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Erst Atommüll aus Jülich, dann aus Hamm-Uentrop in die USA?

Von: Thomas Spang und René Benden
Letzte Aktualisierung:
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Altes Panorama von Hamm-Uentrop: Die Kühltürme des THTR wurden 1991 abgerissen. Foto: stock/Sven Simon

Aiken/Jülich. Zäh fließt der Savannah River durch die subtropische Schwüle des Südens der USA. Doch selbst im Sommer liefert der Grenzfluss zwischen den Bundesstaaten Georgia und South Carolina und seine fünf Zuflüsse das ideale Umfeld für eine der wichtigsten Nuklearanlagen der USA.

Die Savannah River Site (SRS) produzierte während des Kalten Kriegs das Material für die atomare Aufrüstung der Supermacht. Heute sichert die vom amerikanischen Energieministerium (DOE) betriebene Einrichtung ihr Überleben mit der Entsorgung waffenfähigen Atom-Materials.

Nur wenige Kilometer von Augusta entfernt – wo jährlich mit dem Masters das vielleicht berühmteste Golfturnier der Welt ausgespielt wird – arbeiten auf einem 800 Quadratkilometer großem Gebiet rund 12 000 Beschäftige an der Wiederaufbereitung von Brennstäben, der Entsorgung von hoch angereichertem Uran aus Nuklearwaffen und der Zwischenlagerung von Atommüll.

Die Endlager-Suche ist in den USA bislang ähnlich erfolglos wie in Deutschland. Seit die Yucca-Mountains vor den Toren Las Vegas‘ im US-Bundesstaat Nevada nicht mehr als atomares Endlager in Frage kommen, sammelten sich dort mehr als 140 Millionen Liter an hoch radioaktivem Müll an.

900 Kilogramm Uran

Mehr als genug, findet Sam Booher, der bei einer Anhörung im Gemeindezentrum von Augusta kürzlich seinem Unmut über die mögliche Aufnahme von Atommüll aus Deutschland Luft verschaffte. „Wir sind der einzige Ort in den USA, der diese Expertise hat“, stellt der Naturschützer vom „Sierra Club“ fest. „Wenn wir die Tür für Deutschland öffnen, bedeutet das, dass auch andere Länder ihr Nuklear-Material künftig hier abladen werden?“ Booher könnte schneller Recht bekommen, als ihm lieb ist.

Zwar ist noch nicht klar, ob die 152 Castoren mit Brennelementen aus dem ehemaligen Jülicher Forschungsreaktor in die USA verschifft werden, aber es wird schon über die Ausweitung des Transports spekuliert. 305 weitere Castoren mit ähnlichen Brennelementen aus dem ehemaligen Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor (THTR) in Hamm-Uentrop könnten dem Jülicher Transport folgen.

Die Rede ist von rund 975.000 kugelförmigen Brennelementen, die rund 900 Kilogramm an hoch angereichertem Uran enthalten, das seinerzeit von den USA an Deutschland geliefert worden war. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte an dem fernen Standort in den USA die Entwicklung einer neuen Entsorgungs-Methode mit zehn Millionen US-Dollar. Aus deutscher Sicht ein Klacks gemessen an den Problemen, die eine Entsorgung des Atommülls in heimischen Landen bereiten würde.

Eine im April unterzeichnete bilaterale Übereinkunft zwischen der deutschen und der US-Regierung hält die grundsätzliche Bereitschaft der Amerikaner zur Aufnahme des Jülicher Materials fest. Vorausgesetzt eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die wohl noch bis zum Ende dieses Jahres läuft, fällt unbedenklich aus.

Donald Bridge, der über 30 Jahre als Manager in der Savannah River Site-Anlage tätig war, hofft auf einen positiven Ausgang. Er ist davon überzeugt, dass die Lieferungen aus Deutschland die Zukunft gut bezahlter Arbeitsplätze in der Region sichern. „Die deutsche Regierung wird für die Erforschung und Entwicklung und Aufbereitung über die kommenden fünf bis sechs Jahre rund eine Milliarde Dollar zahlen.“

Der zweite Reaktor

Gegenüber unserer Zeitung beruft sich der promovierte Wissenschaftler auf Zahlen, die Vertreter der US-Regierung und der Bundesstaaten bei der Anhörung in Augusta im Juni öffentlich machten. Dabei sei neben Jülich explizit auch „von einem zweiten Reaktor“ die Rede gewesen. Diese Informationen schienen nur für den Hausgebrauch bestimmt gewesen zu sein. Mit diesem zweiten Reaktor kann nur der THTR gemeint sein, da er der einzige Reaktor in Deutschland ist, der mit ähnlichen Brennelementen betrieben wurde wie der Versuchsreaktor in Jülich.

