Die lange Suche nach der verschwundenen Dorota

Von: Marlon Gego
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Die Frau aus Süsterseel im Selfkant ist seit Monaten verschwunden. Foto: Marlon Gego
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„Keine neuen Ermittlungsansätze“: Nach mehreren groß angelegten Suchaktionen in Wäldern weiß die Aachener Staatsanwaltschaft im Moment nicht, wo sie noch nach der verschwundenen Dorota suchen soll. Sie ist auf den Zufall angewiesen. Foto: Roeger
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Auch Gewässern wurden durchsucht, jedoch ohne Erfolg. Foto: Roeger

Selfkant/Aachen. Von einem Tag auf den anderen war die junge Osteuropäerin nicht mehr da, ihr Mann sagte, sie sei einfach gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Ihr Kind hatte sie zu Hause gelassen, ihr Handy, ihren Schmuck, auch andere persönliche Dinge hatte sie nicht mitgenommen, ihr bisheriges Leben im Westen des Kreises Heinsberg, nicht weit von der niederländischen Grenze entfernt, einfach aufgegeben.

Der Ehemann erstattete eine Vermisstenanzeige, die Polizei suchte, doch die Frau blieb verschwunden. Auch ihre Freunde und ihre Familie hörten nichts von der Frau, nirgendwo ein Lebenszeichen. Es dauerte nicht lange, bis Klaus Thevis Zweifel an der Darstellung des Ehemanns kamen. War die Frau wirklich einfach abgehauen? Oder hatte er sie getötet? Das Problem war, dass es keine Leiche gab. Und ohne Leiche gibt es keinen Mordfall.

Thevis, der Leiter der Mordkommission, ließ wochenlang weitersuchen, bis der entscheidende Hinweis von einer Nachbarin kam: Der Ehemann hatte sich kurz nach dem Verschwinden der Frau ungewöhnlich viel Beton liefern lassen. Thevis besorgte sich einen zweiten Durchsuchungsbefehl, Leichenspürhunde liefen durch das Haus, im Keller schlug einer an, genau vor einem zugemauerten und mit Beton verfüllten Hohlraum. Das Technische Hilfswerk stemmte den Beton weg, so lange, bis die Leiche der Frau zum Vorschein kam.

Es war der 11. September 2001, mehr als 15 Jahre her.

Weil an diesem Tag zwei Flugzeuge ins World Trade Center in New York flogen, ging die Sache in der öffentlichen Wahrnehmung damals ein bisschen unter, obwohl Thevis und seine Männer einen der ungewöhnlichsten Mordfälle der vergangenen Jahrzehnte in der Region aufgeklärt hatten. Der Mann, der in Waldfeucht-Hontem lebte, hatte seine Frau am 12. Juli 2001 im Zimmer ihres schlafenden Kindes erschlagen und dann einbetoniert. Es hatte fast zwei Monate gedauert, bis die Leiche der Lettin gefunden war.

Der GPS-Sender in Dorotas Tasche

15 Jahre später: Wiederholt sich dieser Fall im Westen des Kreises Heinsberg? Manche Indizien sprechen jedenfalls dafür.

Am Abend des 18. Oktober 2016 verschwand eine junge Osteuropäerin, ihr Mann sagte, sie sei einfach gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Ihr Kind hatte sie zu Hause gelassen, ihr Handy, ihren Schmuck, auch andere persönliche Dinge hatte sie nicht mitgenommen, ihr bisheriges Leben in Selfkant-Süsterseel, nicht weit von der niederländischen Grenze entfernt, einfach aufgegeben.

Der Ehemann erstattete eine Vermisstenanzeige, die Polizei suchte, doch die Frau blieb verschwunden. Auch ihre Freunde und ihre Familie hörten nichts von Dorota Galuszka-Granieczny (29), nirgendwo ein Lebenszeichen. Es dauerte nicht lange, bis den Ermittlern Zweifel an der Darstellung des Ehemanns kamen. War Dorota wirklich einfach abgehauen? Oder hat ihr Mann sie getötet? Oder jemand anders?

