Die Tachonadel bleibt bei 240 stehen

Von: Claudia Schweda und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Unfalltod
Die 18-jährige Beifahrerin hatte keine Chance: Der Fahrer steuerte den Wagen unter die hintere Flanke eines Gastransporters. Foto: Roeger

Würselen. Es ist mitten in der Nacht, als der 24-Jährige Dürener in einem 5er BMW vom Aachener Kreuz Richtung Köln fährt, die Uhr im Auto steht auf kurz vor zwei. A4, mittlere Spur. Die Straße ist trocken, obwohl es Stunden vorher noch geregnet hat.

In einer leichten Linkskurve, etwa einen Kilometer vor der Raststätte Aachener Land, rast der BMW mit Kölner Kennzeichen ungebremst mit der Beifahrerseite in den hinteren Teil einen Tanklastzugs aus Utrecht.

Warum? Darauf haben die Polizei und die Sachverständigen auch am Abend noch keine Antwort. Die Wucht des Aufpralls schleudert das Auto zurück Richtung Betonschutzwand. Irgendwann kommt das, was vom Auto übrig ist, auf der mittleren Spur wieder zum Stehen.

Die 18-jährige Beifahrerin, ebenfalls aus Düren, hat keine Chance. Sie stirbt noch auf der Autobahn und muss von der Feuerwehr aus dem Wrack herausgeschnitten werden. Der Fahrer lebt, der 44-jährige Lkw-Fahrer ist unverletzt.

Die Tachonadel des völlig zerstörten BMW steht auf fast 240. Wie schnell ist der 24-jährige Dürener gefahren, bevor der Unfall geschah?

Einem Hindernis ausgewichen?

„Er war schon schnell unterwegs”, sagt eine Sprecherin der Kölner Polizei, „irgendetwas zwischen 200 und 240 Stundenkilometer wird es schon gewesen sein”.

Das schier Unglaubliche: Der Fahrer steigt mit „leichteren Blessuren im Bereich des Kopfes” aus dem Auto, sagt der Würselener Feuerwehrchef Ralf Jüsgens. Der Mann hatte eine Platzwunde, mehr offenbar nicht. Die Fahrertür lässt sich noch öffnen, der 24-Jährige kann nach Angaben der Polizei noch gehen und ist ansprechbar. Ein Notarzt bringt ihn in ein Krankenhaus, in dem er nach Angaben der Kölner Polizei mindestens bis Dienstag bleiben muss.

Dieter Raabe-Renner, Unfallsachverständiger der Dekra in Aachen, teilt die Einschätzung der Kölner Polizei nicht. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt er, der Stand der Tachonadel sei kein Indiz dafür, dass der 24-jährige Dürener tatsächlich so schnell gefahren ist. Raabe-Renner hält es sogar „für unwahrscheinlich”.

Während einer Kollision komme es vor, dass elektronische Impulse übermittelt würden, die Einfluss auf den Stand der Tachonadel hätten, so Raabe-Renner.

Wie schnell das Auto tatsächlich war, ließe sich allein anhand der Verformungen, also der Schäden an den Karosserien der beteiligten Fahrzeuge ermitteln. Das Büro des mit der Unfallrekonstruktion beauftragten Sachverständigen aus Alsdorf bestätigt diese Einschätzungen.

Stundenlang sichert die Polizei Spuren, das Landeskriminalamt macht Luftaufnahmen zur Unfallrekonstruktion. Die Staatsanwaltschaft Aachen nimmt schon am Tag des Unfalls Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und verschiedener Verkehrsdelikte gegen den 24-jährigen Dürener auf, Untersuchungshaft wird aber vorerst nicht angeordnet.

Der 24-Jährige gibt indes an, er sei einem Hindernis ausgewichen. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist kein Gegenstand auf der Fahrbahn gefunden worden”, sagt die Kölner Polizeisprecherin am Nachmittag. Allerdings seien die Ermittlungen nicht abgeschlossen; denn durch die Wucht des Aufpralls seien viele Trümmerteile über eine große Strecke verteilt worden.

Der Tanklastzug eines niederländischen Unternehmens aus Utrecht ist nicht mehr fahrtüchtig. Die Hinterachsen sind schwer beschädigt. Aus dem etwa 200 Kilometer entfernten Utrecht wird von der Firma ein Ersatzfahrzeug geschickt. Um 7 Uhr trifft es ein und beginnt damit, das leicht entzündliche Flüssiggas aus dem beschädigten Fahrzeug umzupumpen.

Auch diese Notwendigkeit trägt dazu bei, dass die Autobahn zwischen dem Kreuz Aachen und der Abfahrt Eschweiler am Ende für neun Stunden gesperrt sein wird. Genau um 11.03 Uhr hebt die Polizei die Sperrung auf. Bis dahin ist das Stauaufkommen rund um die A4 immens.

„Ein solches Ereignis trifft die ganze Region”, sagt Paul Kemen, Sprecher der Aachener Polizei. Und damit meint er nicht nur den Verkehr.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert