Dreiteiliges TV-Epos über Karl den Großen

Von: Martin Thull
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„Vater Europas“, auf den Schlachtfeldern zu Hause: Im kommenden Jahr wird des 1200. Todestages Karls des Großen gedacht, eine neue TV-Produktion widmet sich jetzt schon seinem Leben. Alle Foto: Taglicht Media
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80.000 Kilometer legte Karl angeblich zurück. Bis zu seinem Tod ritt er – aneinandergereiht die Feldzüge nach Aquitanien, Spanien und Sachsen, gegen die Awaren oder die Langobarden – rund zweimal um den Erdball.
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Drei Versionen gibt es von Gabriele Wenglers (Foto) Film.

Aachen. Was fällt einem so spontan an Schlagworten zu Karl dem Großen ein? Bau des Oktogons in Aachen, Sachsenschlächter, Kaiserkrönung in Rom. Vielleicht noch: viele Kinder von vielen Frauen. Und das noch: Er konnte nicht schreiben, seine Unterschrift war lediglich ein kleiner Haken. Aber ist das alles?

Gar nicht so falsch, dass der deutsch-französische Kultursender Arte in einer dreiteiligen Serie – ausgestrahlt hintereinander am 20. April ab 20.15 Uhr – ein wenig Licht in Leben und Wirken dieses mittelalterlichen Herrschers bringt und den Stand der wissenschaftlichen Forschung vermittelt. Schließlich wird nicht nur in Aachen im kommenden Jahr des 1200. Todestages des großen Frankenherrschers gedacht.

„Vater Europas“ – so verstehen ihn viele. Und wer die Ausdehnung seines Reiches beobachtet, der kann den Kern der heutigen europäischen Gemeinschaft erkennen. Doch bedeutet „Vater“ bei Karl dem Großen weniger das gemeinhin mit einem Vater verbundene Gefühl von Schutz und Geborgenheit. Karl war in erster Linie ein Kriegsherr, so vermittelt ihn das Arte-Dokudrama schon in den Eingangssequenzen jeder Folge, wenn Einzelszenen wie bei einer Ouvertüre auf der Flachseite eines Schwertes gezeigt werden. Ständig unterwegs in seinem Reich, immer wieder aufflammende Rebellionen gegen die Frankenherrschaft unterdrückend, allein fast 30 Jahre gegen die Sachsen im heutigen Norddeutschland.

Ein Dokudrama besteht aus vielen Spielszenen. Dazwischen kommen Wissenschaftler zu Wort, in diesem Fall etwa aus London und Limoges, aus Tübingen, Frankfurt und Bonn; darunter auch Wolf Steinsieck, Historiker und Romanist sowie französischer Honorarkonsul aus Aachen. Sie vertiefen das zuvor Gesehene, ergänzen es und ordnen es ein. So entsteht eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Information. Und es werden wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, etwa zur Waffentechnik zu Karls Zeiten und dem Nachweis, dass die von seinen Leuten entwickelten Pfeile mit Eisenspitze über 140 Stundenkilometer schnell waren. Solche Messungen kennt man sonst nur vom Tennis oder Fußball. Oder die Untersuchung der Knochen aus dem Karlsschrein, nach der die Mediziner Karl nicht nur eine Körpergröße von um die 1,90 Meter bescheinigen, sondern auch eine für sein Alter von über 60 Jahren überragende körperliche Fitness – soweit man dies an den Knochen ablesen kann.

So richtig neue Erkenntnisse werden nicht vermittelt, aber es zeigt sich in den über zweieinhalb Stunden ein selten umfassendes Bild von Karl dem Großen. Seiner Persönlichkeit als machtbewusster Herrscher, der mit allen Mitteln seinen Vorteil sucht, als Frauenheld, dem mehrere Ehefrauen und Geliebte mindestens 18 Kinder schenkten, als Förderer von Wissenschaft und Kultur, dessen Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen. Alexander Wüst spielt diesen Karl als kraftstrotzenden König, der Widerstand nicht duldet und mit allen Mitteln bekämpft. Peter Matic als sein Biograf Einhard gibt den Erzähler, der seinem Adlatus Johannes das Leben Karls diktiert. Die „Vita Karoli Magni“ sollte die erste umfassende Herrscherbiografie des Mittelalters werden.

Erstaunliche Weltoffenheit

Erst im dritten Teil wird Karls Verdienst um die Bildungsreform deutlich, sein Bemühen, sich mit Wissenschaftlern aus seinem Reich auseinanderzusetzen, nicht allein mit Franken. Bei aller Verbissenheit, den eigenen Machtbereich immer weiter auszudehnen und mit brutaler Gewalt zu festigen, zeigt sich hier eine erstaunliche Weltoffenheit. Er ordnet die „Innenpolitik“: vereinheitlicht die Rechtssprechung, führt den Silberdenar als Währung ein, macht Vorschriften für den sinnvollen Anbau von Getreide und Gemüse, öffnet die Schulen auch für Laien. „Erst das Wissen, dann das Tun“, ist sein Grundsatz.

Und noch etwas arbeitet der Film von Gabriele Wengler heraus: der Einfluss von Frauen auf Karl und seine Politik. Zumindest seine Mutter Bertrada spinnt im Hintergrund ihre Fäden und schmiedet das Heiratsbündnis mit der Tochter des Langobardenkönigs. Und die spätere Ehefrau Fastrada hält Karl auf seinen Kriegszügen – lediglich zwei Jahre seiner 46 Regentenjahre registrieren die Historiker als „frei von Kriegen“ – den Rücken frei und organisiert den Hof.

Bei allem Lob, das dieses Dokudrama verdient – kritisch anzumerken bleibt, dass die offenkundig digital erzeugten Städtepanoramen etwa von Rom, Pavia und Saragossa arg kulissenhaft und künstlich wirken, ähnlich wie die Heerlager mit den zahllosen Zelten. Auch die Alpenüberquerungen über die schneebedeckten Berge muten allzu stark als synthetisch an. Mehr Details statt großer Landschaften hätten hier dem Auge gut getan.

Die Schlachtszenen halten sich dagegen eher zurück, die Grausamkeit der Handlung entsteht im Kopf der Zuschauer. Und der Versuchung, Abul Abbas zu zeigen, den weißen Elefanten, den Kalif Harun ar-Raschid dem fränkischen Kaiser schenkte, haben die Filmemacher zum Glück widerstanden. Insgesamt eine sehenswerte Fernsehproduktion, für die der WDR verantwortlich zeichnet; bei Arte erfolgt am 20. April die Erstausstrahlung.

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