Aachen - Elf Aachener holen WM-Titel in Brasilien

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Elf Aachener holen WM-Titel in Brasilien

Von: Guido Jansen
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Weltmeisterlich: Frederik Zwilling (vorne, l.) und Johannes Rothe sind die jüngsten Mitglieder im Carologistics-Team, das in Brasilien Platz eins belegte. Foto: Guido Jansen

Aachen. Wer ist im Sommer in Brasilien Weltmeister geworden? Deutschland, klar. Genauer gesagt Aachen! Carologistics heißt die Gruppe von Studenten der RWTH und FH Aachen, die jüngst den größten Erfolg in ihren noch jungen Wissenschaftler-Karrieren gefeiert hat, weil sie in Joáo Pessoa Roboter-Weltmeister geworden ist.

Die Carologistics haben in der Logistik-Liga die effektivsten Roboter gebaut und programmiert und damit die Seriensieger von der TU München vom Thron gestoßen. „Das haben wir dann auch ordentlich gefeiert“, sagten Frederik Zwilling (23) und Johannes Rothe (24), die beiden jüngsten Mitglieder der Gruppe.

Vor dem Feiern war Arbeit angesagt, jede Menge. Über Wochen und Monate hatte die Gruppe an ihren Robotern getüftelt und die Ideen zusammengeworfen, die die Mitglieder vorher alleine entwickelt hatten. „Direkt vor dem Robocup kann man alles andere eigentlich vergessen. Das geht dann tagelang“, sagt Johannes Rothe. Fast wie ein Trainingslager, das Bastian Schweinsteiger und Co. vor der Fußball-WM absolviert haben. Die Ernährung der Fußballer war sicher gesünder, bei den Carologistics bestand sie sehr oft aus Tiefkühlpizza; so wie man sich das vorstellt, wenn eine Gruppe junger Forscher hinter verschlossenen Türen experimentiert.

Das Spiel in der Logistik-Liga ist eine Simulation. Die Roboter sorgen dafür, dass in einer imaginären Fabrik alles von selbst funktioniert. Sie holen die Ware ab, bringen sie zur Weiterverarbeitung und liefern sie später an der Laderampe ab. „Bisher arbeiten Roboter in einer Fabrik in einem statischen System“, sagt Sebastian Rothe. Sie stehen an einer festen Stelle und machen immer die gleichen Aktionen. „Unser Ziel ist es, dass Roboter reagieren und so mit dem Menschen zusammenarbeiten können.“ Beispielsweise weil sie einen eingebauten Kollisionsschutz haben. Oder weil sie erkennen, dass ein Produktionsschritt abgeschlossen ist und das Produkt zur nächsten Station gebracht werden kann. So die abstrakte Vorstellung.

Konkret sieht das so aus, dass die Roboter auf einem Spielfeld Eishockeypucks hin und her schieben. Auf dem Puck ist ein Transponder, auf dem Informationen abgelegt sind. Beispielsweise darüber, wie weit das imaginäre Produkt in der Verarbeitung ist. Bei jedem Schritt gibt es neue Informationen. Die Roboter sind mit einem Scanner ausgestattet und erkennen, welcher Schritt noch fehlt. Das Team, das am Ende des Spiels die meisten fertigen Produkte liefert, ist oben auf.

Die Carologistics haben auch gewonnen, weil sie schon seit zwei Jahren auf ein dynamisches System setzen. „Vor zwei Jahren bei der WM in Mexiko sind wir noch ziemlich untergegangen“, sagt Johannes Rothe. Im vergangenen Jahr in Eindhoven sprang Platz vier heraus. „Dass uns jetzt mit unserem System der Sieg gelungen ist, ist natürlich der Hammer.“ Die Aachener waren die ersten, die schon vor zwei Jahren mit einem Laser unterwegs waren, der das Umfeld ständig abtastet. Taucht unerwartet ein Hindernis auf, dann ist das System in der Lage, einen neuen Weg zum Ziel zu berechnen. In diesem Jahr hat die Gruppe das System perfektioniert. Genau zum richtigen Zeitpunkt, wie sich herausstellen sollte.

Das Spiel kostet Nerven

Denn die Spielregeln hatten sich im Frühjahr geändert. Bei der WM haben die zwei Gegner gleichzeitig auf einem Feld gespielt. Mit den Robotern der Gegner, die jetzt erstmals im Weg stehen konnten, ist das dynamische Carologistics-System am besten klargekommen.

Trotzdem hat der Sieg Nerven gekostet. Direkt am Anfang, weil die Aachener wohl zu viel wollten, als sie in Brasilien angekommen waren. „Da haben wir unser System zuerst mal geschrottet“, sagt Rothe. Überoptimiert lautete die Diagnose, ein paar Einstellungen zu viel. Statt sich am Strand zu lümmeln war Arbeit hinter verschlossenen Türen angesagt, damit die Roboter und Computer zum Turnier wieder fit waren. Auch der Wettkampf schont die Nerven nicht. Sobald die Zeit läuft und die Roboter aktiviert sind, geht nichts mehr.

Die Hilflosigkeit eines Fußballtrainers am Spielfeldrand ist nichts dagegen. „Du weißt genau, was jetzt passiert, aber du kannst nichts machen. Da fließt auf jeden Fall Adrenalin. Im Gegensatz zu Jogi Löw kannst du vom Spielfeldrand aus nicht mehr eingreifen“, beschreibt Rothe. So groß die Anspannung beim Wettbewerb war, so ausgiebig war auch die Feier danach. Ein, zwei Tage feierten die Aachener Nachwuchs-Wissenschaftler ihren Titel, im Hotel, am Strand. In den Wochen seitdem ist etwas Ruhe eingekehrt. Jetzt heißt es abwarten, bis die Regeln für die nächste Roboter-Weltmeisterschaft veröffentlicht werden, die 2015 in China stattfindet.

Faszination

So ein Weltmeistertitel macht sich sicher später gut im Lebenslauf. „Aber darauf kommt es mir gar nicht an. Ich finde es faszinierend, dass man einem Roboter etwas beibringen kann, nämlich, dass er selbst entscheidet, was er tut, und dass er dann schlau entscheidet“, sagt Frederik Zwilling. „Wenn am Ende alles funktioniert, dann ist das einfach ein saugeiles Gefühl“, fügt sein Kollege Johannes Rothe hinzu.

Johannes Rothe und Frederik Zwilling haben das Bachelor-Studium gerade hinter sich, zwei Jahre bis zum Master wollen sie vermutlich beide dranhängen. „Ich kann mir danach was in der Automatisierungstechnik vorstellen. Da sind Robotik und Informatik verknüpft“, sagt Johannes Rothe. Und Frederik Zwilling überlegt, daran zu arbeiten, dynamische Robotersysteme zur Serienreife zu bringen. „Ob das realistisch ist, weiß ich nicht. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Eigenschaften wie eine Kollisionsvermeidung bald Schule machen. In der Robotik geht nämlich gerade richtig die Post ab.“

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