Einblicke in eine unbekannte Parallelwelt: Das Gefängnis

Von: Christoph Driessen, dpa
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Urteil im Aachener Ausbrecherprozess
Im Aachener Ausbrecherprozess sind die Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski zu hohen Haftstrafen und Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Foto: dpa

Aachen. Der Aachener Ausbrecherprozess war von einer Frage beherrscht, die weit über den konkreten Fall hinausweist: Waren die Zustände im Gefängnis für die spektakuläre Flucht mitverantwortlich? Niemand bestreitet, dass Michael Heckhoff (52) und Peter Paul Michalski (47) zwei gefährliche Männer sind.

Um sich davon zu überzeugen, muss man nicht erst die psychologischen Gutachten lesen, dafür muss man sich nur ansehen, was sie im Laufe der Jahre alles verbrochen haben. Heckhoff: Banküberfälle mit einer Beute von einmal einer Million Mark, Geiselnahmen, Schwerverletzte. Michalski: Überfälle, Mord.

Das ist das eine. Das andere ist der Ort, an dem die beiden fast ihr ganzes Erwachsenenleben verbracht haben: Das Hochsicherheitsgefängnis. Eine Parallelwelt jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Kein Unbeteiligter wird sie je kennenlernen. Doch im Laufe des Prozesses haben sich die Türen einen Spalt weit geöffnet, und man konnte hinein spähen.

Es ist eine Welt mit eigenen Gesetzen: Diejenigen, die in der Hackordnung oben stehen, herrschen über die Schwachen, missbrauchen sie als Prostituierte, lassen sich mit Pornos, Handys, Lebensmitteln und Drogen versorgen. Was im Laufe des Prozesses auch deutlich zutage trat: Die Regime in den einzelnen Gefängnissen sind sehr unterschiedlich. Manche sind beliebt, andere gefürchtet.

Wer meint, dass das normale Leben im Gefängnis schon schrecklich wäre, muss erst einmal die Isolationshaft kennenlernen. Heckhoff saß insgesamt 15 Jahre in Isolationshaft, bei Michalski waren es zehn. Konkret heißt das: 23 Stunden am Tag auf acht Quadratmetern. Eine Stunde am Tag Runden drehen im Gefängnishof, aber kein Kontakt zu anderen Häftlingen. Heckhoff hat sich schon vor langem angewöhnt, Selbstgespräche zu führen. Insgesamt war er 33 Jahre in Haft, „länger als mancher Kriegsverbrecher”, sagt sein Anwalt.

Menschenrechtsorganisationen prangern solche Haftbedingungen als unmenschlich an. Die Leute, die den Justizvollzug zu managen haben, sind entschieden anderer Meinung: Für sie sind die Kritiker naive Weltverbesserer, die keine Ahnung haben vom Umgang mit Berufskriminellen. Heckhoff und Michalski seien die besten Beispiele dafür, sagen sie. Wenn man die nicht immer wieder in neue Gefängnisse verlegt und von den Mitgefangenen abgeschnitten hätte, wären sie vielleicht schon viel früher ausgebrochen.

Solche Leute sind nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft auch nicht mehr zur Umkehr fähig. Michalski hatte das Ende seiner Haft einmal schon vor Augen, und dann nutzte er einen Freigang dafür, einen Mann umzubringen, der einen Komplizen verpfiffen hatte.

Bei Heckhoff fragt man sich, was er wohl aus seinem Leben gemacht hätte, wenn er nicht schon sehr früh - als Jugendlicher nach einer Kindheit im Heim - auf die schiefe Bahn gekommen wäre. „Wenn der redet, dann hängt man an seinen Lippen”, sagt eine Prozessbeobachterin. Der Vorsitzende Richter Hans Günter Görgen sprach am Mittwoch über seine „lustige Art”, seinen „Charme” und seine „Schoten”.

Psychologen warnen jedoch, dass ihn gerade dies so gefährlich mache, denn gleichzeitig fehle ihm jede Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Er sei ein klassischer Psychopath: Egozentrisch, gewissenlos und extrem manipulativ. Eine so gestörte Persönlichkeit sei kaum behandelbar und bleibe deshalb eine unberechenbare Gefahr. Also Sicherungsverwahrung, Gefängnis bis zum Tod.

Die Zustände in der JVA Aachen wurden in der Urteilsbegründung am Mittwoch bewusst ausgeklammert. „Das Gericht fühlt sich nicht dazu berufen, die Missstände in der JVA aufzuklären und zu bewerten”, sagte Richter Görgen. „Sie spielen für die Schuld keine Rolle.” Bestritten hat er die Missstände nicht.
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