Die letzten Spuren von Tante Billchen in Rödingen

Von: Claudia Schweda
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Diese Menora aus der zerstörten Landsynagoge in Vettweiß steht im Museum. Der frühere Vettweißer Landarzt August Bender, im Dritten Reich Lagerarzt im KZ Buchenwald, übergab sie dem Landschaftsverband. Wie sie in seinen Besitz kam, rekonstruiert der LVR derzeit. Foto: LVR (6), Schweda
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Kam zur Eröffnung des Museums: Ellen Eliel-Wallach, Nichte der letzten jüdischen Bewohnerin des Hauses, begleitet von Monika Grübel vom LVR.

Titz. Sibilla Ullmann wollte eine Spur hinterlassen, als sie ihr Haus in Titz-Rödingen 1934 verlassen musste. Am letzten Tag in dem Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat, nahm die damals 74-jährige Jüdin einen spitzen Gegenstand und ritzte ihren Namenszug groß und tief in ein Fenster in der ersten Etage ein. Eine Stelle, die man nicht einfach überstreicht oder neu verputzt.

Und nichts, das man einfach übersieht. Heute ist das, was Sibilla Ullmann vor fast 80 Jahren getan hat, das anrührendste Dokument in einem kleinen und dennoch bemerkenswerten Museum, das in ihrem Haus in dem kleinen Ort Rödingen eingerichtet worden ist. Es dokumentiert die Geschichte des Landjudentums im Rheinland.

Denn die Geschichte der Familie Ullmann und die ihrer Gemeinde ist typisch für den Alltag, die Entwicklung der Rechte und die Nöte dieser Landjuden vom Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch deren Spuren im Rheinland sind fast komplett verwischt. Das Rödinger Haus des Gemeindevorstehers mit der kleinen Synagoge im Hinterhof ist die einzige von ehemals 329 Landsynagogen, die fast im Originalzustand erhalten ist. Nur drei weitere in Pulheim-Stommeln, Grevenbroich-Hülchrath und Issum existieren noch, sind aber nicht wiederzuerkennen.

Ein Aachener Schausteller, der das Rödinger Haus 1934 kaufte und dort bis zum Verkauf an den Landschaftsverband Rheinland 1999 lebte, hat es nie verändert. „Das Gebäudeensemble war in einem ruinösen Zustand. Aber es war unverfälscht. Ein unfassbares Glück“, sagt Monika Grübel, Judaistin und Kulturmanagerin beim Landschaftsverband. Selbst die Frauenempore und die Tora-Nische in der Synagoge hat der Schausteller unangetastet gelassen. Nur das alte Satteldach hat er durch ein Pultdach notdürftig ersetzt – das alte hatte im Krieg Schaden genommen. Doch im Wohnhaus geht man über die alten Fliesen in Flur oder Küche und die mit Ochsenblut gestrichenen Holzdielen in den Wohnräumen. Selbst die merkwürdigen schrägen Vertiefungen in jedem rechten Türpfosten im Haus für die Mesusa hat er unverändert gelassen.

„In Erinnerung geblieben sind uns die Juden aus den Großstädten, die es zu Ansehen und Reichtum gebracht haben“, sagt Grübel. „Dass ein Großteil der Juden eineinhalb Jahrhunderte mitten unter der Landbevölkerung gelebt hat und sich dort durchgeschlagen hat wie alle anderen Bürger auch, dass jedes zweite Dorf eine Synagoge hatte, ist in Vergessenheit geraten.“ Am Beispiel der Ullmanns hebt das Museum dieses verschüttete Wissen. Und es ignoriert nicht die Spuren der Nachkriegszeit, die Spuren der christlichen Nachnutzung: Das Kreuz über der Tür, das der Schausteller beim Auszug 1999 abgenommen hat, hat die üblichen Staubspuren auf der Wand hinterlassen. Sie sind konserviert worden. In der Synagoge, die der Schausteller als Werkstatt nutzte, sind die Stützen der Frauenempore wie mit Graffiti besprüht. Der Schausteller hat das Holz als Unterlage für Farbproben genutzt, mit denen er dann seine Fahrgeschäfte besprühte, erzählt Monika Grübel. Ihr ist es wichtig, zu zeigen, „dass die Geschichte nicht 1945 endet“.

Die Geschichte der Ullmanns beginnt mit dem späteren Gemeindevorsteher und Synagogenstifter Philipp Susmann, der wie so viele im späten 18. Jahrhundert aus Böhmen ins Rheinland einwandert. Er lässt sich 1781 in Rödingen nieder, heiratet eine Jüdin aus dem Ort, kauft 1789 ein Haus mit Grundstück am Mühlenend und wird Vater von vier Kindern. „Es war wie so oft“, sagt Grübel, „die Susmanns hatten das größte Wohnzimmer, also traf sich dort die Gemeinde.“ Denn für einen jüdischen Gottesdienst braucht es nicht mehr als zehn Männer und einen, der aus der Tora lesen kann. Das Haus am Mühlenend 1 mit seiner Betstube wird zum Zentrum des jüdischen Lebens im Dorf.

