Radarfallen Blitzen Freisteller

Die Lage in Köln: Der Pegel und die Wut steigen

Von: Christoph Driessen, dpa
Letzte Aktualisierung:
U-Bahn-Pfusch - Ermittlungen ausgeweitet
Die U-Bahn Baustelle am Chlodwigplatz mit dem Severinstor in Köln. Foto: dpa

Köln. Die Informationsveranstaltung zum Kölner U-Bahn- Pfusch dauert noch keine Minute, da ertönt zum ersten Mal der Zwischenruf „Verbrecher!”.

Im Gürzenich, dem historischen Festsaal, in dem sonst die Prunksitzungen des Kölner Karnevals stattfinden, ist die Stimmung am Mittwochabend denkbar aufgeheizt.

Mehrere hundert Zuhörer sind gekommen, viele davon sind Anwohner der skandalumwitterten U-Bahn-Strecke. Schon lange vor Beginn der Veranstaltung haben sie untereinander über Länge und Tiefe der Wand- und Deckenrisse in ihren Wohnungen gefachsimpelt. Jahrelang hat sich da Ärger aufgestaut.

Etwa 20 Minuten können sich die Zuhörer noch zurückhalten und einem Redner zuhören, dann bricht es aus ihnen heraus. Buhrufe, Pfiffe und Rücktrittsforderungen. „Frau Käßmann zum Vorbild nehmen!”, rät ein Rentner. Der Hausmeister eines Wohnheims ruft ein ums andere Mal: „Bei den nächsten Wahlen kriegt ihr die Quittung!”

Es ist eine hilflose Drohung, denn auf dem Podium sitzen Manager und Spitzenbeamte, aber keine Politiker. Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) ist bei einer anderen Diskussionsrunde mit dem Kabarettisten Jürgen Becker. Er wolle später nachkommen, heißt es. Aber als sich der Saal gegen 22.30 Uhr langsam leert, ist er immer noch nicht aufgetaucht. Kölsche Prioritäten.

Ein Bürger sagt, die Kölner hätten die ganze U-Bahn nicht gewollt. Beifall. Ein anderer sagt, als Steuerzahler verlange er Konsequenzen. Heftiger Beifall. Eine Frau will Näheres zu den Bauwänden wissen: „Sind die von Ausländern oder von deutschen Arbeitern gemacht worden?”

Mit solchen Fragestellern hat Jochen Keysberg von der federführenden Baufirma Bilfinger Berger leichtes Spiel. Er ist ein sehr smarter, sehr beredter Manager, und seine Strategie besteht darin, die kriminellen Machenschaften deutlich als solche zu benennen und gleichzeitig auseinanderzusetzen, warum sich jetzt keiner mehr Sorgen machen muss.

Viele Leute glauben ihm nicht. „Werden wir informiert, wenn geflutet wird?” Allen ist bewusst, dass der Rheinpegel rasch steigt und die Baustelle Heumarkt geflutet wird, wenn die Marke von 6,50 Metern erreicht wird. Schon am Wochenende wird das den Berechnungen zufolge der Fall sein. „Ich schlafe nicht mehr gut, ich habe einfach Angst”, sagt eine alte Frau.

Sie müsse keine Angst haben, bekommt sie zu hören, denn selbst wenn in der Baugrube Heumarkt mehr als 80 Prozent der stabilisierenden Eisenbügel fehlen, sei sie immer noch hundertprozentig sicher. Aber warum werden sie dann überhaupt eingebaut, diese Eisenbügel, wenn sie genauso gut auch fehlen können? Darauf folgt eine sehr lange Erklärung, die mit den Worten endet: „Wie war noch mal der zweite Teil Ihrer Frage?”

Walter Reinarz, Vorstandsmitglied der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), sagt: „Unser Ziel ist es, das Vertrauen, das zurecht verloren gegangen ist, zurückzugewinnen.” Aber genau das ist das Problem: „Wir glauben Ihnen einfach nicht mehr!”

Es gibt einen kurzen Moment an diesem Abend, an dem eine Verbindung zwischen den zwölf Männern auf dem Podium und dem Publikum spürbar ist: Das ist eine Schweigeminute für die beiden Toten des Archiveinsturzes. Auch auf dem Podium seien davon alle tief betroffen, sagt Reinarz. Es ist so ziemlich das einzige Mal an diesem Abend, dass er keinen Widerspruch erntet.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert