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Erziehung unter Stress in der Krabbelecke

Von: Claudia Dechamps
Letzte Aktualisierung:
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Bildnummer: 50915022 Datum: 06.07.2005 Copyright: imago/HRSchulz
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Aachen. Die Anzahl der Tage, an denen Erzieherinnen arbeitsunfähig sind, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Und die Zahl liegt über dem Bundesschnitt der arbeitenden Bevölkerung.

Das hat eine Untersuchung des Bundesverbandes der Innungskrankenkassen festgestellt. Erzieherinnen haben einen anstrengenden Beruf.

„Lärm, Platzmangel, zu wenig Rückzugsmöglichkeiten - die im Übrigen den Kindern genauso viel zu schaffen machen”, zählt Doris Noteborn, Leiterin der Schikita in Aachen, auf, wenn sie nach den Arbeitsbedingungen ihres Berufsstandes gefragt wird. Ihre eigene Einrichtung klammert sie ausdrücklich aus. In der Schikita werden auch behinderte Kinder betreut und der Träger, die Caritas Lebenswelten, sorge für einen guten Personalschlüssel. „Ich darf gar nicht mehr Kinder aufnehmen”. Obwohl ihr Diensttelefon den ganzen Tag kaum stillsteht und sie sich vor Anfragen nach freien Plätzen für unter Dreijährige nicht retten kann.

Auf Kosten der Qualität

Ab August 2013 haben alle Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für Kleinkinder unter drei Jahren. So will es das Familienministerium. „Das ist wohl so”, sagt Kita-Leiterin Noteborn und bedauert: „Auf dem Krippengipfel im August wurde deutlich, dass dann Qualitätsstandards sinken.” Statt 30 Quadratmeter Außenfläche pro Kind sieht das Ministerium etwa in der Beschränkung auf zehn bis zwölf Quadratmeter eine Lösung. Die nutzt ein Krabbelkind ohnehin nicht, da es ganz andere Bedürfnisse hat: gewickelt und gefüttert werden, Körperkontakt und einen Ruheraum zum Schlafen. Dafür braucht man Platz und Personal, gleichzeitig fehlen bundesweit 30 000 Erzieherinnen.

Noteborn sieht auf ihre Berufskolleginnen mit dem Rechtsanspruch noch mehr Belastungen zukommen. „Es ist ja nicht nur die Arbeit mit den Kindern. Wir schreiben Entwicklungsberichte und Förderpläne für die Kinder, wir haben umfangreiche Dokumentationsarbeiten zu erfüllen - und eine offizielle Wochenarbeitszeit von 39 Stunden.”

Vor diesem Hintergrund hat Professor Johannes Jungbauer von der Katholischen Hochschule NRW Aachen jetzt eine Studie zu den Stressbelastungen und Gesundheitsrisiken von Erzieherinnen in Kindertagesstätten gestartet. „Im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen werde ich immer wieder mit den gesundheitlichen Belastungen des Erzieherinnen-Berufs konfrontiert, bis hin zum Burn-out”, sagt er. Mit einem vierseitigen Fragebogen, der auch online ausgefüllt werden kann, werden Belastungsfelder genauer abgefragt und Belastungssymptome eingegrenzt.

Der Fragebogen wurde unter anderem mit Vertreterinnen aus der Praxis entwickelt und soll Erkenntnisse über die Ursachen von Stressbelastungen liefern. Da geht es etwa um die Zusammenarbeit mit den Eltern, um das Klima in der Kita selbst, um wöchentliche Arbeitszeiten und um Krankmeldungen. Mit den gewonnenen Daten soll untersucht werden, wo genau die Erzieherinnen belastet sind, welche Bedingungen ihren Alltag erschweren und auf welche Schutzfaktoren und Ressourcen sie zurückgreifen können.

Die Studie findet in Kooperation mit Praxiseinrichtungen und Weiterbildungsträgern statt. Der Wissenschaftler möchte mit der Studie dazu beitragen, strukturelle Rahmenbedingungen und die betriebliche Gesundheitsprävention zu verbessern.

Alle persönlichen Daten und Informationen werden anonym ausgewertet. So können auch die Erzieherinnen teilnehmen, deren Kita-Träger nicht offiziell dazu einladen und keine Fragebögen verteilten.

Nach Durchsicht der ersten ausgefüllten Bögen sieht Jungbauer die Daten des aktuellen AOK-Fehlzeitenreports bestätigt, nach dem Erzieherinnen häufiger als andere Arbeitnehmer krank geschrieben sind. „Es zeichnet sich zugleich ab, dass viele Erzieherinnen ein hohes Verantwortungsgefühl haben und zur Arbeit kommen, obwohl sie sich eigentlich krank fühlen”, sagt Jungbauer.

Selbst etwas tun

Besonders belastend sei nach den ersten Auswertungen der Personalmangel. Was nicht verwundert. Hier müsste die Politik Geld investieren, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Solange können Erzieherinnen trotzdem schon auf ihre Gesundheit achten. „Wie alle Arbeitnehmer können sie selbst viel für sich tun, gesundheitsbewusster sein und eine bessere life-work-balance” erreichen, um Stress besser bewältigen zu können, sagt Jungbauer.

Der Fragebogen im Netz: http://www.soscisurvey.de/stressbelastungen2012/
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