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Ehemaliger Nato-Bunker jetzt für Besucher geöffnet

Von: Lee Beck
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Das ehemalige Kriegshauptquartier der Nato wurde jetzt von der Stiftung Limburger Landschaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Foto: Harald Krömer
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Ein Labyrinth aus Gängen: Jos Notermans erläutert, wie die Stadt unter der Stadt aufgebaut war. Foto: Harald Krömer
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Soldaten-Witzchen gehörten auch zum geheimen Quartier unter Maastricht dazu: Hunderte Soldaten kamen täglich hier in Zivilkleidung herein, um draußen nicht aufzufallen. Foto: Harald Krömer

Maastricht. So einfach kann eine Zeitreise sein. Draußen zwitschern die Vögel, alle paar hundert Meter steht ein Haus. Ansonsten nur Felder, Wald und Natur. Auf einer Lichtung, am Rande von Maastricht, nahe der belgischen Grenze, tritt man durch eine verrostete kleine Eisentür.

Ganz überraschend öffnet sie sich in einem Kalksteinberg. Das Tageslicht schwindet, die Luftfeuchtigkeit steigt auf 90 Prozent, der Atem wird sichtbar, und es riecht modrig. „Staatsgeheimnis“ ist dort in großen Buchstaben auf einer schweren Gittertür zu lesen. Dahinter führt ein dämmriger Tunnel in das Innere des Berges, wo sich die Stadt aus einer anderen Zeit verbirgt. Diese unterirdische Stadt ist zu ewiger Ungemütlichkeit verdammt. Die Kälte kriecht schnell unter die Kleidung. Auch wenn es eher nach einer Kulisse aussieht, das ist kein Film, sondern absurde Wirklichkeit.

Willkommen im ehemaligen streng geheimen Joint Primary War Headquarter Cannerberg, einem Kriegshauptquartier der North Atlantic Treaty Organization (Nato), das jetzt von der Stiftung Limburger Landschaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. 25 Kilometer unterirdische Tunnel zeugen hier von den Aktivitäten der Nato während des Kalten Krieges.

Jos Notermans steht rechts neben einer Karte des Tunnellabyrinths und zeigt auf die wichtigen Punkte innerhalb des Bunkers. Der Tourguide trägt einen dicken Fleecepullover – die Kälte ist er gewohnt. Zwei Bars, ein Kommunikationscenter, ein streng geheimer Bunker im Bunker, eine Art Krankenflügel, drei Stromaggregate, zehn Dieseltanks und eine Kantine – sein Finger saust über die Karte.

Rund 400 Mitarbeiter täglich kamen durch die unscheinbare Tür auf der Lichtung in Zivilkleidung zur Arbeit. Die Geheimhaltung hatte höchste Priorität, niemand durfte außerhalb des Bunkers über das Geschehen im Inneren sprechen. Der Bunker beherbergte das Hauptquartier des Befehlshabers der 2. Allied Tactical Air Force, die von dort aus die Kontrolle über den nördlichen Luftraum über Mitteleuropa, etwa von der deutschen, niederländischen und belgischen Grenze einschließlich des Bereichs zwischen Hamburg und Kassel, übernahm. Außerdem waren der Befehlshaber der Heeresgruppe Nord (Northag) und das Tactical Operations Center (Atoc), zuständig für den Einsatzbefehl der Luftwaffe, im Cannerberg untergebracht. „In der Stadt munkelte man, da seien Atomwaffen im Cannerberg“, sagt Jos Notermans und schüttelt den Kopf. Die Bewohner Maastrichts waren besorgt, bei einem nuklearen Waffenkonfrontation der Supermächte wäre der Bunker ein Ziel der Sowjetunion gewesen. „Massenvernichtungswaffen gab es hier aber nicht“, versichert Jos Notermans. Von 1962 bis 1992 war das geheime Hauptquartier, an dem Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada und die USA beteiligt waren, in Betrieb. Riesige Klimaanlagen entfeuchteten die Luft und heizten auf kuschelige 22 Grad.

