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DRK-Prozess: Bühnenreifer Streit um einen Aktenberg

Von: Oliver Schmetz
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Mercedes, Corvette und BMW: Gerhard H. muss sich wegen Untreue verantworten. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor knapp zwei Jahren blieb auf dem Aachener DRK-Gelände an der Robensstraße die Schranke zunächst unten, als die Prüfer des DRK-Landesverbandes 300 Aktenordner mitnehmen wollten, um Belege für Unregelmäßigkeiten im Aachener Kreisverband zu finden.

Damals gab es ein Gerangel an der Schranke und sogar einen Polizeieinsatz. Am Donnerstag gab es um diese 300 Ordner vor Gericht ein juristisches Gezerre. Treibende Kraft: Gottfried Reims, Verteidiger des ehemaligen Aachener DRK-Geschäftsführers Gerhard H., der sich vor dem Landgericht wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten muss.

Vor zwei Jahren, kurz nach dem Einsatz an der Rotkreuz-Schranke, waren seine Tage im DRK-Chefsessel gezählt: Weil er auf Kosten des Wohlfahrtsverbandes bis zu drei Dienstwagen - darunter einen 620 PS starken Chevrolet Corvette - gleichzeitig fuhr, wurde er fristlos gefeuert.

450.000 Minuten Aktenstudium

Wegen der Dienstwagen und möglicherweise fingierter Beratungsgeschäfte steht er nun vor Gericht. Und sein Anwalt will in die 300 Ordner gucken, um dort, wie er sagt, Entlastendes zu entdecken. Kein Wunder, dass weder dem Gericht noch dem Staatsanwalt Hanno Gläsker diese Idee schmeckt. Denn Reims kommt nach kurzem Überschlagen auf rund 450000 Minuten, die er dafür wohl zum Lesen bräuchte... Doch der Anwalt gibt nicht nur Anlass zum Schmunzeln. Zwischenrufe von den dichtgefüllten Besucherbänken, er möge bitte lauter sprechen, quittiert er lauthals: „Wir sind hier nicht im Kino!” Ein aufgebrachter Zuschauer belegt ihn beim Hinausgehen mit einem kaum unterdrückten Kraftausdruck, was den Anwalt weiter in Rage bringt.

Oder gehört das nur zum Spiel? Der Kölner ist ein renommierter Strafverteidiger, der wohl auch einen guten Schauspieler abgegeben hätte. Der Gerichtssaal ist seine Bühne, dort beherrscht er viele Rollen: freundlich-moderat im Umgang mit dem Gericht, scharf im Zeugenverhör, knallhart in der Sache und nicht zimperlich in der Wortwahl. „Da sind Beweismittel vernichtet, beiseite geschafft worden”, kommentiert er den Abtransport der 300 Ordner durch private Prüfer. „Und das geschieht unter der schützenden Hand der Staatsanwaltschaft Aachen.”

Harald Brandt, Vorsitzender der 8. großen Strafkammer, nimmt mit gemütlicher Gelassenheit viel Feuer aus dem Verfahren. Doch mitunter platzt ihm auch der Kragen. „Können wir mal mit den Diskussionen aufhören?”, herrscht er Verteidiger und Staatsanwalt an. In der Sache redet der Richter Klartext: Der Antrag auf Beiziehung der 300 Ordner wird abgewiesen. Doch könne der Angeklagte zu konkreten Beweisthemen auf konkrete Unterlagen Bezug nehmen. Die besorge man dann auch, so Brandt. Was im Übrigen, wie Staatsanwalt Gläsker ergänzt, auch bisher so geschehen sei: „Wir haben Ihnen alles an Akten gegeben, was wir hatten und was relevant war.”

Einen Trumpf zieht Reims aber noch aus dem Ärmel: einen handgeschriebenen Brief des Ex-DRK-Vorsitzenden Georg N. an seinen Mandanten, den „lieben Gerhard”, der die Vermutung nahe legt, dass es tatsächlich Beraterleistungen gegeben hat und nicht alle Rechnungen fingiert waren. Wenn sich das bestätigt, wäre dieser Tatvorwurf nicht mehr zu halten, signalisierte der Staatsanwalt. Dann wäre man wieder bei dem „Deal”, den Richter Brandt am ersten Verhandlungstag vorgeschlagen hatte: „Gestehen Sie die Autos, dann stellen wir den Rest ein.”
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