Aachen - Fachschaftler: „Wir Studenten werden an der RWTH gehört”

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Fachschaftler: „Wir Studenten werden an der RWTH gehört”

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Ziemlich einig: Prof. Aloys Krieg und die Studenten Benjamin Gövert und Karina Berenzen (v.l.). Foto: Andreas Steindl

Aachen. Schüler und Studenten „streiken” in dieser Woche wieder für bessere Bildung. Den Studenten geht es vor allem um die Probleme der Studienreform und die Abschaffung der Studiengebühren. Heute werden in Aachen 1500 Demonstranten erwartet.

Am Donnerstag soll auf dem Bildungsgipfel in Berlin ein Bund-Länder-Pakt über zwei Milliarden Euro auf zehn Jahre für die Verbesserung der Lehre an den Hochschulen vereinbart werden. Über diese Themen sprachen wir mit dem Prorektor für Lehre an der RWTH, Aloys Krieg (54), sowie zwei Vertretern der Studierenden aus den Fachschaften Maschinenbau und der Philosophischen Fakultät.

Die künftige Bachelor Karina Berenzen (29) studiert im sechsten Semester Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Benjamin Gövert (24) ist im achten Semester des Diplomstudiengangs Wirtschaftsingenieurwesen. Ein Streit-Gespräch wurde es nicht: Aachen ist eben nicht Frankfurt oder Heidelberg. Die Fragen stellten Amien Idries und Axel Borrenkott.

Herr Professor Krieg, es ist nach der Abwahl von Schwarz-Gelb eher wahrscheinlich, dass die Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen über kurz oder lang abgeschafft werden. Was dann?

Krieg: Wir gehen zunächst einmal davon aus, dass uns das Geld erhalten bleibt. Man kann sicherlich über andere Modelle der Finanzierung sprechen. Aber die RWTH ist dringend darauf angewiesen, die 20 Millionen Euro, die wir in jedem Jahr an Studiengebühren erhalten - und intensiv zur Verbesserung der Lehre auch einsetzen, - weiterhin zu bekommen.

Was halten Sie von nachgelagerten Studiengebühren? Die beiden NRW-Landesrektorenkonferenzen haben nach der Wahl mit einem „Offenen Brief” an die Politik signalisiert, dass sie für dieses Modell „offen” seien.

Krieg: Das finde ich auch völlig in Ordnung. Wir würden uns nur wünschen, dass die Finanzierung dann vorgezogen wird. Es wäre fatal, wenn wir jetzt fünf Jahre lang keine Studiengebühren hätten. Wir haben damit an der RWTH eine Menge Stellen geschaffen: 125 von Wissenschaftlern, 42 Stellen von nichtwissenschaftlichem Personal und ungefähr 315 Stellen für studentische Hilfskräfte. Das sind 60 Prozent der 20 Millionen Euro pro Jahr, die direkt in Personalausgaben gehen.

Frau Berenzen: Was hat sich aus Ihrer Sicht durch die Studiengebühren an der RWTH verbessert?

Karina Berenzen: Bei uns an der Philosophischen Fakultät sind schon einige von diesen zusätzlichen Stellen eingerichtet worden. Die Lerngruppen sind kleiner geworden, es werden mehr Tutorien und mehr Veranstaltungen angeboten. Die Öffnungszeiten in den Bibliotheken sind verlängert worden. Und wir profitieren langfristig. Es gibt zum Beispiel am Dekanat eine Stelle Karriere- und Praxisservice, wo Praktika betreut werden. Es gibt Seminare zur Berufsvorbereitung und Betriebsbesichtigungen, die aus Studiengebühren finanziert werden.

Sie demonstrieren also nicht gegen Studiengebühren?

Berenzen: Also, ich finde sie deswegen schlecht, weil ich mich komplett selber finanzieren muss, und da tun 500 Euro im Semester schon wirklich weh. Gut finde ich aber, dass die Studenten hier das komplette Mitspracherecht haben, wofür die Studiengebühren ausgegeben werden.

Wenn Sie entscheiden dürften: Würden Sie die Studiengebühren abschaffen, wenn es keine Ersatzfinanzierung gäbe?

Berenzen: Das wäre schwer. Ich glaube, ohne Ersatzfinanzierung könnte man die Studiengebühren jetzt nicht abschaffen. Gerade in der Philosophischen Fakultät würde sehr viel wegbrechen.