Die Geschichte der Susmanns ist beispielhaft für viele: Auch Philipp Susmann spürte während der französischen Besatzungszeit die eingeschränkte Handlungsfreiheit als Gewerbetreibender. Er musste ein diskriminierendes Gewerbepatent beantragen. In der Liste der „patentwürdigen Juden“ der Bürgermeisterei Rödingen wird er 1808 als „boucher et colporteur“ (Metzger und Kleinwarenhändler) eingetragen – ein unter Juden weit verbreiteter Beruf wegen der strengen religiösen Speisevorschriften. Im gleichen Jahr noch bestimmte Napoleon, dass auch jüdische Bürger feste Familiennamen annehmen müssen. Susmann erklärte dem Bürgermeister, dass seine Familie den Namen Ullmann annehmen möchte. „Warum, wissen wir nicht“, sagt Grübel.

1840 folgte sein Sohn Isaak ihm im Amt des Gemeindevorstehers. Doch die Betstube im Wohnhaus erwies sich bald als zu klein. Isaak Ullmann war es, der seiner Gemeinde 1841 die Landsynagoge stiftete, die noch heute im Hof seines damaligen Hauses steht. Der Grabstein seiner zweiten Frau, Esther Ullmann, ist immer noch auf den Resten des jüdischen Friedhofs in Rödingen zu sehen. Und der Schriftzug seiner jüngsten Tochter, Sibilla Ullmann, die nie heiratete, ist unauslöschlich in ein Fenster am Mühlenend 1 eingeritzt.

Sibillas Geschwister nutzten die Niederlassungsfreiheit, die Juden Anfang des 19. Jahrhunderts im Rheinland erhielten und die viele Landgemeinden ausbluten ließ. Vor allem die jungen Gemeindemitglieder drängte es in die Städte. Bruder und Schwester gingen nach Düsseldorf, um dort Handel zu treiben. Schließlich wurde die Familie Opfer der nationalsozialistischen Vertreibung und Vernichtung. Ihr Neffe, der seinen Beruf als Getreidehändler in Düsseldorf nicht mehr ausüben durfte, geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Das Haus mit Synagoge in Rödingen musste verkauft werden. Als Sibilla das Dorf verließ, jubelte der nationalsozialistische „Westdeutsche Beobachter“ am 14. November 1934: „Der letzte Jude verlässt Rödingen“. Sibilla zog in ein Altenheim in Rheydt, wurde acht Jahre später – mit 82 Jahren – nach Theresienstadt deportiert und starb dort an Unterernährung. Auch ihr Neffe, der zunächst mit seiner Frau und seiner Tochter in die Niederlande fliehen konnte, wurde dort 1940 von den deutschen Besatzern aufgegriffen und 1944 in Auschwitz ermordet.

Als der LVR 1999 die Landsynagoge kaufte, besorgte sich Monika Grübel alle Akten, die sie über die Ullmanns und die jüdische Gemeinde in Rödingen finden konnte. In einer Unterlage einer Historikerin fand Grübel im Zusammenhang mit den Ullmanns den handschriftlichen Hinweis – dünn mit Bleistift geschrieben – „Nachfahren“. Sie schaute in Telefonbücher, rief wildfremde Menschen an, schließlich stieß sie in Düsseldorf auf entfernte Verwandte der Urenkelin des Rödinger Synagogenstifters: Ellen Eliel-Wallach. Sie war als Kind oft bei ihrer „Tante Billchen“.

Die alte Kommode in Amsterdam

Heute lebt sie in Amsterdam. In einem Film im Museum schildert sie ihre Erinnerungen. Und mehrfach schon war sie in Rödingen, um als letzte lebende Zeugin persönlich von der Geschichte der Ullmanns zu berichten. Sie holte aus einer alten Kommode in ihrem Amsterdamer Haus die einzigen Ausstellungsstücke, die zur früheren Ausstattung des Hauses gehörten: Tischwäsche mit dem Monogramm von Tante Billchen und ein einziger silberner Löffel. Der Rest des Bestecks musste verkauft werden, um nach dem Krieg ein neues Leben in ärmlichen Verhältnissen anfangen zu können. Auch das ist typisch für die Geschichte der Juden.

Landsynagogen wie die in Rödingen gerieten nach dem Krieg in Vergessenheit. „Die Menschen konnten nichts mehr damit anfangen“, sagt Grübel, „und Juden gab es keine mehr.“ Erst in den 80ern begannen historisch interessierte Laien, nach Spuren jüdischen Lebens zu suchen. In Rödingen ist es ein Lehrer aus Linnich: Hermann-Josef Paulißen. Ohne ihn wäre die Spur von Sibilla Ullmann heute vielleicht verschwunden.

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