Nürburg - Ein ganzes Dorf bangt um seine Existenz

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Ein ganzes Dorf bangt um seine Existenz

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Zwischen Burg (rechts) und Rennstrecke (hinten) malerisch im Tal eingebettet: Das weltweit bekannte Dorf Nürburg.

Nürburg. Natürlich sind die heulenden Motoren im Hintergrund zu hören. Schließlich ist Nürburg von seinem Ring eingeschlossen, das gilt für alle 200 Seelen - ob für den Pastor von St. Nikolaus, die Närrinnen der Möhnen-KG oder den Ortsbürgermeister Reinhold Schüssler, der mit seinen 74 Jahren den ungleichen Kampf gegen die Gier des globalen Kapitalismus angetreten ist.

Das Röhren der PS? Stört den älteren Herrn nicht. Im Gegenteil. In diesen Tagen hat BMW die legendäre Rennstrecke für Testfahrten komplett angemietet. Nichts fürchtet Schüssler mehr als die Einkehr der Ruhe in jenen weitläufigen Wiesen und Wäldern, die den Süden der Eifel so pittoresk machen. „Wenn der Ring Pleite macht, gehen wir alle pleite. Dann ist Nürburg nur noch ein Ort wie jeder andere auch“, warnt der Bürgermeister nach der kürzlichen Eröffnung des Insolvenzverfahrens (siehe Infobox).

So aber hat es diese Eifler Siedlung dazu gebracht, im Terminkalender der Formel 1 in Augenhöhe mit Monaco, Schanghai und Rio de Janeiro, Abu Dhabi, Barcelona und Melbourne zu stehen – und nicht zu ihres gleichen wie Ohlenhard, Kaltenborn oder Hümmel, ebenfalls Nachbarorte ohne Bäcker und Metzger, neun Kilometer von der Nahversorgung in Adenau entfernt. Einmal Berg runter, einmal hoch, brave Eifelhäuser, Vorgärten, akkurat geschnittene Hecken - das ist Nürburg, benannt nach seiner anno 1166 erstmals urkundlich erwähnten Burg. Es gibt in dem Ort im Tal, über den die historische Zuschauertribüne 13 vor der Zielgeraden ragt, drei Hotels, 25 Pensionen, acht Restaurants und vier Gasthöfe.

Circa 60 Veranstaltungen, darunter „Rock am Ring“, DTM Tourenwagen Masters, ADAC Zürich 24-Stunden-Rennen, garantieren der jahrzehntelangen Goldgrube des Motorsports jährlich rund 500.000 Besucher. „Wir leben und sterben mit dem Ring. Wenn hier jemand von uns heiratet oder Geburtstag feiert, guckt er erst in den Kalender des Ringprogramms“, sagt Ursula Schmitz, 1944 im Ort geboren, heute Inhaberin des kultigen Hotels Am Tiergarten.

Im nächsten Jahr sind die Buchungen wie gewohnt, abgesehen von der Formel 1. Bange Frage: und dann? „Ab 2014 ist außer Rock am Ring noch nichts Nennenswertes reserviert“, weiß Bürgermeister Schüssler um die Verunsicherung bei den Veranstaltern. „Das bedeutet im langfristig geführten, internationalen Terminkalender eine Katastrophe. Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf.“

Die zierliche, aber energische Ursula Schmitz kann so schnell nichts schrecken. Jüngst stand sie bei einer Tour in Ruanda Auge in Auge mit Gorillas, im Winter fährt sie in den Alpen auf den schwarzen Pisten Ski – aber wenn die Frau an die Macher der Eifler Insolvenz-Katastrophe denkt, überkommt sie nur Angst und Schrecken und Wut: „Selbstdarsteller“, „Blender“, „Betrüger“. Die 68-Jährige ist davon überzeugt: „Die Nürburgring GmbH war und ist stark genug zum Überleben, wenn sie sich auf den Motorsport konzentriert und den ganzen Protz abspaltet.“

„Von den Politikern verarscht“

Damit meint sie das rund 330 Steuer-Millionen schwere Freizeitimperium, jenen insolventen Vergnügungsmoloch, dessen „weltschnellste“ Achterbahn sich nur einmal bewegte – im Juli 2009 bei der Eröffnung mit Michael Schumacher und Boris Becker. Das klotzige Edel-Ensemble aus Einkaufsboulevard, Ferien-, Businesszentrum mit Konzerthalle, Casino, Wellness, Kino, Museum, inklusive Kneipen-El-Dorado „Grüne Hölle“ – es gleicht heute nur noch einem Haufen Elend aus Beton und fehlenden Kunden.

