Fehlende Pflegekräfte: Erste Station dicht

Von: Sabine Rother
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Im Aachener Uniklinikum - hier der Eingangsbereich - ist die Tagesklinik für Leukämiepatienten vorübergehend geschlossen worden. Foto: stock/Sven Simon

Aachen. Die Tagesklinik für Leukämiepatienten (IM 41) im Uniklinikum Aachen ist geschlossen. Mit ihrem ruhigen Flur haben die Betroffenen diesen Bereich der Klinik für Onkologie besonders geschätzt. Hier konnte man durchatmen.

Die Patienten sind irritiert. Im fünften Stock geht die Behandlung zwar weiter, aber das Gefühl, für einen Moment die Hektik der Großklinik hinter sich lassen zu können, ist dahin.

Im Klinikum wird an der Neustrukturierung der gesamten Onkologie gearbeitet und gebaut, aber das ist nicht der einzige Grund für Einschränkungen. Der akute bundesweite Pflegefachkräftemangel macht sich jetzt ganz besonders in diesem höchst sensiblen Bereich bemerkbar. „Wir mussten deshalb unserer Ressourcen bündeln“, sagt Klinikdirektor Professor Tim Brümmendorf auf Anfrage. Die Anzahl qualifizierter Pflegender, ganz besonders in der Stammzellentransplantation, ist viel zu gering. Seit vier Jahren ist Brümmendorf in Aachen. Das Ärzteteam in seiner Abteilung ist von neun auf 20 Mediziner angewachsen, der Zustrom von Patienten ist groß – doch im pflegerischen Bereich gibt es Lücken. So offen hat das bisher kaum ein Klinikchef zugegeben. Dabei kann nicht nur das Uniklinikum dieses Problem haben.

In Nordrhein-Westfalen ist jede fünfte Stelle im Bereich Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. Das hat das Gesundheitsportal kliniken.de als Ergebnis einer Studie bekanntgegeben. Das Jobportal, dem 4600 Kliniken angeschlossen sind, hat dafür 26.000 Stellenanzeigen im Medizinsektor von 2013 ausgewertet.

In der Region – etwa im Krankenhaus Düren – begegnet man diesen Sorgen mit Lösungsansätzen. Auch dort ist es nicht leicht, den Standard bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie sie zum Beispiel in der Intensivpflege unverzichtbar sind, aufrecht zu erhalten. „Wir suchen beständig beim vorhandenen Personal nach Kräften, die wir davon überzeugen können, Fach- und Weiterbildungen zu absolvieren“, sagt Pflegedirektor Peter-Josef Dorn. Das Dürener Krankenhaus, zu dem auch eine eigene Krankenpflegeschule gehört, übernimmt sogar die Kosten von 5000 Euro für eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung. Neben den fachlichen Kenntnissen – zum Beispiel bei der Beatmungstechnik und bei Nierenersatzverfahren – sind Pflegende sozial-kommunikativ gefordert. Sie müssen sich schwerstkranken und sterbenden Menschen einfühlsam zuwenden können und zudem für die Angehörigen ansprechbar sein.

Der freie Markt, auf dem man solche Kräfte finden könnte, ist längst leer gefegt. Zur Entlastung der Fachkräfte bietet das Dürener Krankenhaus jetzt Absolventen aller Schulformen gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und deren Qualifizierungsgesellschaft Low-Tec die einjährige Ausbildung zur Pflegeassistentin an. Doch insgesamt schaut auch Dorn besorgt in die Zukunft und fordert die Unterstützung der Politik. Der Zustrom sehr alter und durch demenzielle Erkrankungen geistig eingeschränkter Patienten nimmt zu – nicht nur in der Altenpflege, auch im konventionellen Krankenhausbetrieb, der darauf kaum vorbereitet ist.

In der ländlichen Region sieht Wolfgang Salz, Verwaltungsleiter der Hermann-Josef-Stiftung und damit des Erkelenzer Krankenhauses, einen Vorteil. „Wer bei uns ausgebildet wurde, wandert nicht so schnell ab. Ohne die 90 Ausbildungsplätze unserer Krankenpflegeschule wäre es eine Katastrophe“, sagt er ganz offen. Der doppelte Abiturjahrgang wirkt sich positiv für 2013 aus. Salz erwartet jedoch, dass sich diese Situation 2014 ändern wird. In Realschulen, Gymnasien und Berufskollegs wirbt man deshalb für den Pflegeberuf, bietet Arbeitszeitmodelle und familienfreundliche Bedingungen. So passt sich die Kindertagesstätte der Stiftung den Schichtzeiten im Krankenhaus an. Die Krankenhausplanung der Zukunft bereitet Kopfzerbrechen: Menschen, die unter häufig chronischen Mehrfacherkrankungen leiden, und die Notwendigkeit intensiverer geriatrischer Angebote sind nur zwei Gründe. Hier lassen sich Alten- und Krankenpflege nur schwer trennen.

Auf der Suche nach Wegen aus der Krise ist man auch im Uniklinikum, das zusätzlich zur bundesweiten Situation ein Problem hat: 100 Meter hinter dem Haus beginnt ein anderes Land mit einem anderen Arbeitsmarktgefüge. So wurden innerhalb eines Jahres 30 Fachkräfte, die aus den Niederlanden stammten, durch gute Angebote „zurückgekauft“.

Nicht nur die Neustrukturierung der Onkologie beschäftigt Pflegedirektor Heinz Pelzer im Moment. Die Intensivstation der Neurologie wird von sieben auf 18 Betten erweitert, die „Stroke Unit“, die speziell Schlaganfall-Patienten betreut, wird auf künftig zwölf Betten verdoppelt.

Fachlich qualifiziertes Personal bleibt Mangelware. Eine positive Entwicklung erhofft man sich von einer Kooperation mit der Universität von Sevilla. „Rund 400 Absolventen der Pflegeausbildung gehen hier jährlich in die Arbeitslosigkeit“, berichtet Pelzer. Nach Austausch mit den spanischen Dekanen und Studentenvertretern konnte Pelzer inzwischen 15 Einstellungsanträge unterschreiben.

Zusätzlich wurden bisher 91 Pflegekräfte aus Rumänien eingestellt. „Wir erhalten Fördergelder des Integrationsamtes, denn wir müssen für Sprachkurse, Wohnraum und die soziale Integration bei den Spaniern und Rumänen sorgen, das ist sehr arbeitsintensiv.“ Sogar die Patienten der Onkologie sind aktiv beteiligt. Sie wurden gebeten, mit den ausländischen Mitarbeiterinnen auf den Stationen alltägliche Vokabeln wie „Spritze“ oder „Tabletten“ zu üben . . .

Andreas Westerfellhaus, Präsident des Pflegerates, sieht solche Bemühungen nicht nur deshalb kritisch. Mehr Pflegekräfte aus dem Ausland seien keine endgültige Lösung. Man solle das dafür aufgewendete Geld besser zur Ausbildung und Gewinnung von Fachkräften im Inland nutzen, betont er. Die Integration sowie die Einarbeitung frisch examinierter Pflegekräfte, die im Umgang mit Hochleistungsmedizin noch Erfahrung brauchen, belastet zusätzlich die Krankenhäuser.

Und die Situation wird nicht besser: Medizinische Fachkräfte sind inzwischen in ganz Deutschland rar. „Die meisten Kliniken stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Westerfellhaus. In den nächsten zehn Jahren werden seiner Einschätzung nach 170 000 Pflegekräfte in Kliniken und Heimen fehlen. Er fordert einen „Nationalen Aktionsplan für Pflegekräfte“ von der Bundesregierung.

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