Die US-Regierung will sich dazu offiziell nicht äußern. Aus dem NRW-Forschungsministerium hieß es am Montag, dass von deutscher Seite derzeit nur der Transport der Jülicher Castoren geprüft werde. Gleichzeitig wolle man nicht ausschließen, dass die amerikanische Umweltverträglichkeitsstudie auch den Transport des Brennstoffes aus Hamm-Uentrop umfasse.

Tom Clement von der Bürgerinitiative „SRS Watch“ hat vor allem was den aus Jülich geplanten Transport anbelangt einen Verdacht. Beide Seiten versuchten ihrer jeweiligen Öffentlichkeit eine beschönigte Version der Atommüll-Pläne zu verkaufen. „Sie versuchen, einen seit 25 Jahren stillgelegten Reaktor als Forschungsreaktor umzudefinieren“, beschwert sich Clement in der Lokalpresse über die Taktik der Ministerien. Tatsächlich sei Jülich kommerziell genutzt worden.

Clement spielt mit seiner Argumentation auf einen juristischen Streit an, mit der die Kritiker versuchen, den Transport zu unterbinden. Die Atomexpertin der Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, erhob vor zwei Wochen den Vorwurf, dass der geplante Transport des Jülicher Atommülls in die USA nicht mit deutschem Recht im Einklang stünde. Weil der damalige Hochtemperaturreaktor (HTR) auf dem Gelände des heutigen Forschungszentrums Jülich (FZJ) auch Strom für die öffentlichen Netze produziert habe, sei dies ein kommerzieller Reaktor gewesen, argumentiert Kotting-Uhl. Und der Abfall von kommerziellen Reaktoren müsse nach deutscher Rechtsprechung auch in Deutschland eingelagert werden.

Die Forschungsministerien und das Forschungszentrum Jülich selbst kommen zu einer anderen Bewertung: Da der Brennstoff der Jülicher Brennelemente aus den USA kommt, sei der Rücktransport dieses Brennstoffes über das sogenannte Nichtverbreitungsabkommen rechtskonform.

Während in den USA die Befürworter des Deals das spärlich besiedelte Gebiet entlang des Savannah Rivers für einen idealen Standort halten, sind Kritiker wie die gewöhnlich zurückhaltende Frauenvereinigung „League of Women Voters“ empört. Es müsse im Fall der Jülicher Lieferung sehr genau geprüft werden, ob die Aufnahme des Materials wegen „Instabilität“ geboten sei, „oder weil es für den Absender einfach bequem ist“.

Kritische Fragen

Deutschland sei falsch informiert, wenn es glaube, South Carolina habe ein Interesse daran, „zu seinem Atommülllager zu werden“, regt sich auch der Chef der Bürgerinitiative SRS auf. Im Gegensatz zu Ex-Manager Bridge, der die Bewohner der ansonsten strukturschwachen Region im Süden der USA auffordert, „die Entwicklung zu unterstützen“. Die 60 Jahre alte Nuklear-Einrichtung am Savannah-River habe die Chance, „attraktive Jobs“ zu erhalten und das Land insgesamt sicher zu machen“.

Eine schnelle Entscheidung dürfte es angesichts der leidenschaftlich geführten Kontroverse nicht geben. Zumal auch die konservative Gouverneurin von South Carolina, Nicki Haley, Fragen hat. Bei einem Besuch von US-Energieminister Ernest Moniz hakte die Republikanerin zu den Lieferplänen aus Deutschland explizit nach: „Wann hört die Lieferung neuen Materials auf?“

Angesichts dieser Aufstellung dürfte es dauern, ehe auf der politischen Ebene Entscheidungen getroffen werden. Gerade erst lief die Frist einer Bürgerbefragung ab. Danach steht noch das Umweltgutachten aus und je nach Ausgang eine weitere Evaluierung, bevor zur Tat geschritten werden kann. Nach Einschätzung von Beteiligten auf beiden Seiten der Kontroverse kann das dauern. Wochen. Monate. Jahre.

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