Als die Nato damals auszog, musste die Polizei allerdings erst einmal ermitteln – wegen wilden Mülls, erzählt Jos Notermans und lacht. „Die Ermittlungen waren ohne Ergebnis“, sagt er. Der Mediziner interessiert sich für die Geschichte des Militärs und übernimmt deswegen ehrenamtlich Führungen. Er selbst hat nicht in dem Bunker gearbeitet, findet dessen Erhaltung allerdings sehr wichtig. Über 12 000 Kubikmeter Müll hat die Nato unterirdisch gelagert. Jeder kaputte Stuhl, jeder defekte Computer – nichts außer Essenresten durfte die Anlage während der ganzen Betriebszeit verlassen. Es klingt verrückt, ist aber wahr. Die Sachen wurden in die Höhlen und Gänge gestopft und konnten erst in den Neunzigern entsorgt werden.

Die Gaslampe rauscht in Jos Notermans Hand. Seine Stimme hallt in dem großen Betontunnel, der ins Innere der Anlage führt. Nach 200 Metern kommt eine schwere Stahltür mit großem Drehkreuz. Im ABC-Ernstfall konnte diese verriegelt werden – dann wäre man sicher gewesen, erklärt er. ABC-Ernstfall steht für den absoluten Ausnahmezustand, bei dem es zum Angriff mit nuklearen, radiologischen, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen kommt. Für solche Katastrophen war die Anlage gerüstet: Eine riesige Klimaanlage sorgte für den gefilterten Luftaustausch, ein Dekontaminierungseingang ermöglichte es, Betroffene zu säubern, bevor sie die Anlage betraten. 14 Tage lang konnten die Mitarbeiter sich in einem solchen Fall selbst versorgen, ihre Familien hatten allerdings keinen Zutritt zur Anlage.

Der Anblick der Dunkelheit hat schon vielen Besuchern einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen lassen, sagt Notermans. Er selbst hat sich an das beklemmende Gefühl gewöhnt und läuft locker weiter vom Licht ins Dunkle. Denn mit dem Ende des Betontunnels gehen auch die Lichter aus. Deswegen die Lampe, denn ohne sie wäre man unter der Erde blind wie ein Maulwurf. Die drei Stromaggregate einer deutschen Firma – zwei waren ständig in Betrieb, eines als Ersatz – sind original erhalten geblieben. Noch heute riechen sie nach Öl. Im Moment versucht die Stiftung eine Möglichkeit zu finden, die Maschinen vor der Feuchtigkeit zu schützen, erklärt Notermans und leuchtet mit einer Taschenlampe auf die rostigen und öligen Stellen an der grünen Maschine. Gefüttert wurden sie aus den neun Dieseltanks, die jeweils 21 000 Liter fassten. Zwölf Meter tief war das Öl in den Grund gesunken und hatte die Umwelt verschmutzt. „Das mussten wir ausgraben und säubern“, sagt Notermans.

Der Tourguide kennt die Anlage wie seine Westentasche. Ohne jemandem Bescheid zu sagen, würde er jedoch nie in den Bunker gehen. „Man weiß nie, es kann immer etwas passieren“, meint er mit einem ängstlichen Unterton und knipst die Taschenlampe aus. Gruselig. Schon 1944 hatten die Nazis die Mine ausgebaut, um dort V-Waffen-Teile herzustellen. Doch den Betrieb hatte die Fabrik vor dem Kriegsende 1945 nicht aufgenommen.

Das Licht der Gaslampe dringt rechts und links in kleine Räume mit Fenstern ein, manche Ecken bleiben dunkel. Ab und zu stößt man beim Rundgang auf originale Schwarzweiß-Fotos, die zeigen, wie es zu Zeiten des Hochbetriebs an dieser Stelle aussah. Von der Main Street – dem Hauptgang – geht es links in die Golf Street. In der Mushroom Bar trafen sich alle Mitarbeiter in der Mittagspause auf ein Bier. Die Flintstone’s Bar, zu Deutsch Feuerstein, war der Exklusiv-Treff der Offiziere. Auch eine Tafel mit Fred Feuerstein hat an der Wand ihren Platz gefunden. Jos Notermans zeigt auf ein Foto, dann auf die Uhr an der Wand. Auf dem Foto ist dieselbe Uhr an derselben Stelle zu finden. Jetzt fehlen nur noch die Soldaten mit ihrem Lackschuhen und die braunen Kacheln, dann wäre die Zeitreise perfekt.

