Hückelhoven/Aachen - Ein Waffen-Krimi mit politischer Beteiligung

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Ein Waffen-Krimi mit politischer Beteiligung

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Nachgestellte Szene aus der ZD
Nachgestellte Szene aus der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst”: So stellt sich die Polizei die Tat vom 9. Januar 2010 vor, allerdings fehlt der Schnee, der an diesem Tag gelegen hat. Der mit mehr als 40 Kugeln erschossene Erkelenzer Augenarzt Udo Schmitz und sein Mörder auf einem Parkplatz bei Erkelenz-Immerath. Nur wer ist dieser Mörder? Die Polizei hat bis heute keine Anhaltspunkte. Foto: ZDF

Hückelhoven/Aachen. Als die Mordkommission am Tag der Tat in Erkelenz eintraf, fand sie einen einigermaßen verwüsteten Tatort vor. Der Schneesturm „Daisy” hatte nachmittags auch über Erkelenz gewütet und den Schnee von links nach rechts geweht und wieder zurück, bei der Spurensicherung waren den örtlichen Einsatzkräften gleich mehrere Fehler unterlaufen.

Die Feuerwehr rückte mit schweren Einsatzfahrzeugen an und vernichtete so, im tiefen Schnee, möglicherweise weitere Hinweise auf den Täter. Der damals 51 Jahre alte Augenarzt Udo Schmitz wurde am 9. Januar 2010 auf einem Parkplatz bei Erkelenz-Immerath erschossen. Sein Mörder ist bis heute nicht gefunden.

Der einzige Mensch, den die Aachener Mordkommission jemals des Mordes an Udo Schmitz verdächtigt hat, steht bald wegen anderer Taten vor Gericht, die aber dennoch mit dem Mordfall Udo Schmitz zu tun haben. Der Vorsitzende der Linken-Fraktion im Hückelhovener Stadtrat, Manfred H., 56, muss sich wegen diverser Verstöße gegen Waffen- und Sprengstoffgesetze vor Gericht verantworten. Die Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft bestätigte gestern auf Anfrage unserer Zeitung, Anklage gegen H. und in diesem Zusammenhang gegen sechs weitere Männer erhoben zu haben, von denen fünf im Kreis Heinsberg leben und einer in Rheinland-Pfalz (Az. 92 Ls 49/11).

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Schmitz mit der britischen Weltkriegs-Maschinenpistole Sten MK II erschossen wurde, die H. in Schmitz Auftrag im November 2009 von einem der anderen Angeklagten in Heinsberg-Waldesrath für 600 Euro gekauft hatte. Mit der Waffe erhielt er 50 Schuss Munition. Als Schmitz Leiche am Nachmittag des 9. Januar 2010 gegen 16.05 Uhr von Spaziergängern gefunden wurde, befand sich diese Munition fast sämtlich in seinem Bauch bzw. Unterleib. Nahezu zwei ganze Magazine hatte der Täter auf den Erkelenzer Augenarzt abgefeuert, weswegen die Polizei zunächst von einer Beziehungstat ausging. Unter Schmitz Leiche fand die Polizei eine geladene Pistole der Marke Ceska, die H. von einem der weiteren Angeklagten erhalten hatte, und die er Schmitz irgendwann zwischen dem 1. und dem 7. Januar, jedenfalls noch kurz vor dessen Ermordung, gegeben haben will.

Motorräder, Waffen, Bomben

H. und Schmitz hatten sich nach Recherchen unserer Zeitung über den einstmals berüchtigten Heinsberger Motorradclub „Black Angels Germany 1971” kennengelernt. H. hatte im Club den Rang eines „Sergeant-at-arms” inne, eines Waffenmeisters. Der 1971 gegründete Motorradclub musste 1975 fast geschlossen werden, weil alle Mitglieder im Gefängnis saßen. So schreibt es der Verein auf seiner Homepage im Internet. Gemeinsam waren H. und Schmitz auch bei den Sportschützen Heinsberg 1955 aktiv.

Bereits Mitte 2006 hatte H. dem Augenarzt ein sowjetisches Sturmgewehr AK-47 für 1200 Euro und eine „Uzi” genannte Maschinenpistole für 800 Euro verkauft. Für sich selbst kaufte H. bei dieser Gelegenheit ein Sturmgewehr 44, das ab 1943 die deutsche Wehrmacht benutzt hatte. Alle von H. gekauften Waffen waren voll funktionstüchtig, das ergibt sich auch aus den übereinstimmenden Aussagen mehrerer Zeugen.

Nach dem Mord an Udo Schmitz stießen die Ermittler schnell auf seine Kontakte zu Manfred H., schon am 14. Januar, fünf Tage nach dem Mord, wurde H.s Haus in Hückelhoven von der Polizei durchsucht. Dabei fand sie im Keller Teile eines Repetiergewehrs und in der Garage ein mit Plastik ummanteltes Kupferrohr mit Zündschnur. In dem Rohr befand sich explosives Treibladungspulver. Das Landeskriminalamt Düsseldorf bezeichnete diese Konstruktion in einem Gutachten als Bombe.

