Fluchthelfer K. schildert schleichenden „Abstieg”

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. „Ich habe anfangs gerne in der JVA gearbeitet. An mir ist eigentlich ein Sozialarbeiter verloren gegangen.” So begann der wegen Gefangenenbefreiung und Verstoß gegen das Waffengesetz angeklagte Ex-Justizwachtmeister Michael K. (41) sein „letztes Wort” vor der Urteilsverkündung im JVA-Prozess.

Der sogenannte Ausbrecher-Prozess vor dem Aachener Landgericht neigt sich mit dem 37. Verhandlungstag am Freitag langsam aber sicher dem Ende zu. Der ehemalige Beamte, der am 26. November 2009 aus eigenem Entschluss die Schwerverbrecher Michael Heckhoff (51) und Peter Paul Michalski (47) durch die Zulieferpforte der Aachener Justizvollzugsanstalt um 20.03 Uhr in die Freiheit entließ, schilderte nach den Plädoyers seiner Verteidiger den unaufhaltsamen Abstieg einer Anstalt. Sie sei „durch immer weitere Personalkürzungen und zahllose Überstunden” in eine bedrohliche Schieflage gekommen.

Als ihm 2006 bei einer Ausführung in Würselen ein Gefangener entwischt sei, habe der Abstieg begonnen, schilderte K. seine Negativkarriere vom ambitionierten Wachbeamten zum Fluchthelfer. „Ich war plötzlich nicht mehr anerkannt. Keiner aus der JVA-Leitung hat mit mir gesprochen, ich durfte nicht mehr alles machen.”

Wie bei den beiden Häftlingen selbst, die er später großherzig in Freiheit ließ, fehlte ihm ab da jegliche Perspektive. „Ich sah mich plötzlich in einem Boot mit den Gefangenen”, schilderte er seine Situation. Heute sehe er das anders, damals jedoch nicht. Er wolle sich deshalb bei seinen Kollegen, seiner Familie und „den Bürgern draußen”, entschuldigen. Und er bitte um ein mildes Urteil.

In ganz anderem Ton hatten seine beiden Kölner Verteidiger Thomas Pusch und Thomas Gros die Staatsanwaltschaft angegriffen. Vor allem die Unterstellung, der Beamte habe bereits Wochen vorher dem ausbruchswilligen Heckhoff eine Waffe in der Anstalt besorgt, sei „unseriös”. Insbesondere Oberstaatsanwalt Alexander Geimer habe es darauf abgesehen, an dem Mandanten „ein Exempel zu statuieren”. Die Waffe sei von dem Mitausbrecher Michalski besorgt worden und nicht von Michael K..

Sein Kollege Pusch hatte mit dieser Feststellung sein Verteidigerplädoyer begonnen. Pusch thematisierte die völlig unzulänglichen Zustände in der JVA Aachen und beschrieb das grenzwertige Aussageverhalten der beteiligen Beamten. „Wenn man sofort reagiert hätte, wäre man dem Ausbrecher eventuell noch habhaft geworden”, benannte Pusch die Nachlässigkeiten in der JVA-Zentrale. Sie habe fast 20 Minuten zu spät die Polizei informiert, schimpfte der Anwalt.

Ihm die späteren Geiselnahmen mit in die Schuhe schieben zu wollen, wie es der Staatsanwalt versuche, sei juristisch völlig unstatthaft. Die Verteidiger beantragten für ihren Mandanten einen Strafe von drei Jahren, er sei dann sofort auf freien Fuß zu setzen. Am 3. Februar geht es weiter mit dem „letzten Wort” der Angeklagten Heckhoff und Michalski.
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