Aachen/Alsdorf - Die Kohle ist weg! Die Erinnerung auch?

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Die Kohle ist weg! Die Erinnerung auch?

Von: Udo Kals
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So war es in der „Kull“: Dunkel, eng und natürlich ein wenig staubig geht es auch im Alsdorfer Schaustollen zu, der die Bergbautechnik eindrucksvoll demonstriert. Foto: Markus Bienwald

Aachen/Alsdorf. Während derzeit noch um die Zukunft der Braunkohle in der Region gerungen wird, ist die Steinkohle längst Geschichte – und damit auch vergessen? Georg Kehren versucht als Vorsitzender des Alsdorfer Vereins Bergbaumuseum Grube Anna und als Lehrer an der Alsdorfer Gesamtschule, die Erinnerung an den Bergbau und dessen Tradition zu kultivieren, der viele Städte im Aachener Revier über Jahrzehnte geprägt und wohlhabend gemacht hat. Ein schwieriges Unterfangen.

Glück auf, Herr Kehren, und Hand aufs Herz: Bekommen Sie beim Steigerlied auch eine Gänsehaut?

Kehren: Ich komme ja nicht aus der direkten Bergmannstradition, sondern bin über andere Wege zum Bergbau gekommen. Es liegt mir also nicht im Blut. Wenn unser Knappenchor das Lied beispielsweise bei unserer Mitgliederversammlung intoniert, dann ist das natürlich eine wichtige Sache. Vor allem für die, die aktiv im Bergbau waren und ein großes Interesse daran haben. Auch an mir, das gebe ich gerne zu, geht das nicht spurlos vorbei.

Sind Rührseligkeiten ein wichtiger Faktor für die Bergbautradition?

Kehren: Wichtig? Nein. Aber bis zu einem gewissen Grad gehören sie dazu. Generell gilt: Wir haben uns das Bewahren der Tradition auf die Fahnen geschrieben. Und das wird immer schwieriger, weil unsere Zielgruppe kleiner wird. Ganz platt gesagt: Sie stirbt langsam aus, es kommen keine neuen Bergleute nach. Die Jugend ist weitgehend außen vor, selbst Kinder, die aus einer Bergbaufamilie kommen und in Alsdorf sogar in Bergmannskolonien wie Kellersberg oder Busch wohnen, wissen nur selten etwas über den Bergbau. Vielen von ihnen ist sogar nicht bewusst, dass das Fördergerüst, das im Annapark steht, ein Relikt aus der Bergbauzeit und kein Ölbohrtrum ist. Oder nehmen Sie die Bergehalden: Die werden als Naturbegebenheiten, als Vulkane angesehen, die im Flachland zufällig in der Gegend rumstehen. Das ist kein Witz. Und das ist ein Problem.

Wie wollen Sie das lösen?

Kehren: Indem wir das Interesse wecken. Hört sich vielleicht einfach an, ist aber schwierig. Nehmen wir den Schulunterricht. Wir haben an der Alsdorfer Gesamtschule, an der ich unterrichte, damit angefangen, diese Lücken zu füllen, indem wir eine Kiste mit Arbeitsmaterial zum Bergbau konzipiert und produziert haben. Die Kiste ist zwar auf Alsdorf zugeschnitten, aber auf die gesamte Region bis Hückelhoven übertragbar.

Werden die Materialien genutzt?

Kehren: Das ist das Problem: bislang kaum. Hinzu kommt, dass durch die verkürzte Gymnasialzeit noch weniger Raum für regionalspezifische Unterrichtsinhalte bleibt. An meiner Schule versuchen wir, diesen Spagat hinzubekommen, wobei viele Lehrer nicht aus der Region stammen und sich mit hohem Aufwand in die Thematik einarbeiten müssen. Doch es gibt inzwischen ein Bewusstsein für die Bedeutung des Bergbaus für die Gegenwart und Zukunft. Doch dieses Bewusstsein reicht kaum bis in klassische Gruben- und Nachbarstädte wie Herzogenrath, Übach-Palenberg oder Würselen. Selbst beim Bergbaumuseum laufen keine Anfragen ein.

Umso wichtiger ist es, dass Sie die Tradition am Leben erhalten?

Kehren: Ja, aber nicht im Sinne von reinem Folklorismus. Gegen dieses krampfhafte Bewahren wehre ich mich.

Ist denn ein euregionaler Knappentag, wie er dieses Jahr in Merkstein mit vielen Menschen in Uniformen stattfand, kein reiner Folk­lorismus?

Kehren: Für die alten Bergleute ist so ein Tag sehr wichtig. Das hat mit Geschichte und Identität zu tun. Gerade in Städten wie Alsdorf, Herzogenrath, Aldenhoven oder Baesweiler müssen wir wissen, wo wir herkommen. Nur durch die Erfahrung der Vergangenheit können wir die Gegenwart verstehen. Doch wir müssen wider das Vergessen neue Zielgruppen finden. Wir müssen an die Jugendlichen, an die Älteren von morgen ran. Und wir können nicht erwarten, dass sich die jungen Leute in eine Knappenuniform zwängen oder sich Knappenchören anschließen. Wir müssen andere Wege finden.

Welche Wege sind das?

Kehren: Derzeit sind Jugendliche mit der Aufarbeitung der paläontologischen Sammlung der RWTH Aachen beschäftigt. Wir versuchen, 18-, 19-, 20-Jährige dazu zu gewinnen, sich als Führer für unser Museum ausbilden zu lassen. Wir arbeiten auch an einem Filmprojekt, in dem sich Jugendliche mit ihrer Heimat auseinandersetzen – das Motto: Suche vor Deiner Haustüre Deine eigene Geschichte. Es geht um Identifikation mit der eigenen Region und letzten Endes dann auch mit der Bergbautradition. Nur wenn ich weiß, dass meine Stadt, mein Elternhaus im Bergbau wurzeln, vielleicht nur so entstanden sind, kann ich ein Bewusstsein schaffen.

