Ein Prozess, sieben Angeklagte, 107 Zeugen

Von: Manfred Kutsch
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Landgericht Mönchengladbach
Das 97 Jahre alte Landgericht von Mönchengladbach: In diesem Gebäude wird in zwei Wochen das Verfahren gegen den einstigen Chefarzt der St. Antonius-Klinik Wegberg, Dr. Arnold Pier, beginnen. Mit ihm sitzen sechs weitere Ärzte auf der Anklagebank. Foto: Manfred Kutsch

Mönchengladbach. Noch herrscht am historischen Landgericht Mönchengladbach anno 1912 die Ruhe vor dem Sturm. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Lothar Beckers (54), hat in diesen Tagen zwei jugendliche Gewalttäter zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt und will sich zum mutmaßlich schwerwiegendsten Verfahren seines Lebens „nicht äußern”.

Oberstaatsanwalt Lothar Gathen (49) hat noch Zeit, sich am guten Bundesliga-Start „seiner” Borussia aufzufrischen - weiß aber: „Das wird vom Verfahrensumfang wohl der kapitalste Fall der letzten Jahre”.

Die Rede ist vom Prozessauftakt am 17. September gegen den ehemaligen Eigentümer, Geschäftsführer und Chefarzt des Wegberger St. Antonius-Krankenhauses Dr. Arnold Pier (Aktenzeichen 27 ks 4/08), der 2008 bereits ein halbes Jahr in Untersuchungshaft saß. Dem 53-jährigen einstigen Starmediziner mit Karrierestationen in Saudi-Arabien, Argentinien, Brasilien, Peru und Indonesien, eigener Webseite und vielfacher Präsenz in TV-Talks, wird „einer der größten Krankenhausskandale in der Geschichte der Republik” (Spiegel) zur Last gelegt.

Allmacht und Selbstherrlichkeit

Auf 382 Seiten hat ihn die Staatsanwaltschaft angeklagt: 69 Straftatbestände werden Pier vorgeworfen - von fahrlässiger Tötung bis gefährlicher Körperverletzung, begangen an 18 Patienten. Sieben von ihnen starben im Zuge der Behandlungen. Akten und Publikationen sind gespickt mit dem Gemisch von Intrigen, Anmaßungen, Allmacht und Selbstherrlichkeit. Mit angeklagt sind sechs weitere Ärzte, die ihrem Chef bei dessen Streben nach „einem strengen Wirtschaftlichkeitspostulat”, so die Anklage, rechtswidrig zur Hand gegangen sein sollen.

Der etwa 200 Quadratmeter große Schwurgerichtssaal wird aus allen Nähten platzen: Knapp 40 Prozessteilnehmer werden erwartet, ferner 30 bis 40 Journalisten und fünf bis sieben Kamerateams. Die acht Angeklagten lassen sich von neun Rechtsanwälten vertreten. Pier allein von drei: Auch finanziell hat er dabei nicht gespart.

Ihm zur Seite steht allen voran der wohl populärste deutsche Strafverteidiger: Egon Geis, Frankfurt, jüngst auch Anwalt des Erpressers der BMW-Milliardärin Susanne Klatten. Der heute 78-jährige Advokat machte 1968 im Frankfurter Judenmordprozess sein Husarenstück, als er die Vernehmung des damaligen Bundeskanzlers Kurt-Georg Kiesinger erzwang. Ferner gewann Pier den Medizinanwalt Deutschlands schlechthin für seine Verteidigung: Rolf-Werner Bock, Berlin, Autor zahlreicher Fachbücher, darunter „Recht für Krankenhaus und Arztpraxis”. Das Duo wird ergänzt durch den renommierten Geilenkirchener Rechtsanwalt Thomas Verheyen.

Sie alle werden mit Gegengutachtern zu widerlegen versuchen, was die Staatsanwaltschaft Pier vorwirft: zum Beispiel aus Gründen der Wirtschaftlichkeit auf die Gabe von Blutkonserven und teuren Medikamenten verzichtet oder anstelle von Wunddesinfektion frisch gepressten Zitronensaft verwendet zu haben. Ferner soll er „eine Vielzahl von Operationen” durchgeführt haben, für die „keine medizinische Indikationslage” bestand. Mehr noch: Es sei zu „völlig überflüssigen Darm(-teil)resektionen sowie zu unnötigen Gallenblase-, Nieren-, Blinddarm- und Brustfellentfernungen” gekommen. Im übrigen habe sich Pier in etlichen Fällen „eine medizinische Fachkompetenz angemaßt, über die er nicht verfügte”.

„Da wird ein Sachverständigenstreit toben”, prognostiziert Landgerichtssprecher Joachim Banke. Allein sechs Sachverständige präsentiert die Anklage. Die Verteidigung glaubt, genügend Gegengutachter gefunden zu haben - hüllt sich aber ansonsten in Schweigen: „Wir geben vor dem Prozess keinen Kommentar ab”, so Verheyen, der keinen Einblick in die Verteidigungsstrategie geben will.

Vor dem Hintergrund der mutmaßlichen Opfer sowie deren Hinterbliebenen ist mit großen Emotionen vor Gericht zu rechnen: „Trauer, Wut und Unverständnis”, fasst Rechtsanwalt Karlheinz Rabe die Gemütslage seiner Nebenkläger zusammen, die mit dem unvermuteten und aus ihrer Sicht überflüssigen Tod ihrer Angehörigen „massive seelische Probleme haben”. Auch damit, „dass nie ein Wort des Bedauerns ausgesprochen wurde”.

Auf zwanzig Verhandlungstage bis Mitte März - jeweils donnerstags - hat das Landgericht das „Monsterverfahren” terminiert. Warum im Wochenrhythmus und nicht zügiger? Joachim Banke: „Es war extrem schwer, alle Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Dieser Zeitabstand ist bei einem so großen Verfahren nicht ungewöhnlich.” Wobei Anwalt Rabe ohnehin davon ausgeht, „dass der Prozess bei der zu erwartenden Gutachterschlacht weit länger dauert”. Er taxiert den Zeitpunkt des Urteils auf ein Jahr.

Bis dahin wird Richter Lothar Beckers im Rampenlicht und Brennpunkt stehen. Wie ist der Vorsitzende einzuschätzen? „Ein ganz sachlicher Typ, der sich nicht provozieren lässt”, weiß Ingrid Krüger, Gerichtsreporterin der „Rheinischen Post”. Der Eindruck verstärkt sich beim Verfahren gegen die jugendlichen Räuber. Der 54-Jährige wirkt mit seiner sonoren Stimme souverän - kann aber auch ausgesprochen bissig werden: „Das nächste Mal brauchen Sie nicht mehr an meine Tür zu klopfen”, staucht er einen der Anwälte zusammen.

Beckers wird sich mit kompliziertesten medizinischen Sachverhalten auseinanderzusetzen haben. „Die Vorwürfe betreffen ja einen grundlegenden Konflikt zwischen Medizinern und Juristen, für die ja schon jeder Eingriff eine Körperverletzung im rechtlichen Sinne darstellt”, erläutert Banke die Sensibilität des Verfahrens. Und ergänzt: „Die Frage wird sein, ob und wie weit Grenzen überschritten worden sind.”
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