Die Aachener Staatsanwaltschaft suchte nach Zeugen, die etwas dazu sagen können, was am 18. Oktober in Selfkant-Süsterseel passiert ist oder passiert sein könnte. Die Ermittler fanden so heraus, dass Dorota einen Freund in der Nähe von Utrecht hatte, wie sie und ihr Ehemann ein Pole. Dorota wollte sich von ihrem Mann trennen und mit dem Freund nach Bayern ziehen. Ihr Ehemann ahnte etwas und versteckte einen GPS-Sender in Dorotas Handtasche, um herauszufinden, wo Dorotas Freund lebt.

An dem Abend, an dem sie ihrem Mann ihre Pläne eröffnete, verschwand sie, das hat ihr Mann gegenüber den Ermittlern ausgesagt. Im Grunde glaubt niemand mehr, dass Dorota Galuszka-Granieczny noch lebt, doch das Problem ist dasselbe wie im Fall der verschwundenen Lettin aus Waldfeucht-Hontem vor 15 Jahren: Es gibt keine Leiche. Und ohne Leiche gibt es keinen Mordfall.

Drei Monate sind seit Dorotas Verschwinden vergangen, und die Aachener Staatsanwaltschaft weiß nicht mehr, was sie noch unternehmen soll. Sie haben mit Hunderten Polizisten mehrerer Waldstücke im Kreis Heinsberg und auf der anderen Seite der Grenze in Holland durchkämmt, Seen abgetaucht, die Wohnung der Familie Galuszka-Granieczny durchsucht. Leichenspürhunde haben nach ihr gesucht, doch von Dorota fehlt jede Spur. Die Ermittler sind jetzt auf den Zufall angewiesen, neue Ermittlungsansätze gibt es im Moment nicht.

Albert Balke sagt, dass das für die Ermittler „eine richtige Scheißsituation ist“. Balke war bis zu seiner Pensionierung 2012 Leiter der Abteilung für Kapitaldelikte bei der Aachener Staatsanwaltschaft und einer der besten Mord-Ermittler, die es in der Region je gegeben hat. Er weiß, wie das ist, einen Mordverdacht, aber keine Leiche zu haben, sofort muss er an den Fall M. denken.

M., damals 38 Jahre alt, war Autohändler und Immobilienmakler und lebte mit seiner Lebensgefährtin im Aachener Süden. Mitte September 1988 verschwand die Lebensgefährtin, M. erstattete eine Vermisstenanzeige. Es war wie bei Dorota, es war wie bei der Lettin, die Lebensgefährtin wurde gesucht und nicht gefunden. Auch in diesem Fall hatten die Ermittler irgendwann den Verdacht, dass der Ehemann hinter dem Verschwinden der jungen Frau stecken könnte.

Je länger die Suche nach der Lebensgefährtin dauerte, desto unvorsichtiger wurde M. Er erzählte in der Stadt herum, ihm könne gar nichts passieren, denn ohne Leiche gäbe es schließlich keinen Mord. Die Wochen vergingen, Albert Balke und Theo Steinröx, der die Mordkommission leitete, ließen überall nach der Lebensgefährtin suchen, vergebens.

Weihnachten kam, dann der Jahreswechsel 88/89, es kam der Karneval, das Frühjahr begann und im Fall M. bewegte sich nichts. Balke und Steinröx glaubten, dass M. seine Lebensgefährtin getötet hatte, aber es gab nur ein paar Indizien, keinen Beweis.

Zu ahnen, dass jemand getötet wurde, den vermeintlichen Mörder zu kennen, aber keine Beweise für die Tat zu haben, „das fasst einen an, glauben Sie mir“, sagt Balke heute, fast 30 Jahre später. Aber es sei wichtig, sich nicht zu sehr auf sein Bauchgefühl zu verlassen. „Denn was ist, wenn die Geschichte des Mannes stimmt und die Frau auf einmal wieder auftaucht?“ Alles schon passiert.

Doch im Fall M. kam es anders. Balke setzte Anfang Mai 1989 alles auf eine Karte und fand einen Haftrichter am Amtsgericht Aachen, der ihm einen Haftbefehl für M. ausstellte. Beide, Balke und der Richter, bewegten sich hart an der Grenze der Legalität. Am 8. Mai 1989, also fast acht Monate nach dem Verschwinden der Lebensgefährtin, stand Balke an M.s Haustür und las ihm den Haftbefehl vor. M. kam in Untersuchungshaft, obwohl nur wenig gegen ihn vorlag.