H. besaß einen Spind in einer Halle in Geilenkirchen, die einer der Angeklagten gemietet hatte. Einen Tag nach der Hausdurchsuchung hatte H. diesen Angeklagten gebeten, seinen Spind aufzubrechen und leerzuräumen. Wahrscheinlich, weil er befürchtete, observiert zu werden, und weil er befürchtete, die Polizei könnte den Inhalt des Spindes finden. Die Polizei fand nach weiteren Ermittlungen trotzdem, wonach sie suchte: Zwei der Angeklagten brachten die in dem Spind befindlichen Waffen und Waffenteile, unter anderem besagtes Sturmgewehr 44, zu einem weiteren Angeklagten nach Übach-Palenberg, wo es die Polizei später sicherstellte.

Nach mehreren Verhören bei der Mordkommission in Aachen schienen H.s Angaben zu seinem Alibi für die angenommene Mordzeit, den Mittag des 9. Januar 2010, zunächst widersprüchlich zu sein. Die Polizei glaubte, sie habe den Täter. Doch nach weiteren Verhören waren H.s Aussagen nicht mehr zu widerlegen. „Es blieb ein schaler Beigeschmack”, sagte einer der Ermittler gegenüber unserer Zeitung, „aber vor Gericht zählen nur beweisbare Fakten, keine Vermutungen.”

Als die Mordkommission bei der Suche nach Schmitz Mörder nicht weiterkam, suchte sie den Täter über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst”. Ein zehnminütiger Filmbeitrag rekonstruierte, wie sich der Mord zugetragen haben könnte. Es wurde nach einem Waffenhändler namens Drago gefahndet, dessen Namen H. während der Vernehmungen hatte fallenlassen. Drago wurde nie gefunden, es gab nicht einen einzigen Hinweis auf seine Existenz. Schon bald glaubten die Ermittler nicht mehr daran, dass es diesen Drago überhaupt gibt. Im Anschluss an die ZDF-Sendung ergaben sich keine verwertbaren Hinweise, bis heute nicht.

Das Ermittlungsverfahren im Mordfall Udo Schmitz läuft noch, aber nur der Form nach. Der zuständige Oberstaatsanwalt Peter Aldenhoff erklärte gestern, es werde „in den nächsten Tagen nun endgültig eingestellt”. Das ist insofern ungewöhnlich, als Tötungsdelikte zu annährend 100 Prozent aufgeklärt werden. Die Täter kommen laut Kriminalstatistik meist aus dem Umfeld der Opfer und sind daher leichter zu überführen als etwa Taschendiebe, die in der Regel in keinerlei Beziehung zu ihren Opfern stehen.

Doch die entscheidenden Hinweise auf den Täter wurden möglicherweise noch am Tatort von den Einsatzkräften zerstört, erste Ermittlungen führten zu kuriosen Ergebnissen: Eine am Tatort gefundene Brille wurde beispielsweise einem möglichen Täter zugeordnet. Die an der Brille sichergestellte DNA sollte schon in einem anderen Mordfall eine Rolle gespielt haben, glaubte die Polizei damals. Später stellte sich heraus, dass die Brille einem Polizisten gehörte, der sie am Tatort verloren hatte.

Der Mönchengladbacher Rechtsanwalt Heribert Kayenburg, der Manfred H. vertritt, bezeichnet die Arbeit der Polizei am Tatort als „unprofessionell und laienhaft”. Oberstaatsanwalt Aldenhoff erklärte damals gegenüber unserer Zeitung, die Situation am Tatort sei „sicher nicht glücklich” gewesen. So wenig glücklich, dass der Täter nun wahrscheinlich nie gefunden wird.

Das Verfahren gegen H.und die anderen Angeklagten wegen Verstößen unter anderem gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffen- und das Sprengstoffgesetz beginnt nicht vor Herbst, wie ein Sprecher des Mönchengladbacher Schöffengerichts gestern mitteilte. Die weiteren Angeklagten sind weder vorbestraft noch waren sie bislang polizeibekannt. Sollte der in weiten Teilen geständige H. schuldig gesprochen werden, betrüge seine Strafe nicht weniger als ein Jahr Haft, zumindest auf Bewährung.

H. und der Stadtrat: Was könnte passieren?

Obwohl die Staatsanwaltschaft seit Januar 2010 gegen Manfred H. ermittelt, kann er sein Mandat im Hückelhovener Stadtrat weiter wahrnehmen, auch die erhobene Anklage änderte daran nichts.

Sollte H. im Sinne der Anklage verurteilt werden, was aufgrund seiner abgelegten Geständnisse nicht unwahrscheinlich ist, muss H. sein Stadtratsmandat nur dann niederlegen, wenn der Richter dies in seinem Urteil ausdrücklich anordnet.

Der Bundesverband der Linken wollte sich zu dem Fall H. mit Verweis auf „das schwebende Verfahren” nicht äußern.
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