der einen Seite die Deutschen, auf der anderen die Franzosen, es gab komfortablere Lagen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte.

1870 führten die beiden damaligen „Erbfeinde” mal wieder Krieg. 1871 war er vorbei, und Elsaß-Lothringen gehörte zu Preußen. Die Belgier wollten sich da nicht weiter einmischen - und begannen aufzurüsten. Rund um Lüttich zum Beispiel.

Ein Dutzend Festungen

Zwölf Festungsanlagen, „Forts” genannt, entstanden dort. Als Ausdruck der eigenen Neutralität, sagt Omer Meyer. Dann schiebt er die schwergängige Eisentür zu einer der größten der Lütticher Festungsanlagen auf. „Wir verschwinden jetzt für ein paar Stunden”, sagt er noch, als er die Tür hinter sich wieder zudrückt. Willkommen im Fort Barchon!

Es ist kalt in der unterirdischen Festung, die von 1888 bis 1892 in den kleinen Berg nahe Blegny getrieben wurde. Oder warm, das ist abhängig von der Jahreszeit, in der man Fort Barchon besucht. „Hier sind es immer acht Grad”, sagt Meyer. Und dann geht er weiter, immer weiter hinein in die Gänge, die endlos scheinen, und von deren Seitenwänden die eigenen Trittgeräusche wiederhallen.

Kleines Museum

Meyer, 84, verliert im Fort Barchon schon längst nicht mehr die Orientierung. Weil er seit 15 Jahren durch die alte Anlage führt. Geld verdient er damit nicht, Meyer macht das ehrenamtlich. Angefangen hat er, weil ihn Fort Barchon einfach interessiert. Mittlerweile hat Meyer neben der Festung sogar ein kleines Museum eingerichtet, das die Geschichte des Bauwerks dokumentiert.

Am liebsten ist Omer Meyer aber unten im Fort, das merkt man ihm an. Er zeigt die Schlafräume der Soldaten, in denen Bettgestelle stehen, die rostigen Gerippen gleichen. Acht Stunden schlafen, acht Stunden Bereitschaft, acht Stunden am Geschütz: Das war der Tagesrhythmus eines Soldaten, wenn Fort Barchon unter feindlichem Feuer stand, sagt Meyer. Und er zeigt die schweren Waffen.

Oder besser gesagt: was von ihnen übrig ist. Die 120-Millimeter-Geschütze, die nach dem ersten Weltkrieg gegen 105-Millimeter-Geschütze getauscht wurden, um die Reichweite von sieben auf 17 Kilometer zu erhöhen.

Die Frage, warum die Belgier zur Wahrung der eigenen Neutralität waffenstrotzende Festungen bauten, beantwortet Omer Meyer folgendermaßen: Nach dem französisch-preußischen Krieg von 1870/71 war der Konflikt nicht beendet. Beide Seiten belauerten sich, und dabei fiel ihr Blick auf Belgien, weil es eine direkte Verbindung bietet. Das behagte weder den Franzosen noch den Preußen, und deswegen wandten sich beide an den belgischen König Albert I. Festungsanlagen solle er doch bauen, damit sein Land nicht einfach zum Aufmarschgebiet der jeweils gegnerischen Armee werde. „Und wenn Sie da neutral bleiben wollen”, sagt Meyer, „können Sie Festungen nicht nur gegen ein Land ausrichten.”

Deswegen entstanden neben Fort Barchon und den weiteren elf Anlagen rund um Lüttich, die die Preußen abhalten sollen, auch Forts, deren Waffen Richtung Frankreich ausgerichtet waren. So konnten die Belgier beiden Seiten schließlich glaubhaft versichern, dass sie auch im Konfliktfall ihre Neutralität bewahren würden.

Letztlich sollte das die Deutschen nicht davon abhalten, das Königreich anzugreifen. Im Ersten Weltkrieg leistete Fort Barchon vier Tage Widerstand, bevor es schließlich besetzt wurde. „Hier wurde der erste Stoß aufgefangen”, sagt Meyer. Im Zweiten Weltkrieg dauern die Kampfhandlungen rund acht Tage, bis die Belgier das Fort an die deutschen Invasoren übergeben.

Das alles erzählt Omer Meyer - und noch viel mehr. Nach ein paar Stunden schiebt er die schwergängige Eisentür auf, das Sonnenlicht sticht in den Augen. An dieser Stelle beginnt dann wieder die Gegenwart.
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