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Ein Arzt im Einkaufscenter? Warum nicht!

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Wohin führt der Weg der medizinischen Versorgung? Von einem Drive-In-Arzt an einer Tankstelle hält der Mediziner Rudolf Henke wenig. Aber im ländlichen Raum eine Praxis an das zentrale Einkaufscenter anzuschließen, hält er für durchaus möglich. Foto: dpa
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„Das Gesundheitssystem muss sich dem veränderten Bedarf anpassen“: Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Foto: dpa

Aachen/Düsseldorf. Beim 117. Deutschen Ärztetag werden ab Dienstag bis zum 30. Mai in Düsseldorf rund 1000 Teilnehmer, da­runter die 250 Delegierten der Ärzteschaft, aktuelle Fragen diskutieren – etwa zur Versorgungsqualität, zu Therapiefreiheit und Freiberuflichkeit.

Gastgeber ist als Präsident der Ärztekammer Nordrhein, mit über 55.000 Mitgliedern die drittgrößte Ärztekammer in Deutschland nach Bayern und Baden-Württemberg, Rudolf Henke, seit 2007 auch als Bundesvorsitzender des Marburger Bundes sowie als CDU-Politiker seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Sabine Rother sprach mit ihm über die Themen des Ärztetages.

Ist der Deutsche Ärztetag noch ein Spiegel der Situation im Arztberuf oder eher ein gesellschaftliches Ereignis? Hat er Biss?

Henke: Der Ärztetag ist eine parlamentarische Versammlung unseres Berufs. Er hat für die Medizin in Deutschland ähnliches Gewicht wie der Deutsche Städtetag oder der Städte- und Gemeindebund für die Kommunen oder die Parteitage für die Parteien. Es gibt kaum ein Ärztetreffen mit mehr öffentlicher Resonanz. Wenn es die politische Lage erfordert, wird der Ärztetag auch beißen – das ist ja in vielen Jahren auch so passiert.

Hat die Ärztekammer Nordrhein eine besondere Prägung?

Henke: Seit 1981 war der 18-köpfige Kammervorstand in Nordrhein immer mit Vertretern aller Fraktionen in den Kammerversammlungen besetzt. Wir versuchen sehr bewusst, innerärztlichen Streit einzudämmen und das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Außerdem sind die Kammern in NRW besonders stark in die Gestaltung der Landesgesundheitspolitik einbezogen. Von meinen Vorgängern Horst Bourmer und Jörg-Dietrich Hoppe habe ich gelernt, sowohl die Freiheit unseres Berufs als auch den sozialmedizinischen Auftrag der Kammer hochzuhalten.

Wie fühlt sich die Ärzteschaft von der Politik behandelt?

Henke: Es gibt eine gute und kon­struktive Zusammenarbeit. Konflikte entstehen dann, wenn Normen schlecht zueinander passen. Der Patient soll im Vordergrund stehen, aber der niedergelassene Arzt muss 500 Berichtspflichten erfüllen. Die Ärzte sollen fachlich entscheiden, aber dann geraten ihre Krankenhäuser ins Defizit. Die Politik will das Beste für alle, aber bei den Energiekosten oder den Tarifverträgen für Krankenhausmitarbeiter hält die Finanzierung nicht Schritt. Die Investitionsmittel für Krankenhäuser hinken dem Bedarf hinterher, und dann schichtet man von Ärzten und Pflege dorthin um.

Stichwort vertragsärztliche Leistungen: Sind Ärzte in NRW da schlechter gestellt? Das betont ja der Vorsitzende des Hartmannbund-Landesverbandes Nordrhein, Stefan Schröter. Wie steht es mit einer bundesweiten Vereinheitlichung?

Henke: In der Tat leidet die ambulante vertragsärztliche Versorgung in Nordrhein seit dem Jahr 2009 unter schwerwiegenden Nachteilen gegenüber anderen Regionen. Obwohl die Versicherten den gleichen Beitragssatz zahlen wie alle anderen Versicherten im Bundesgebiet, sind wir bei der Vergütung pro Kopf klar benachteiligt. Laut Koalitionsvertrag soll nun geprüft werden, wie unbegründete Unterschiede aufgehoben werden können. Das muss zügig geschehen, und am Ende wird wohl eine gesetzliche Regelung zur Angleichung der Vergütungen erforderlich sein.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus, Stichwort Ärztemangel, besonders in ländlichen Regionen?

