Münster/Aachen - Flucht aus der JVA über die Regenrinne

Flucht aus der JVA über die Regenrinne

Von: Heiner Hautermanns und Elke Silberer
Letzte Aktualisierung:
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In Münster ausgebrochen: Amir Huruglica (links) und Besim Delija.

Münster/Aachen. Erneut sind aus einem Gefängnis in Nordrhein-Westfalen zwei Gefangene ausgebrochen: An einer Regenrinne des Gefängnisses in Münster kletterten am Dienstagmorgen zwei Häftlinge in die Freiheit. Die beiden Männer seien kurz nach 7 Uhr durch ein Oberlicht auf das Dach des Gefängnisses gestiegen, teilte die Justizvollzugsanstalt mit. Am Gitter vor dem Oberlicht wurde ein Stab herausgebrochen.

Das NRW-Justizministerium will nach dem jüngsten Vorfall die Sicherheit aller Gefängnisse im Land auf den Prüfstand stellen. Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) beorderte die Leiter aller Anstalten im Land zu einer Dienstbesprechung für diesen Mittwoch ins Ministerium.

Einer der geflohenen Häftlinge ist nach Angaben der JVA ein 34- jähriger Einbrecher, der zu zwei Jahren Haft verurteilt worden war. Der zweite Ausbrecher sei 25 Jahre alt und verbüßte eine vierjährige Haftstrafe wegen Bandendiebstahls. Beide würden als nicht gewalttätig eingeschätzt.

Erst Ende November waren zwei gefährliche Schwerverbrecher aus dem Gefängnis in Aachen geflohen. Nach mehreren Tagen konnten die beiden Gangster, die auf der Flucht mehrere Geiseln nahmen, dingfest gemacht werden. In der Folge entbrannten Diskussionen über die Sicherheit der NRW-Gefängnisse.

Eine Expertenkommission zur „Optimierung der Sicherheitsstrukturen” im NRW-Justizvollzug, die nach diesem Ausbruch ihre Arbeit aufgenommen hat und sich zunächst nur die Aachener Anstalt vornehmen sollte, werde jetzt auch das Gefängnis in Münster „unter die Lupe” nehmen, teilte das Justizministerium am Dienstag mit. Die Ausbruchzahlen seien zwar deutlich gesunken, „aber es gibt offenbar immer noch Schwachstellen”, erklärte Müller-Piepenkötter.

Der Beamte in der JVA Aachen, der nach einer Patrouillefahrt am 26. November von den Schwerverbrechern Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski in der Schleuse niedergeschlagen worden war, ist immer noch nicht dienstfähig. Er hatte unter anderem einen schweren Schock davongetragen.

Eine erste organisatorische Konsequenz aus dem spektakulären Geschehen ist nach Angaben des Justizministeriums bereits gezogen worden. Es ist sichergestellt, dass Beamte, die in einem Hafthaus Dienst tun, nicht mehr kurzzeitig während des Wachwechsels in der Pforte eingesetzt werden. Diese Konstellation hatte den Ausbruch von Aachen nämlich erst ermöglicht.

Der 40-jährige Beamte, der im Hafthaus 5 eingesetzt war, soll nach bisherigen Erkenntnissen den Insassen erst im Hafthaus Türen aufgeschlossen und sie von der Pforte aus nach draußen geschleust haben, wobei er ihnen noch Waffen aus der Pforte ausgehändigt haben soll. Der JVA-Bedienstete sitzt weiter in Untersuchungshaft. Ein Haftprüfungstermin wurde vom Amtsgericht Aachen abschlägig beschieden. Ihm wird unter anderem Gefangenenbefreiung im Amt vorgeworfen. Der Beamte hat sich bisher nicht zu dem Geschehen geäußert.

Dennoch ist Oberstaatsanwalt Robert Deller optimistisch, dass seine Behörde ihre Arbeit in beiden Verfahren (ein gegen die zwei Schwerverbrecher und eins gegen den JVA-Bediensteten und einen Häftling, der der Beihilfe verdächtigt wird) bald zu einem vorläufigen Ende bringen kann: „Die Verfahren werden in wenigen Wochen abgeschlossen.” Dann stehen Aachen wohl spektakuläre Gerichtsverfahrens ins Haus.

Die Ausbrecher in Münster gelangten durch das Oberlicht im Toilettenraum einer Werkhalle der JVA auf das Flachdach. Von dort rutschten sie an einer Regenrinne herunter ins Freie. Dies hätten Fußabdrücke auf dem Rasen gezeigt. Wie es den Männern gelungen war, durch das Fenster in etwa 3,40 Meter Höhe zu klettern, war zunächst unklar.

„Es wurde kein Werkzeug gefunden”, sagte die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Maria Look. Die Zellen der beiden Häftlinge seien wie jeden Morgen gegen 6.40 Uhr aufgeschlossen worden. Dann seien die Gefangenen mit anderen Häftlingen in die Werkshalle gegangen, wo sie im „Arbeitsbetrieb Stuhlproduktion” eingesetzt waren. Ein Anwohner hatte die Polizei dann auf den Ausbruch aufmerksam gemacht, sagte Look. Die Polizei fahndet bisher ohne Erfolg nach den Häftlingen. Der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSBD) in NRW, Klaus Jäckel, bezeichnete den Personalstand in der JVA Münster als ausreichend. „Die Sicherheit dort ist nicht durch fehlendes Personal gefährdet”, sagte er.

JVA Münster alt und renovierungsbedürftig

Die Justizvollzugsanstalt Münster gehört zu den ältesten Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen und liegt am Rand der Innenstadt in Bahnhofsnähe. In dem mehr als 150 Jahre alten Gebäude sitzen derzeit rund 500 Gefangene ein, von denen die Mehrheit geringe Freiheitsstrafen verbüßt.

Insgesamt arbeiten in der JVA derzeit 275 Bedienstete. Auf der Internetseite der Anstalt wird auf die alte Bausubstanz des Gebäudes hingewiesen, die an „vielen Stellen verbraucht” sei. „Renovierungen und ständige Reparaturen prägen und belasten den Alltag von Inhaftierten und Bediensteten”, heißt es dort.

Ausgebrochen sind am Dienstag Amir Huruglica (Bild l.) und Besim Delija.
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