Sind in den vergangenen Jahrzehnten Fehler bei der Schaffung eines adäquaten Bewusstseins gemacht worden?

Kehren: Sicherlich. Nehmen wir doch nur den Eschweiler Bergwerksverein EBV als Betreiber der Gruben. Die Herren waren sehr stark darauf bedacht, sehr schnell Tabula rasa zu machen: viel Geld gemacht, Laden abgeschlossen, möglichst wenig Relikte hinterlassen, und weg. Nur ein Beispiel ist die Demontage des Eduard-Schachtes, der für viele ein Wahrzeichen war und dessen Zerstörung daher für viele Alsdorfer sehr schmerzhaft war. Kurz bevor das Gerüst in den 90er Jahren unter Denkmalschutz gestellt werden sollte, wurde es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durch den EBV abgebaut. Es gab über 200 Gebäude allein auf dem Anna-Gelände. Nur durch harten Kampf konnten wenigstens einige Baudenkmäler erhalten bleiben.

Mit denen sich aber beispielsweise die Stadt Alsdorf in Teilen sehr schwer tut, eine sinnvolle Nutzung zu finden.

Kehren: In der Tat ist das ein riesiges Problem, nicht nur, aber vor allem in Alsdorf. Wir sehen das ja an anderen Großprojekten wie in Duisburg-Nord, wo ja bewusst mit dem Verfall agiert wird. Beim Weltkulturerbe Völklinger Hütte läuft es ganz anders, in Essen mit der Zeche Zollverein ebenfalls. Da ist aber ganz viel Geld im Spiel. So etwas ist in Alsdorf und den anderen Städten des hiesigen Reviers kaum realisierbar.

In der Dimension schon. Wieso werden die Kräfte nicht gebündelt, anstatt in jeder Bergbaustadt die Erinnerung mit einem eigenen Verein zu kultivieren?

Kehren: Das wäre wünschenswert gewesen, und wir sind noch nicht ganz weg von dieser Idee. Auch wenn ich mich jetzt zum Nestbeschmutzer mache: Eine Anhäufung von dezentralen, kleinen Museen, die jeweils am Existenzminimum krebsen, ist kaum tragbar. Vor diesem Hintergrund sind wir derzeit dabei, eine Art Zentrum zu schaffen – zusätzlich und nicht als Konkurrenz zum derzeit nebenan entstehenden Energeticon, das als Dokumentationszentrum für fossile und regenerative Energieformen im Sommer 2014 öffnen soll. Wir versuchen, verschiedene Vereine zu bündeln, indem wir zum Beispiel wieder die Bibliothek der Bergbauschule zu Aachen mit 12 000 Bänden der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Gleichzeitig wollen wir unsere Archive konzentrieren und sehen uns schon als künftiges Archiv für die Region. Wir alleine verfügen über 5000 Exponate aus der Sozialgeschichte Alsdorfs. Zudem begleiten wir in Zusammenarbeit mit dem Energeticon das Lehrbergwerk – ein tolles und wichtiges Projekt. Und in die Aktivitäten wollen wir die anderen Vereine einbeziehen.

Machen die Kollegen denn mit?

Kehren: Ja! Denn wir vereinnahmen sie nicht. Die sollen nicht ihren Laden dicht machen und zu uns kommen. Wir wollen ein Zentrum in Kooperation mit den Kollegen in Hückelhoven, Aldenhoven, aber auch über die Grenzen hinweg in Heerlen und Kerkrade schaffen, das als Anlaufstelle und auch als Koordinationsstelle für gemeinsame Aktionen dient. Dabei sollen die wenigen Vereine, die noch aktiv sind, unbedingt erhalten bleiben.

Sehen Sie nicht den EBV und das Land in der Pflicht, sich stärker an dem Erhalt der Bergbautradition finanziell zu beteiligen?

Kehren: Es wäre natürlich wünschenswert, vom EBV mehr Unterstützung zu erhalten – etwa beim Aufbau eines Zentrums für die Montangeschichte dieser Region. Aber es sitzen inzwischen Menschen im Vorstand der EBV-Nachfolgegesellschaften, die keine Affinität mehr haben zu dieser Region, zum Bergbau. Die machen ihr Geld inzwischen in ganz anderen Bereichen. Und das Land hat seinerzeit klipp und klar gesagt: Ein reines Bergbaumuseum wird nicht mehr gefördert. Schade. Schließlich ist das Aachener Revier die älteste Bergbauregion des Landes, viel älter als das Ruhrgebiet. Aber wir sind froh, dass dem Bergbau im ­Energeticon nun doch mehr Raum gegeben wird, als zwischenzeitlich geplant. Und das Energeticon wird ja schließlich mit Millionen aus öffentlichen Töpfen gefördert. Aber auch wir erhalten für kleinere Projekte Fördergelder. Das ist für uns absolut wichtig. Aber Gelder, das wissen Sie, reichen nie.

Ist denn die Erinnerungskultur ausreichend?

Kehren: Auch das reicht nie aus. Aber wir arbeiten daran, etwa mit der Barbara-Kapelle. Vielleicht hat die Religiosität nicht mehr den Stellenwert wie vor 30, 40 Jahren, vielleicht hat die Barbara nicht mehr die Funktion wie für die Bergleute unter Tage als Schutzheilige für christliche und nichtchristliche Kumpel gleichermaßen, die hier ihren Tribut gezollt haben. Aber ich halte es für wichtig, solche Formen der Tradition zu vermitteln.

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