Henke: Leider ist der Ärztemangel gerade in ländlichen Regionen heute bereits eine Tatsache. In unserer Gesellschaft des langen Lebens steigt der Behandlungsbedarf, während die Zahl der ärztlichen Arbeitsstunden zurückgeht. Die junge Ärztegeneration ist nicht mehr bereit, sich ausnutzen zu lassen, sondern legt mehr Wert auf Privates, als das früher der Fall war. 100 Prozent Einsatz, aber eben für acht Stunden am Tag. Um mehr junge Kolleginnen und Kollegen für die Arbeit am Krankenbett zu begeistern, brauchen wir zum Beispiel bessere Arbeitsbedingungen, eine Entlastung von Bürokratie, flexible Arbeitszeitregelungen und mehr Angebote für die Kinderbetreuung.

Gibt es einen Pflegenotstand?

Henke: Der größte Pflegedienst der Nation sind die Angehörigen von Pflegebedürftigen. Sehr häufig sind sie sieben Tage in der Woche und rund um die Uhr gefordert. Kein Betriebsrat achtet darauf, ob sie sich mit Überstunden überfordern, kein Betriebsarzt überwacht, ob ihre Arbeit riskant für die Gesundheit wird. Der größte Pflegenotstand herrscht dann, wenn die Angehörigen nicht mehr können. Überfordert sind aber auch viele Pflegeprofis, weil die Pflegeleistungen zu dicht getaktet sind und ständig Zeitdruck herrscht. Zur Abhilfe sehe ich drei Ansatzpunkte: Der demografische Wandel muss in die Kapazitätsplanung einfließen, das Thema Demenz muss in Ausbildung und Praxis besser berücksichtigt werden und die finanziellen Mittel müssen dynamisiert und mit der Preis- und Tarifentwicklung synchronisiert werden.

Gibt es inzwischen neue Modelle, um dort auszugleichen, wo weniger Ärzte sind?

Henke: Ja, die Kassenärztlichen Vereinigungen arbeiten an einer neuen Bedarfsplanung. Und auch die Politik hat etliche Regelungen beschlossen, die nach und nach wirken werden. Aus einer Umfrage des Marburger Bundes wissen wir, dass vor allem junge Ärztinnen sich wieder stärker für eine Arbeit und spätere Selbstständigkeit im ambulanten Bereich interessieren.

Sind Ärzte manchmal auch experimentierfreudig? Was sagen Sie zu einem Doktor, der an einer Tankstelle praktiziert?

Henke: Bei aller Experimentierfreude kann ich mir ein Arzt-­Drive-In an der Tankstelle nur schwer vorstellen. Vielleicht ist es eine bessere Idee, im ländlichen Raum auch einmal eine Praxis in das zentrale Einkaufscenter einer Region zu legen.

Wie sieht es mit der ärztlichen Fortbildung aus?

Henke: Ärztinnen und Ärzte sind sehr fortbildungsfreudig. Eine andere Frage ist, ob der bürokratische Nachweis der Fortbildungsaktivitäten, der seit einigen Jahren verlangt wird, wirklich einen Nutzen bringt.

Palliativversorgung: Kann das der Hausarzt heute leisten? Begleitung von Menschen mit schwersten Erkrankungen und vielleicht dem Wunsch zu sterben: Wie geht man damit um?

Henke: Die meisten Menschen haben den Wunsch, in der häuslichen Umgebung zu sterben, und so begleiten Hausärzte ihre langjährigen Patienten vielfach auch in der letzten Lebensphase. Darüber hinaus hält die moderne Palliativmedizin – in ambulanten und in stationären Versorgungsformen – nicht nur ein hoch entwickeltes Instrumentarium zur Linderung körperlichen Leidens bereit. Sie pflegt auch eine Kultur der menschlichen Zuwendung und des Gesprächs mit dem Patienten. Ärzte dürfen aus berufsethischen Gründen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten. Wir stehen auf der Seite des Lebens. Ich bin allerdings dafür, dass wir den Wunsch eines geistig klaren Kranken nach der Beendigung von Therapiemaßnahmen respektieren. So steht es auch im Gesetz.

Wie stellen Sie sich auf den demografischen Wandel ein: immer ältere Patienten, Multimorbidität, Gefahren wie Delir im Krankenhaus?

