Neuro-Enhancement: Experten in Aachen diskutieren über Hirndoping

Experten in Aachen diskutieren über Hirndoping: Pillen rein, besser sein?

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Kompliziertes Gebilde: Wie weit kann und darf das menschliche Gehirn manipuliert werden? Foto: imago/Science Photo Library

Aachen. Mehr leisten, ohne sich zu überfordern; das klingt vielversprechend. Anstrengungen erleichtern; das hört sich schon etwas widersprüchlich an. In der Debatte um Chancen und Risiken, durch pharmazeutische Hilfsmittel die Fähigkeiten des Gehirns zu steigern, tauchen zwangsläufig Widersprüche auf. Experten sprechen von Neuro-Enhancement.

Umgangssprachlich heißt das Hirndoping, ein Begriff, den jene, die eher die Chancen sehen, nicht gerne hören, weil darin schon eine Analogie zum Betrug im Leistungssport liege.

So oder so geht es darum, dass gesunde Menschen ohne medizinische Notwendigkeit verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen, um länger wach und fit zu bleiben, um ihre Aufmerksamkeit zu steigern und sich besser zu konzentrieren, um Ängste und Nervosität abzubauen und so den Anforderungen in der Arbeitswelt standzuhalten oder in Prüfungssituationen besser zu bestehen. Aber wohin führt das? Lässt sich der Mensch verbessern? Darüber diskutieren Experten in Aachen auf einer Veranstaltung der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen und der Evangelischen Akademie im Rheinland am kommenden Freitag und Samstag.

Ist Hirndoping azeptabel?

Kann, was im Sport verpönt ist, bei gedanklichen Spitzenleistungen oder im beruflichen Alltag akzeptabel sein? Wer das, was er von sich selbst erwartet, nicht schafft oder Anforderungen anderer nicht erfüllen kann, hat die Möglichkeit, zu pharmazeutischen Produkten zu greifen: Ritalin, Modafinil oder Fluoxetin sind solche Substanzen. Meist werden sie mit einem ärztlichen Rezept in der Apotheke besorgt. „Ich würde immer davon abraten“, sagt der Bonner Epileptologe Christian E. Elger unserer Zeitung. Er habe die Konsequenzen bei Studenten in Prüfungen selbst erlebt. „Die, die es nehmen, kriegen es nicht hin.“ Intelligenz lasse sich durch Neuro-Enhancer sowieso nicht steigern.

Eine DAK-Studie von 2015 geht davon aus, dass bis zu zwölf Prozent der deutschen Arbeitnehmer (rund fünf Millionen) gelegentlich oder regelmäßig Neuro-Enhancer einnehmen oder eingenommen haben; bei Schülern und vor allem Studenten sei der Anteil noch höher. Laut Studie greifen entgegen landläufiger Meinung nicht in erster Linie Kreative oder Topmanager zu diesen Substanzen, sondern Menschen in schwierigen beruflichen Verhältnissen. „Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit, desto höher ist das Risiko für Hirndoping.“

Laut Studie treten die erhofften Wirkungen – wenn überhaupt – nur kurzfristig und minimal ein. Elger spricht von Strohfeuer und hält Neuro-Enhancement für gefährlich, „weil die natürliche Kritikfähigkeit verloren geht“. Für eine kontinuierliche Leistung des Gehirns sei Schlaf viel wichtiger.

Für Aufsehen sorgte vor acht Jahren das Memorandum „Das optimierte Gehirn“ von sieben renommierten Medizinern, Juristen, Philosophen und Psychiatern, die zwar vor zu hohen Erwartungen an Neuro-Enhancement warnten und sich mit ethischen, medizinischen und sozialen Vorbehalten gegen Hirndoping auseinandersetzten, schließlich aber die Ansicht vertraten, „dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt. Vielmehr sehen wir im pharmazeutischen Neuro-Enhancement die Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln.“

„Jetzt und in absehbarer Zeit hat ‚Hirndoping‘ keinerlei Chancen und Potenziale“, heißt es in der DAK-Studie. Zudem werden neben Abhängigkeit und Persönlichkeitsveränderung nicht unerhebliche Nebenwirkungen festgestellt: Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Stimmungsschwankungen und unregelmäßiger Herzschlag. Als Alternativen empfehlen Experten laut DAK-Studie: „Sport, gute Ernährung, Meditation, gute Arbeitsorganisation sowie ausreichend Schlaf“. Elger ergänzt: „Gerade für ältere Menschen ist körperliche Aktivität die beste Vorbeugung gegen Alzheimer.“

Gefahren von Hirndoping

Wohin kann Hirndoping im schlimmsten Fall führen? Es besteht die Gefahr, dass Menschen sich wegen starken Konkurrenzdrucks unter Zugzwang sehen, Enhancer gegen ihren eigenen Willen einzunehmen. Zahlreiche Experten – auch die des Memorandums – warnen davor, den Menschen an zunehmenden Leistungsdruck in Schule, Ausbildung und Beruf anzupassen, statt unzumutbare Bedingungen zu ändern.

„Wo möglicherweise eine Veränderung der Umstände angebracht wäre, sorgt Neuro-Enhancement für eine Veränderung der eigenen Fähigkeiten, um die vorhandenen Umstände zu zementieren“, schreibt der Frankfurter Philosoph und Pädagoge Thomas Damberger. Wie andere auch befürchtet er sogar sozialen Druck gegenüber jenen, die sich künstlicher Leistungssteigerung verweigern.

Gerade in Schulen werde heute bei schlechten Noten oder Störungen im Unterricht schneller als früher „auf eine mögliche neurologische Störung verwiesen“, sagt Damberger unserer Zeitung. „Für die Eltern, die gerade in einer Welt zunehmender Konkurrenz natürlich das Beste für ihr Kind wollen, entsteht dann eher eine Tendenz, ihrem Kind die entsprechende Diagnose zu besorgen.“

Aufgrund neuerer Erkenntnisse vermuten Experten, dass Neuro-Enhancer künftig zuverlässiger erwünschte Wirkungen tatsächlich erzielen können. Die Gefahr von Nebenwirkungen wäre damit aber ebenso wenig gebannt wie jene des sozialen Drucks im Arbeitsalltag. Schwer wiegt zudem ein Trend, auf den die Autoren des genannten Memorandums selbst hinweisen und wonach „immer höhere Standards geistiger und psychischer Gesundheit geltend“ gemacht werden, „so dass schon kleine Abweichungen als therapiebedürftig gelten; das ehedem Normale wird zunehmend pathologisiert“. Im Extremfall würde derjenige, der nicht dopt, als der Kranke gelten.

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