Benjamin Gövert: Das kann ich unterschreiben. Wenn man bedenkt, dass im Maschinenbau in Vorlesungen 1000 und mehr Leute sitzen, dann kann man sich ja vorstellen, dass es ein anderer Lerneffekt ist, wenn man in einer Kleingruppe mit 25 oder nur 15 Leuten arbeitet und zwei Betreuer hat. Das ist definitiv eine Verbesserung. Wir haben in unserer Fakultät auch zwei Stellen aus den Gebühren finanziert. Eine Psychologin, die Studenten berät, und eine Beratungsstelle für die Studierenden, die aus dem Ausland kommen oder dahin gehen wollen. Das sind definitiv Dinge, die wir ohne Studiengebühren nicht machen könnten. Ich sehe es persönlich allerdings sehr kritisch, dass durch die Erhebung von Studiengebühren Leute vom Studium abgehalten werden.

Aber so richtig identifizieren Sie sich offenbar nicht mit Ihren „bildungsstreikenden” Kommilitonen, unten auf der Straße?

Gövert: Wir von der Fachschaft Maschinenbau, die ja grundsätzlich unpolitisch ist, haben uns da herausgehalten, und zwar vollkommen. Wir gehen andere Wege. Wir setzen uns hin und reden in den verschiedenen Gremien in der Fakultät und in der Hochschule mit den Professoren. Das hat in einzelnen Punkten gut funktioniert, in anderen nicht so. Aber Ingenieurstudenten sind auch einfach sehr, nun ja, pragmatisch. Ich habe auch ein paar Kommilitonen auf der Straße gesehen, das kann ich auch gut verstehen, aber groß ist unsere Fachrichtung da nicht vertreten.

Womit wir beim Thema Bachelor/Master wären. War das denn gar kein Problem für die Ingenieure?

Gövert: Also, dass das Studium jetzt straffer strukturiert ist, das war im Maschinenbau nicht so das Problem. Weil man auch vorher schon einen relativ krassen Plan hatte. Hart ist jetzt der Leistungsdruck von Anfang an. Die Erstsemester müssen sofort auf Noten lernen. Schon die erste Klausur geht in die Abschlussnote mit ein, da haben die schon Schweiß auf der Stirn. Und im Vergleich zum Diplomstudiengang müssen viel mehr Prüfungen gemacht werden: das ist nicht besonders angenehm, dass höre ich von allen Leuten. Die Idee dahinter, kleine Einheiten abzuprüfen, ist ok, aber irgendwo gibt es eine Grenze. Also: Die Anzahl der Prüfungen und der Leistungsdruck, das sind die wesentlichen Kritikpunkte an der Umsetzung der Bologna-Reform.

Und wie ist das bei Ihnen in der Philosophischen Fakultät?

Berenzen: Bei uns ist das Studium viel starrer geworden. Man hat einen festen Verlaufsplan mit Modulen. Und die Module sind zum Teil so starr konzipiert, dass da wenig Möglichkeiten sind, auch mal etwas anderes mit reinzubringen. Das ist schon sehr schade. Es gibt kaum Forschungsinhalte im Lehrplan, viel weniger Seminare als im Magisterstudium, wo auch mal der Forschungsschwerpunkt eines Professors behandelt wurde. Das ist einfach nicht mehr so flexibel. Und ich bekomme auch immer mehr mit, dass Studierende unter Leistungsstress stehen. Alles wird benotet. Man hat vom ersten Semester an ziemlichen Druck.

Herr Krieg, Sie haben immer betont: „Wir nehmen die Kritik der Studierenden ernst.” Was sagen Sie zu dem, was Sie gerade gehört haben?

Krieg: Auf der einen Seite ist es auch das, was wir wahrnehmen. Ich mach das mal plastisch an der höheren Mathematik für Maschinenbauer: Wenn die im Diplomstudium mit 4,0 so gerade bestanden wurde, dann sind die Studenten in die nächste Kneipe gezogen und haben gefeiert. Aber im Bachelor fallen die Studenten in Depressionen, weil sie denken, ihr Leben sei zerstört. Dem ist aber nicht so. Auf der anderen Seite wissen wir noch nicht genug darüber, welche Note welchen konkreten Einfluss hat. Wir versuchen daran zu arbeiten. Zunächst einmal haben wir in der ganzen Hochschule den Übergang vom Bachelor zum Master für alle unsere Studenten, die nicht in NC-Fächern studieren, geregelt. Wir übernehmen alle Studierenden.

Es gibt also keine Quote mehr.

