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Ein kleiner Apparat, der zur großen Ikone wurde

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
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Hat nicht nur Erfindergeist, sondern auch einen langen Atem: 23 Jahre hat Walkman-Erfinder Andreas Pavel gegen Sony prozessiert. 2003 einigte man sich auf einen Vergleich. Foto: Carlo Cerchioli/Garzia Neri

Aachen. Hand in Hand schweben der Junge und das Mädchen am Himmel über dem New Yorker Stadtteil Manhattan. Auf den Gesichtern ein Lächeln, auf den Ohren Kopfhörer und in den Händen: ein Walkman.

Mit dieser Szene warb der japanische Sony-Konzern vor 30 Jahren auf riesigen Plakaten für das kleine elektronische Gerät, dem Urahnen von MP3-Player und iPod. Was viele nicht wissen: Sony hat den Walkman zwar hergestellt, erfunden hat ihn aber ein Aachener.

Andreas Pavel, Sohn des Aachener Industriellen und ehemaligen Rheinnadelbesitzers Herbert Pavel und Bruder von Klaus Pavel, dem Präsidenten des Aachen-Laurensberger Rennvereins, meldete 1977 das Patent an. In Deutschland trug es den Titel „Gürtel mit Geräten zum Anhören von reproduzierter Musik”.

18 Monate später wurde dieses Patent für die Industrie offengelegt, so schreibt es das Recht vor, auch heute noch. Wenige Tage später brachte Sony ein Gerät auf den Markt, das sich Walkman nannte und Pavels Grundidee in ihrer einfachsten Form verkörperte. Im Patentstreit vor Gericht behauptete Sony unter anderem, der Walkman sei gar keine Erfindung, sondern die natürliche Weiterentwicklung von Tendenzen in der Elektronikbranche, die es bereits gab.

23 Jahre hat Pavel (63) gebraucht, um den japanischen Riesenkonzern zum Vergleich zu zwingen. 2003 einigte man sich, Einzelheiten des Vertrags darf Andreas Pavel nicht nennen. Verschiedene Medien, darunter die New York Times, berichteten aber, er habe eine Abfindung in acht-stelliger Höhe erhalten. „Von Sony kommt der Name Walkman, den ich für genial halte. Aber das technische neue Prinzip konnte der Konzern schon in meiner Patentanmeldung vorfinden”, sagt Pavel.

Wie kam es überhaupt zu seiner Erfindung?

Rückblende: Es sind die frühen 70er Jahre. Nach dem Soziologie- und Philosophiestudium in Berlin lebt der gebürtige Deutsche An-dreas Pavel bei seiner Mutter in der brasilianischen Metropole Sao Paulo. Im Haus der Künstlerin geht die kreative und intellektuelle Elite der Stadt ein und aus. Fast jeden Tag sitzt man bis spät in die Nacht beisammen, diskutiert, scherzt, trinkt Wein. Musik ist immer dabei, gespielt mit dem Modernsten was es an Hifi gibt. Ein Besuch bei Andreas Pavel, das weiß jeder Gast, garantiert musikalische Abwechslung. Von Jazz über Klassik bis Rock und Pop. Bach und Stockhausen ebenso wie Janis Joplin, Ray Charles und J.J. Cale.

Pavel, leidenschaftlicher Tüftler, will das Klangerlebnis noch intensiver machen. Aus New York bringt er Bose-Lautsprecher mit. Im Tonnengewölbe des Hauses in Sao Paulo entfalten die Lautsprecher einen phänomenalen Klang. Alle sind verzaubert. „Es müsste möglich sein, Musik bequem mit sich nehmen und überall erleben zu können”, denkt Pavel. Mit anderen Worten: ein mobiles Hifi-Gerät. Die Grundidee dessen, was später als Walkman bekannt werden wird, ist geboren.

Jahrelang bastelt Pavel an der Umsetzung. Wo der Weltenbummler auftaucht, trägt er die Apparatur mit sich, verbunden mit einem Kopfhörer. Das sorgt für verwirrte Blicke in Straßenbahnen und Bussen in Rom, New York und Paris und wo er sonst noch Freunde und Familie besucht. Einige Jahre später tragen Jugendliche überall auf der Welt ihre Musik bei sich und oft ernten auch sie Blicke. Meistens dann, wenn ihre Musik zu laut ist.

Dass der Walkman seinen Siegeszug bei der jungen Generation antrat und zu einer Ikone der Popkultur wurde, liegt Soziologen und Medienwissenschaftlern zufolge vor allem daran: Mit dem Walkman konnte man die Welt um einen herum zur Kulisse eines Theaterstücks oder Films machen - man konnte sich der Welt mit ihren Anforderungen für eine bestimmte Zeit entziehen. „Der Walkman machte es plötzlich möglich, in Gesellschaft zu sein, ohne mit der Gesellschaft etwas zu tun haben zu müssen”, sagt Günter Burkhart, Professor für Soziologie an der Universität Lüneburg. „Individualisierte, gewollte Abschottung” nennt er das, was der Walkman auf eine Art ermöglichte, die es zuvor nicht gegeben hatte.

Zahlreiche Kritiker rief der neue, ständige Begleiter der Jugendlichen auf den Plan. Ohrenärzte warnten vor Schädigung des Trommelfells, konservative Kulturkritiker befürchteten eine um sich greifende „Ich-Kultur” und Vereinsamung.

Der Junge und das Mädchen, die mit Walkman über Manhattan schweben, waren nicht das erste Motiv, mit dem der Sony-Konzern für sein neues Gerät geworben hat. Die ursprüngliche, schnell eingestellte Kampagne zeigte einen Geschäftsmann im teuren Anzug, der im Flugzeug sitzt und sich mit Kopfhörern auf den Ohren von Musik berieseln lässt. Als Andreas Pavel das damals gesehen hat, musste er trotz allem Ärger auf Sony auch ein bisschen lachen.
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