500 Meter weiter im Dorf, den Berg herunter, geht das Desaster um den 1928 erbauten Ring den Nürburgern an die Existenz. Weil ein Schweizer Finanzvermittler dem Finanzminister einen nicht gedeckten Scheck über 67 Millionen Dollar unterjubelte, zwei andere private Investoren mit Tod und Gewinn aus US-Lebensversicherungen spekulierten – und die Landesregierung die Kon-trolle über das Geschehen längst verloren hatte.

Das ist nicht die Welt, die Menschen wie der Ex-Bauarbeiter Reinhold Schüssler oder die bienen- fleißige Ursula Schmitz verstehen. Zumal völlig am Bedarf vorbei geplant worden sei. „Wenn sie uns wenigstens mit eingebunden hätten!“ Frau Schmitz klatscht mit der flachen Hand so auf den Tisch, dass die Pfeffermühle schwankt. Sie nennt ein Beispiel: „Was soll der Quatsch, Frauen mit Wellness und Streichelzoo zum Ring zu locken? Hierher kommen zu 90 Prozent Männer. Nürburg ist nicht ‚Honey Moon’, sondern Motorsport!“

Abends in ihrer prall gefüllten Hotelbar „Pistenklause“ und einer musealen Szenerie an Fotos, Pokalen, Autogrammen, goldenen Lorbeerringen und Sponsorentafeln sind Rindersteaks und Bier die Renner – rund 80 Gäste, fast nur Männer mit und ohne Goldkettchen, reden gleichzeitig aufeinander ein, während ihr Geräuschpegel von den Eichenwänden aufgesaugt wird. Das Rustikale war es, was ehedem auch die Piloten hier schätzten: „Am Abend vor dem Rennen wollte der Niki Lauda immer nur ein Schnittlauchbrot – frisch aus unserem Garten“, erinnert sich Ursula Schmitz: „Und am nächsten Morgen fuhr Niki mit einem Mofa den Berg rauf zur Rennstrecke.“ Dann stockt die Nürburgerin: „Heute schlafen die Stars in Bad Neuenahr und werden mit dem Helikopter in die Boxengasse geflogen.“

Auch Stefan Krämer (49), Inhaber des Motorsport Hotel im Ort, hat sich damit abgefunden, dass die guten alten Zeiten vorbei sind. Nicht aber damit, „dass wir von den Politikern verarscht worden sind“, sagt er. Rosarot habe man der Bevölkerung die Zukunft mit dem Freizeitpark gemalt: „Bis zu zwei Millionen Menschen sollten jährlich zum Ring kommen, also das Vierfache!“ Höhnisch lacht der Vater von zwei Kindern: „Dann hätten wir ja hier gar nicht mehr über die Straße gehen können.“

Wie die Bürgerinitiativen „Ja zum Nürburgring“ und „Save the Ring“ meinen auch Rita und Hans Hoffmann, dass die landeseigene insolvente Nürburgring GmbH ohne Freizeitpark „und nur mit Motorsport gut überlebt hätte“. Die Konzentration auf diese Marschroute gilt auch für die Zukunft: „Allein mit jährlich 30.0000 Besucherrunden á 22 Euro auf der Nordschleifenstrecke werden 6,6 Millionen Euro eingenommen“, rechnet Hoffmann vor, der gleichzeitig als Betriebsrat am Ring beschäftigt ist, während seine Frau dort eine Imbissbude betreibt.

Wie das Kaninchen auf die Schlange blicken die Nürburger auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofes im kommenden Jahr. „Wenn da entschieden wird, dass die Steuermillionen wieder zurückgezahlt werden müssen, dann wird der Ring zwangsläufig verkauft, dann droht der ganzen Region das Aus“, bangt Hoffmann. Und sagt: „Welcher Oligarch oder Ölscheich ist schon an der Region interessiert?“ Die Frage stellen sich nicht nur die Hoteliers der Umgebung, sondern auch Handwerksbetriebe und Zulieferer. Und eines wäre ebenso klar. Die Wertschätzung des Geldadels aus Russland oder dem Nahen Osten für Frau Schmitzens Schnittlauchbrote wäre vermutlich auch begrenzt.

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