Henke: Das Gesundheitssystem muss sich dem veränderten Bedarf anpassen. Zum Beispiel leiden schon heute rund 300 000 Menschen in Nordrhein-Westfalen an Demenz. Die Versorgung dieser Personengruppe ist daher unbestritten als eine der dringlichsten gesundheitspolitischen, aber auch gesellschaftlichen Aufgaben anzusehen. Deshalb haben die Ärztekammern in NRW 2014 zu einem Aktionsjahr unter dem Motto „Demenz im Blick“ erklärt

Psychische Versorgung: Der Mangel an Therapieplätzen ist eklatant. Können das niedergelassene Ärzte auffangen?

Henke: Psychisches Leiden hat sich ausgebreitet, und oft habe ich den Eindruck, dass darin ein Verlust an Bindungen und Bindungsfähigkeit zum Ausdruck kommt. Weil wir immer mehr Auswahl haben, wissen wir immer weniger, was uns wirklich wichtig ist. Wer das registriert und sich dann Hilfe beim Psychiater oder ärztlichen bzw. psychologischen Psychotherapeuten sucht, muss sich nicht entschuldigen. Wenn Menschen keine Freunde haben, kann das allerdings auch der beste Psychiater nicht kompensieren. Die Zentrale Informationsbörse Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung erteilt Patienten und beispielsweise auch Ärzten, Krankenhäusern oder Krankenkassen Auskunft über freie Therapieplätze, auch in Aachen.

Wie ist Ihr Eindruck hinsichtlich Arbeitsüberlastung, Stress?

Henke: Arbeitsschutz und Gefahrenabwehr am Arbeitsplatz sind in Deutschland weit entwickelt. Ausgerechnet im Gesundheitswesen sind Überforderung und Überlastung allerdings eher die Regel als die Ausnahme. Viele Ärzte und Pflegekräfte klagen, dass die Arbeit ihnen gesundheitlich zusetzt. Hier wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für wirksame Vorsorge. Wie soll jemand andere gesund machen, der selbst krank wird von der Arbeit?

Tagung der Ärztekammer zu Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern im März: Was hat sich in Sachen Kinderschutzgesetz getan?

Henke: Die wichtigsten Elemente eines verbesserten Kinderschutzes sind ein verbesserter Austausch zwischen Gesundheitsbereich und Jugendhilfe, der Einsatz von Familienhebammen in Familien, die davon besonders profitieren, und die sogenannten Frühen Hilfen, wie sie vom Kinderschutzbund oder auch von Wohlfahrtsverbänden entwickelt wurden. Die Diskussion wird fortgesetzt. Bis Ende 2015 wird die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag einen Bericht zu diesem Thema vorlegen.

Gibt es neue Krankheiten aufgrund unserer sozialen Situation: Mediensucht, Adipositas, Überforderung?

Henke: Neben dem individuellen Lebensstil beeinflussen vor allem soziale Situation und Wohnsituation die Gesundheit. Studien zur Kinder- und Jugendgesundheit zeigen, dass vor allem Kinder und Jugendliche auf der Schattenseite des Lebens häufiger Gesundheitsprobleme wie zum Beispiel psychische Auffälligkeiten, Defizite in der motorischen Entwicklung und Übergewicht haben. Hier müssen wir ansetzen.

Impfen – wie ist Ihre Position bei Masern, Röteln, Mumps, Windpocken, Diphterie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten HiB, Gepatitis B, Rota-Viren, Meningokokken?

Henke: Zur Vorbeugung von Krankheiten sind Impfungen enorm wichtig. Deshalb sollten die Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts beachtet werden. Masern zum Beispiel sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern es kann gerade auch bei Erwachsenen zu schwerwiegenden Verläufen und schweren Gesundheitsschäden kommen.

Was möchten Sie beim Ärztetag im Vordergrund wissen?

Henke: Ich bin guter Hoffnung, dass es dem Deutschen Ärztetag einmal mehr gelingt, aus den unterschiedlichen Meinungen eine integrative und gesundheitspolitisch überzeugende Sicht zu formen und zum Ausdruck zu bringen. Persönlich werde ich über das Thema Prävention sprechen. Ansonsten wäre ich in diesem Jahr hochzufrieden, wenn die Gäste und Delegierten mit dem Gefühl nach Hause reisen, dass die Ärztekammer Nordrhein ein guter Gastgeber war.

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