Die Wohnungslosen aus der Severinstraße: Zuflucht im Hotel

Von: Kristina Kiauka, dpa
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Köln / Stadtarchiv / Einsturz / Marco Schönecker
„Ich habe die letzte Chance verpasst, in die Wohnung zu gehen”, sagt Marco Schönecker (37), Bewohner des abgerissenen Hauses Severinstraße 232. In der Nacht zum Freitag habe er zum ersten Mal seit dem Unglück durchgeschlafen - so verpasste der Lehrer den Anruf der Feuerwehr. „Ich vermisse Bilder, Persönliches.” Foto: dpa

Köln. Auch wenn sie mit ihren Koffern wie normale Touristen durch die Hotellobby ziehen: Sie sind keine Besucher der Domstadt. In ihren Koffern steckt statt der Urlaubsgarderobe alles, was ihnen nach dem Kölner Unglück geblieben ist.

Mindestens 38 Menschen haben am Dienstag nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs in der Severinstraße ihre Wohnungen verloren. Ihre Häuser wurden ebenfalls in die Tiefe gerissen oder waren einsturzgefährdet und mussten vorsorglich abgerissen werden.

Viele der Betroffenen haben Zuflucht in einem Hotel in der Nähe gefunden. Hier befindet sich auch die zentrale Anlaufstelle der Stadt und der Verkehrsbetriebe KVB für alle Fragen rund um das Unglück.

„Ich habe eine Arbeitskollegin in den vergangenen Tagen aufgenommen”, sagt Magdalena Drenske (62). Verstohlen zeigt sie auf eine Dame, die an der Hotelrezeption telefoniert und einen blauen Koffer neben sich stehen hat. Es sei aber besser, nicht mit ihrer Freundin über die vergangenen Tage zu sprechen. Denn die Nerven der Wohnungslosen aus der Kölner Severinstraße liegen blank.

Drenske erzählt, ihre Freundin habe um halb eins in der Nacht zum Freitag einen Anruf der Feuerwehr erhalten, sie solle sofort zu ihrem Haus kommen. Erst vor Ort erfuhr sie, dass sie zum letzten Mal ihre Wohnung betreten durfte, um in der Schnelle einige Sachen zusammenzupacken. Danach sollte das Haus abgerissen werden.

„Ich habe die letzte Chance verpasst, in die Wohnung zu gehen”, sagt Marco Schönecker (37), Bewohner des abgerissenen Hauses Nummer 232. In der Nacht zum Freitag habe er zum ersten Mal seit dem Unglück durchgeschlafen - so verpasste der Lehrer den Anruf der Feuerwehr. Zum Glück holte eine Nachbarin einige Sachen aus seiner Wohnung, doch die ersten Dinge fehlen ihm bereits. „Ich vermisse Bilder, Persönliches.”

Beschweren wolle er sich aber nicht, betont Schönecker. Er lobt Feuerwehr, Polizei und das Deutsche Rote Kreuz. Auch die Vorleistung von 10.000 Euro habe er bereits erhalten. Aber selbst damit lasse sich der alte Lebensstandard nicht wieder herstellen. Für die unmittelbar Betroffenen wurde nach KVB-Angaben insgesamt eine Million Euro bereitgestellt.

Schönecker hat nicht wie viele andere das Angebot der Stadt angenommen, in dem Hotel an der Severinstraße zu übernachten. Er schläft bei seinen Eltern in Euskirchen. Doch abends ist er meistens in seinem alten „Veedel” in der Südstadt, bei der zentralen Anlaufstelle für alle Betroffenen. Mitarbeiter von Stadt und KVB beantworten Fragen. Es wird psychologische Betreuung angeboten und mit Hilfe des städtischen Wohnungsamts nach neuen Wohnungen gesucht.

Alles, was über diese ersten Hilfen hinausgehe, bezeichnete Schönecker jedoch als „ungewiss”. Welche Versicherung genau für die Schäden einspringe, sei zum Beispiel noch nicht klar. Schönecker versucht seinem Alltag zu entfliehen. Er sei auch nach dem Unglück jeden Tag zur Arbeit gegangen, das habe er auch in der nächsten Woche vor. „Meine Schüler stehen schließlich vor den Abiturprüfungen”, sagt der Lehrer.

„Man hat für alles ein Verständnis, aber teilweise auch einen dicken Hals”, sagt Ingo Weber. Fast sein ganzes Leben hat der 52-Jährige in der Südstadt verbracht, er ist im Kirchenvorstand der Gemeinde St. Georg, einer Kirche in direkter Nachbarschaft zum Historischen Stadtarchiv. Weber will sich im Bürgerbüro gleich hinter dem Hotelfrühstücksraum beschweren: Seine Wohnung liegt zwar außerhalb der Gefahrenzone, aber trotzdem im abgesperrten Gebiet. Er braucht eine Zufahrtserlaubnis für sein Auto.

Vor dem Hoteleingang trifft Weber einen Bekannten. Es ist einer der Wohnungslosen aus der Severinstraße. Die Nachbarschaftshilfe laufe, sagt Weber. Er wolle seine Hilfe nicht aufdrängen, aber im Notfall sei er jederzeit abrufbar. „Ich habe das Telefon am Bett liegen.”
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