Erster Weltkrieg: Ostbelgien besitzt noch viele Denkmäler

Von: Alexander Barth
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Formen der Erinnerung in Ostbelgien: Der belgische Löwe wacht über das Mahnmal in Henri-Chapelle; in der Kirche Mariä-Himmelfahrt in Kelmis hängt eine Gedenktafel mit Namen der im Krieg Gefallenen, darunter ist Karl Schriefer aus Neutral-Moresnet, dem heutigen Kelmis. Foto: Barth
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Formen der Erinnerung in Ostbelgien: Der belgische Löwe wacht über das Mahnmal in Henri-Chapelle; in der Kirche Mariä-Himmelfahrt in Kelmis hängt eine Gedenktafel mit Namen der im Krieg Gefallenen, darunter ist Karl Schriefer aus Neutral-Moresnet, dem heutigen Kelmis. Foto: Barth

Henri-Chapelle/Kelmis. In Sachen Erinnerungskultur führt in Belgien wohl kein Weg an Ypern vorbei. Jeden Abend um 20 Uhr ertönt in der flämischen Stadt das Hornsignal „The Last Post“ unter der gewaltigen Kuppel der steinernen Menenpoort für die Toten der Jahre 1914 bis 1918.

Dann versammeln sich nicht selten einige Hundert Menschen, in der Mehrheit Besucher der mittelalterlichen Stadt, die bei Kriegsende so heftig zerstört war, dass ein Wiederaufbau zunächst in Frage gestellt wurde. Der gewaltige Torbogen ist heute das bekannteste Symbol des Gedenkens im Nachbarland. Auch 250 Kilometer östlich von Ypern sind in den Jahren nach dem „Großen Krieg“ zahllose Gedenksteine, Gefallenensäulen und Mahnmale entstanden. Ein lebendiger Ort der kollektiven Erinnerung ist im Osten Belgiens allerdings Fehlanzeige.

Fußnoten im Ortsbild

Während in früheren Jahrzehnten von Veteranen- und Hinterbliebenenverbänden organisierte Feierlichkeiten das Geschehen des Ersten Weltkriegs im Alltag lebendig hielten, führen die steinernen Manifeste der Erinnerung heute oft ein tristes Dasein, sind mitunter nur Fußnoten im Ortsbild. In Thimister, Hauset, Cherain oder Eynatten gehören sie dennoch dazu, bezeichnend ist aber wohl der Ausspruch einer älteren Einwohnerin von Henri-Chapelle, 20 Kilometer von Aachen entfernt an der alten Verbindung Aachen-Lüttich gelegen, über die Mahnmale: „Irgendwie waren sie schon immer da, sie fallen auf, aber irgendwie auch nicht.“

Bereits in den ersten Jahren nach Kriegsende entstanden viele der Gedenkstätten, die Veteranenverbände erlebten regen Zulauf, das Andenken geriet zum allgemeinen „Ehrendienst“ und hielt so Einzug in den Alltag.

Der Rahmen des organisierten Erinnerns der Nachkriegsjahre dürfte aus heutiger Sicht durchaus mit den bekannten Schützenumzügen vergleichbar sein. So sollen in den 1920er Jahren in den Gemeinden rund um Eupen immer wieder Festumzüge stattgefunden haben, wenn es ein neues Denkmal einzuweihen galt, inklusive Dankgottesdienst und Einsegnung durch den örtlichen Pfarrer.

Ehemaligenverbände und patriotische Vereine sind an Gedenktagen – landesweit oder regional zelebriert – bis heute präsent, oft stellen sie gar das Gros der Anwesenden, sagt der Heimatkundler Christian Kaiser aus Kettenis (siehe „Nachgefragt“). Da mittlerweile auch die Anwesenheit von Veteranen des Zweiten Weltkriegs zur Seltenheit wird, sind es heute die Nachgeborenen derer, die an den Kriegen teilnahmen und mit ihren Fahnen und Uniformen bis heute der Szenerie einen militärischen Grundton geben.

Der Zustrom in die Organisationen ist heute vergleichsweise gering. Dabei treten Verbände wie die Unabhängigkeitsfront nicht nur für das Andenken ein, sie machen sich für Frieden, Demokratie und die Wahrung von Menschenrechten stark.

Auch wenn das organisierte Gedenken in kleinerem Rahmen stattfindet, sind die Fixpunkte bis heute praktisch überall präsent. Nahezu jedes Dorf, jede Kleinstadt beherbergt ein mehr oder weniger imposantes Monument. Meist im Umfeld der Kirchen aufgestellt, gleichen sich die Mahnmale zwar selten in Form, dafür in der Schlichtheit des Materials. Dem bedrückenden Anlass entsprechend gab man selten einem anderen Grundstoff als grauem Stein eine Chance.

Löwe auf dem Thron

Henri-Chapelle ist für Reisende, sofern sie nicht auf der Suche nach schmackhaften Fladen oder der schmucken Mini-Altstadt sind, selten mehr als eine Durchgangsstation. Auf einem kantigen Sockel thront der belgische Löwe vor historischer Häuserkulisse aus dem 18. Jahrhundert. Viele Fixpunkte der Erinnerung fallen um einiges schlichter aus: Eine Säule, ein Monolith, darauf eingraviert die Namen der als Soldaten getöteten und vermissten Gemeindemitglieder – dieses Bild bietet sich auf den mal mehr, mal weniger einladend gestalteten Kirchhöfen, Kreisverkehren oder Rathausvorplätzen der Wallonie.

Immer wieder, nicht selten in den Kirchen, finden sich die Namen der Opfer auf Gedenktafeln wieder. Statt vor der eigenen Haustür kämpften und starben die Söhne ostbelgischer Gemeinden auf weit entfernten Schlachtfeldern. Zu ihnen zählt etwa Karl Schriefer aus Moresnet, der in einer deutschen Uniform sein Leben verlor. Der äußerste Osten gehörte noch in den Kriegsjahren zum Deutschen Kaiserreich, ehe mit dem Versailler Vertrag das Gebiet Eupen-Malmedy an Belgien ging.

Auf der Gedenktafel in der Kirche Mariä-Himmelfahrt in Kelmis findet man Karl Schriefers Name, der eng mit einem fast vergessenen Phänomen des frühen 20. Jahrhunderts verbunden ist. Um 1908, als der Arzt Dr. Wilhelm Molly im 1919 aufgelösten Zwergstaat Neutral-Moresnet den ersten Esperanto-Staat ausrufen wollte, gehörte Schriefer zu dessen glühendsten Unterstützern.

Im 100. Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird auch in Belgien mit Ausstellungen – unter anderem in den Metropolen Brüssel und Lüttich – der Erinnerungskultur zumindest temporär neues Leben eingehaucht. Im musealen Rahmen findet der Erste Weltkrieg in Belgien dort dauerhaft statt, wo seine schlimmsten Schlachten tobten. In Ypern wartet das Museum „In Flanders Fields“ mit einer beeindruckend-bedrückenden Multimediaschau auf. Das Dorf Passchendaele ist nicht nur Synonym für hunderttausendfaches Sterben, es beherbergt heute eine – wenn auch eher militärisch geprägte – Ausstellung. Wer im Osten der Wallonie nach musealer Aufbereitung der Urkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts sucht, muss heute den Weg bis nach Lüttich einschlagen.

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