Die Grube hinter der Garage

Viele Menschen, die in geregelten Verhältnissen leben, mit dem Gesetz nicht in Konflikt und mit der Polizei nie in unangenehmen Kontakt gekommen sind, die keine Gefängniserfahrung besitzen, lassen sich von Gefängnissen stark beeindrucken, und so war es auch bei M.

Nach wenigen Stunden hinter Gittern brach er zusammen und gestand, seine Lebensgefährtin am 15. September 1988 in einem Waldstück fünf Kilometer vom Haus der beiden entfernt auf dem Beifahrersitz seines Autos erschossen zu haben, kurz vor der belgischen Grenze an der Lütticher Straße. Er hatte hinter der Garage eine Grube ausgehoben und die Leiche einbetoniert. Dort wurde sie kurz nach M.s Geständnis tatsächlich gefunden. Der Fall M. war gelöst.

Balke sagt, dass auch dieser Fall mit dem der verschwundenen Dorota vergleichbar ist, er erinnert sich, wie es ihm damals während der monatelangen Ungewissheit gegangen ist: „nicht sehr gut“, sagt Balke. Wahrscheinlich geht es seinem Nachfolger in der Abteilung für Kapitaldelikte bei der Aachener Staatsanwaltschaft, Wilhelm Muckel, der mit dem Fall Dorota befasst ist, im Moment auch nicht viel besser.

Und nun?

Wenn niemand weiß, wie es weitergehen soll, hilft es manchmal, sich geistlichen Beistand zu suchen. Roland Bohnen ist Pastor in Selfkant, das Pfarrhaus steht ein paar hundert Meter entfernt von der Wohnung, in der Dorota mit ihrer Familie lebte.

Bohnen kannte Dorota auch privat, sie arbeitete bis zu ihrem Verschwinden im katholischen Kindergarten in Süsterseel. Er kennt auch Dorotas Mann und den sieben Jahre alten Sohn, ohne ins Detail zu gehen sagt Bohnen, man brauche sich um beide nicht zu sorgen, sie hätten Beistand und würden betreut.

Der Pastor weiß natürlich, dass es Menschen gibt, die glauben, Dorotas Mann könne etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, schließlich wird er bei der Staatsanwaltschaft als Verdächtiger geführt, jedenfalls im Moment noch. Aber Bohnen sagt, dass man einerseits ja gar nicht weiß, was wirklich passiert ist, und dass andererseits vor Gott alle Menschen gleich seien. „Jemanden zu verurteilen, ist Sache der Gerichte“, sagt Bohnen.

Ein Gebet und der Alltag

Dass der Alltag in Süsterseel und die meisten seiner 1600 Einwohner zurück hat, sieht man auch daran, dass überall Plakate für bevorstehende Karnevalsveranstaltungen hängen; die Suchplakate mit Dorotas Foto hingegen sind weitgehend verschwunden, auch aus der Kirche. Dass der Alltag zurück ist, merkt man auch daran, dass Pastor Bohnen das Papier mit dem Gebet für Dorota nicht gleich findet. Während er es sucht, erzählt er die Geschichte zum Gebet:

Natürlich seien Dorotas Kolleginnen im Kindergarten nach der Nachricht ihres spurlosen Verschwindens tief besorgt gewesen, niemand wusste, was er tun sollte. Wenn man nichts tun kann, könne man sich ja immer noch an Gott wenden, schlug Bohnen vor, und erarbeitete mit den Kolleginnen ein Gebet.

Damit dem Gebet an höchster Stelle auch die gebotene Aufmerksamkeit zuteil werde, kamen Bohnen und Dorotas Kolleginnen überein, es als sogenannte Novene anzulegen: An neun aufeinanderfolgenden Tagen, immer im 9 Uhr, wurde der kurze Text im Kindergarten gemeinsam gebetet, von Dorotas Kolleginnen und den etwa 50 Kindern, Bohnen war meist auch dabei. Damit die Kinder auch am Wochenende mit ihren Familien beten konnten, richtete Bohnen ein kurzes Anschreiben an alle Eltern mitsamt dem Gebetstext, der so lautete:

„Lieber Gott, Du kennst Dorota, Du weißt, wo sie jetzt ist. Du passt auf sie auf. Wir bitten Dich, dass Du sie segnest, dass Du sie beschützt, wo immer sie jetzt ist. Beschütze auch die Familie und alle, die sie vermissen. Amen.“

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