Krieg: Nein, es gibt keine Quote mehr. Die war ja auch nicht unsere Idee, die war uns von den Akkreditierungsagenturen vorgeschrieben. Der zweite Punkt ist Klausurdichte: Wir haben einen Prüfungsmanager, der die Prüfungen freundlich taktet, der mit den Studierenden redet: In welchen Takten wollt ihr denn die Klausuren haben? Die Antworten der Studenten in den einzelnen Fachbereichen sind sehr unterschiedlich. In der Philosophischen Fakultät höre ich immer, dass man gerne eine längere freie Zeit hätte, um sie für andere Dinge wie zum Beispiel Praktika zu nutzen. Aus dem Maschinenbau höre ich, dass man am liebsten die Klausuren gleichmäßig verteilt in der vorlesungsfreien Zeit hätte. Wir diskutieren das also mit den Studierenden aus und nehmen ihre Wünsche ernst.

Das hört sich jetzt alles sehr harmonisch an. Rennen die Studenten an der RWTH nur offene Türen ein?

Berenzen: Grundsätzlich ja. Natürlich gibt es Reibungspunkte - übrigens auch innerhalb der Studierendenschaft. Aber man kann über die Differenzen sprechen und wir Studenten werden gehört. Ganz anders als an so manchen anderen Hochschulen, wo das Rektorat macht, was es will.

Dennoch: Welche Fehler hätte die RWTH bei der Umsetzung der Studienreform vermeiden können?

Krieg: Ich denke, dass wir Maßnahmen immer kritisch reflektieren müssen. Das ist aber ein ganz normaler Prozess, der auch nicht abgeschlossen ist. Im Rückblick muss man sagen, dass wir uns von den Akkreditierungsagenturen, welche die Vorgaben für die neuen Studiengänge gemacht haben, zu viel haben diktieren lassen, zum Beispiel eben die Mindestnoten, die den Zugang zum Masterstudium begrenzen sollten.

Finden Sie denn grundsätzlich die Umstellung auf ein zweistufiges Studium sinnvoll?

Berenzen: Das Problem sind nicht die neuen Studiengänge, es ist die Umsetzung. Da wurden Fehler gemacht, die aber meines Erachtens nicht das gesamte System infrage stellen. Vielmehr müssen wir daran arbeiten, das System zu verbessern. Und daran wird ja bereits gearbeitet.

Morgen soll der Bildungsgipfel zwischen Bund und Ländern den Hochschulen für zehn Jahre zwei Milliarden Euro zusprechen. Wie optimistisch sind Sie, dass dieses Geld fließen wird?

Krieg: Ich bin zuversichtlich. Dieses Geld würde den Stellenwert der Lehre, denn dafür ist es in erster Linie vorgesehen, deutlich stärken.

Am Montag hat die Bundesregierung drastische Sparmaßnahmen im sozialen Bereich beschlossen, Bildung und Forschung aber geschont. Sind die relativ hohen zusätzlichen Ausgaben für die Hochschulen vor diesem Hintergrund gerechtfertigt?

Gövert: Deutschland ist eine Exportnation und kann diese Stellung nur durch innovative Forschung halten. Und wer gute Forscher haben möchte, muss nicht nur in die Forschung, sondern auch in die Lehre investieren.

Wo müsste Ihrer Ansicht nach, denn an der TH investiert werden?

Berenzen: Das größte Problem ist der mangelnde Raum. Wir benötigen Lernräume, aber auch Hörsäle. Darüber hinaus sind viele Räume in einem verbesserungswürdigen Zustand. Teilweise trauen sich Kommilitonen nicht, auf den klapprigen Stühlen Platz zu nehmen.

Fällt es Ihnen angesichts der Sozialkürzungen, die vielen Hartz IV-Empfängern nun drohen, nicht schwer, mit klapprigen Stühlen zu argumentieren?

Gövert: Natürlich kann man sich auf einen klapprigen Stuhl setzen. Nur ganz ohne Stuhl geht es nicht.

Aber sonst scheint, wenn wir Sie hören, die RWTH ja fast die perfekte Hochschule für Studenten zu sein.

Gövert: Es ist natürlich nicht alles perfekt, aber wir reden miteinander und verbessern die Situation. Dies ist aber meines Erachtens weniger ein Verdienst der Politik als der Fakultäten und des Rektorats der RWTH.

Berenzen: Dieser Meinung bin ich auch. Wir haben viele Verbesserungen einfach durch Gespräche umgesetzt. Der Bildungsstreik hat da aus meiner Sicht wenig zu beigetragen.
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