Ein toter Wolf, ein Jäger vor Gericht

Von: Jens Höhner
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Ein 72-Jähriger ist angeklagt, ein geschütztes Tier erschossen zu haben. Fraglich ist, ob er die nötige Sorgfaltspflicht walten ließ. Foto: imago/blickwinkel

Montabaur. Im schmucken Amtsgericht von Montabaur herrscht dichtes Gedränge auf dem Flur vor Verhandlungssaal 115. Kurz vor Beginn des Prozesses gegen den heute 72 Jahre alten Jäger Peter R. aus Bad Honnef sehen am Freitag gleich vier Justizbeamte zwischen Naturschützern, Journalisten und Interessierten nach dem Rechten.

Peter R. soll im April im Westerwald einen Wolf erlegt haben. Ihm werden deswegen ein fahrlässiger Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz zur Last gelegt. Das Verfahren gilt als bislang einzigartig in Deutschland. Denn seitdem der Wolf unter Schutz steht, ist das der erste Fall, in dem einem Jäger die Tötung des Wildtieres zur Last gelegt wird.Das große Interesse ist dem Mann sichtlich unangenehm.

Sein Anwalt unterbindet die öffentliche Feststellung der Personalien. Bis zur Verhandlung war die Identität des Jägers aufgrund der Brisanz des Prozesses geheim. Vor Gericht wiederholt der weißhaarige Beamte in Pension immer wieder, dass er in dem festen Glauben geschossen habe – laut Anklageschrift trotz einbrechender Dunkelheit und ohne Nachtsichtgerät – einen wildernden Schäferhund mit dem Zielfernrohr erfasst zu haben. Bei der ersten Sichtung in einer Entfernung von 60 bis 80 Metern habe der vermeintliche Hund zwei Rehe gehetzt. „Als das Tier zum zweiten Mal auftauchte, hatte es etwas in den Fangzähnen, das für mich wie ein anderes Tier, wie ein Frischling, aussah“, erinnert sich der Jäger.

Auf die Frage, warum er das getötete Tier nicht in Augenschein genommen habe, wie es eigentlich Jägerspflicht ist, entgegnet R., dass er dies aus Angst vor einem womöglich nur verletzten und daher gefährlichen Schäferhund unterlassen habe. Und am zweiten Tag habe er nicht nach dem Kadaver gesucht, so R. weiter, weil er sicher gewesen sei, dass seine Kugel nicht mal getroffen habe. Überhaupt sei er kein sicherer Schütze und treffe selten, wenn sich das Wild bewege.

Am dritten Tag nach dem Vorfall hat Peter R. dann die Polizei in Montabaur aufgesucht. „Ich habe im Radio gehört, dass ausgerechnet in diesem Revier ein Wolf erschossen wurde.“ Der damals ermittelnde Kriminalhauptkommissar ist als Zeuge geladen und bestätigt in weiten Teilen die Aussage des Jägers. Für ein zweites, eventuell gerissenes Wildtier habe es keine Anzeichen gegeben.

Dem Vorschlag des Verteidigers, den Vorwurf der Fahrlässigkeit gegen R. fallenzulassen und das Verfahren unter Auflagen einzustellen, wollen weder Staatsanwalt noch Richter folgen. Für Staatsanwalt Ralf Tries steht die Frage nach der Sorgfaltspflicht eines Jägers im Mittelpunkt des Verfahrens. Er will den Vorwurf der Fahrlässigkeit nicht fallen lassen. Deswegen sieht sich Richter Jens Kaboth gut zwei Stunden nach Prozessbeginn außerstande, ein Urteil zu fällen. Er setzt einen weiteren, noch nicht terminierten Verhandlungstag im Januar an.

Die Naturschützer sind entsetzt, ein Raunen geht durch den Saal. „Es war doch schon lange bekannt, dass nach mehr als 100 Jahren endlich ein Wolf in den Westerwald zurückgekehrt war“, sagt etwa Markus Bathen vom Naturschutzbund Deutschland sichtlich erregt. „Wie kann er das nicht mitbekommen?“ Für Bathen ist die Aufschiebung des Urteils nichts als „kalkulierte Zeitschinderei“.

Mit einem neuen Antrag zweifelt Verteidiger Christian Comes zuletzt das Ergebnis der DNA-Analyse des Tieres an. Diese war im Senckenberg-Institut vorgenommen worden und hatte einwandfrei ergeben, dass das getötete Tier ein wildlebender Wolf italienischer Abstammung ist. Das bundesweit tätige Institut ist spezialisiert auf den Nachweis von Wölfen. Aber in diesem Fall sei das alles nur Vermutung, sagt Comes. Nun soll ein Gutachter aus Lausanne hinzugezogen werden.

Zur Klärung der Fahrlässigkeit soll unter anderem festgestellt werden, wie gut informiert Peter R., Abonnent einer regionalen Tageszeitung und von zwei Jagdzeitschriften aus Niedersachsen und NRW, über die Rückkehr des Wolfes zur Tatzeit war.

Bei einer Verurteilung könnte es zu einer Haftstrafe von maximal drei Jahren kommen. Bis dahin bleibt Peter R., der Mitglied im Hegering Siebengebirge ist, auch im Besitz seiner Jagdlizenz. Dies teilte die Verwaltung des Rhein-Sieg-Kreises auf Anfrage mit. Es gelte derzeit die Unschuldsvermutung. Auch der Hegering hat bisher auf eine Disziplinarmaßnahme verzichtet.

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