Um kurz vor 12 ist die Uhr stehen geblieben. „Ein bisschen merkwürdig, wenn man daran denkt, dass die Angestellten enorme Verantwortung trugen und dann nachmittags Bier tranken“, sagt Notermans und schmunzelt. Die offizielle Währung in dem Bunker war die belgische. Moment, der Bunker liegt doch in den Niederlanden? Der Großteil der Besatzung war allerdings in einer belgischen Kaserne untergebracht.

Viele ehemalige Mitarbeiter kommen noch heute in den Bunker und beteiligen sich ebenfalls an der Erhaltung. Schon während des Kalten Krieges war bekannt, dass die gesamte Anlage asbestverseucht ist. Um den Bunker zu erhalten, kratzten Restauratoren über einen Zeitraum von zehn Jahren die gesamte obere Schicht der Decken und Wände ab und brachten den nackten Sandstein zum Vorschein.

Rund 40 Millionen Euro wurden von der niederländischen Regierung investiert. Schon 1991 wurde die Asbestbelastung bekannt. Zu der Zeit war der Bunker noch in Betrieb. Während Zivilangestellte zu Nato-Zeiten Atemschutzgeräte gegen die Asbestverseuchung bekamen, mussten sich die Soldaten dem Schadstoff ungeschützt aussetzen. Ein kleiner Teil der Wand wurde nicht abgekratzt „USA #1“ ist dort mit buntem Stift gekritzelt. Darunter haben Rick, Dave und Kate unterzeichnet – Spuren aus der Vergangenheit.

Jos Notermans zieht schnellen Schrittes weiter durch die Anlage. „Wir dürfen zehn Prozent der Touristen auf dem Weg verlieren“, sagt er scherzhaft und lacht. Verloren im Labyrinth? Für den Ernstfall sind entsprechende Schilder angebracht, doch ohne Licht wird es schwierig, sie zu lesen. Zum Glück alles nur Show.

An einer Wachstation bleibt er stehen und zeigt auf ein Papier mit Porträtbildern. Heute werden mit Plakaten, die so ähnlich aussehen, Top-Terroristen gesucht, damals diente es den Wachen dazu, die „Soxmis“ aufzuzeigen. Das waren sowjetische Soldaten, die am Cannerberg stationiert waren. Zum Innersten des Bunkers, dem Kontrollzentrum, hatten sie keinen Zutritt. „Man sieht ja, wie ernst die Wachposten das genommen haben“, sagt Notermans und zeigt auf die Porträtfotos, die mit kleinen Schnurrbärten und Kritzeleien „verschönert“ wurden.

Der Hochbetrieb im Zentrum des Bunkers könnte etwa so ausgesehen haben: Auf der einen Seite schreiben Offiziere in Spiegelschrift das aktuelle Geschehen auf Leinwände, von der anderen Seite inspizieren Verantwortliche die Informationen und geben Befehle. Zwischendurch rattern Maschinen, die weniger Arbeitskapazitäten haben als ein herkömmliches Smartphone. Luftangriffe könnten vom Standort Maastricht koordiniert und nukleare Angriffe im „Strike Room“ im Ernstfall analysiert und ebenfalls koordiniert werden. Im Kommunikationszentrum gab es direkte Erdleitungen in die anderen Nato-Zentren in der Nähe. Mehrere Telex-Geräte spucken sekündlich verschlüsselte Nachrichten aus.

Erste Kunst-Ausstellung

Im Spätsommer soll in dem Bunker die erste Kunst-Ausstellung eröffnet werden. Klingt irgendwie typisch für Maastricht, einer Stadt, in der sehr viele Räume kreativ ergründet und gestaltet werden. Das erste Kunstwerk, eine Neuinterpretation von Rembrandt van Rijns berühmtem Gemälde „Die Nachtwache“ mit Namen „N8W8“ von Bob Scholte ist schon auf einer Plastikleinwand angebracht und wirkt prächtig vor der alten Sandsteinfassade. „Wir suchen Lösungen, damit die Kunst die Luftfeuchtigkeit übersteht. Plastik scheint die einzige Lösung“, sagt Jos Notermans.

Die Tour endet in einem kleinen Büro. Das hat ein echtes Fenster, und das Tageslicht blendet so sehr, dass die Besucher erst nichts erkennen können. Das Fenster des Büros ist übrigens mit mehreren Zentimetern Sicherheitsglas verstärkt. Zum Schutz gegen Terroristen oder feindliche Angriffe. Für den Ernstfall eben.

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