Die Kinder von Geffen: Freunde von 1949 gesucht

Von: Lukas Weinberger
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Blick auf die Geffener Kirche: Rund um das Jahr 1949 sah es in dem Ort im Herzen der Niederlande wie auf dieser historischen Aufnahme aus.
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Enge Freundschaften geknüpft: Die deutschen Kinder lebten vier Monate im niederländischen Geffen.

Aachen/Geffen. Wir schreiben das Jahr 1949. Die Bundesrepublik Deutschland wird ebenso wie die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Wegweisende Veränderungen waren das allemal. Für rund 30 Kinder aus der Region rund um Aachen und Mönchengladbach dürfte jedoch ihr persönliches Schicksal just in diesem Jahr weitaus einschneidendere Erlebnisse mit sich gebracht haben: Zwischen sieben und zehn Jahre sind sie gerade erst alt, da müssen sie von Zuhause fort ...

Die Geschichte dieser Kinder ist in groben Zügen schnell erzählt: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland am Boden, Lebensmittel waren knapp, Familien lebten in Armut. Kein ideales Umfeld für Heranwachsende. Lösungen mussten her. Lösungen wie die Verschickung von Kindern ins benachbarte Ausland. Nicht für immer, aber immerhin für einige Monate. Ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde. Ziel war es, sie nach den beschwerlichen Kriegsjahren wieder aufzupäppeln. „Solche Aktionen waren in der damaligen Zeit gang und gäbe und breit angelegt“, erklärt der Aachener Historiker Rüdiger Haude, der sich seit Jahren mit den deutsch-niederländischen Beziehungen in Zeiten der Weltkriege beschäftigt.

Und so geht es 1949 auch für die Kinder aus Aachen und Mönchengladbach weg aus der Heimat: Zielort Geffen, im Herzen der Niederlande, rund 150 Kilometer nördlich von Aachen, 2000 Einwohner. Die Kinder leben überwiegend bei Bauernfamilien, gehen ihren Gastgebern bei der täglichen Arbeit auf dem Feld und im Stall zur Hand. Herausgefunden hat das Ruud Verhagen. Der Mitarbeiter des Geffener Museums „De Peperbus“ hat sich durch Archivmaterial gewühlt – und einiges über die Kinder aus der Region und ihren Aufenthalt in Geffen zu Tage gefördert.

Ungewöhnlich später Zeitpunkt

Organisiert wurde die Verschickung der Kinder in die Niederlande 1949 von der Kirche, abgewickelt wurde die Aktion auf niederländischer Seite vom „Nederlandsche R. K. Huisvestigs­comité“. „Dass diese Verschickungen von der Kirche eingefädelt wurden, war in der damaligen Zeit die Regel“, erklärt Rüdiger Haude.

Eher ungewöhnlich ist am Aachener Fall etwas anderes: der späte Zeitpunkt der Verschickung im Jahr 1949. Schließlich hatte Deutschland damals schon wieder deutlich sichereren Stand gefunden, die schlimmsten Jahre waren bereits überstanden. Warum die Aachener und Mönchengladbacher Kinder aber dennoch in diesem Jahr ins Ausland geschickt worden sind? „Die Verschickungen hatten sich damals wohl bereits so sehr etabliert, dass man nicht darauf verzichtet hat“, mutmaßt Historiker Haude.

„Die deutschen Kinder sind rund vier Monate in Geffen geblieben“, hat Ruud Verhagen weiter herausgefunden. Enge Freundschaften seien währenddessen zwischen den deutschen und niederländischen Kindern entstanden. Es gibt zahlreiche erhaltene Fotos, die genau das belegen. Und in der ersten Zeit nach der Rückkehr der deutschen Kinder in ihre Heimat habe es durchaus regen Kontakt zwischen beiden Seiten gegeben, sagt Museumsmitarbeiter Verhagen. Der habe sich in der Folge jedoch mehr und mehr verloren. „Und seit einigen Jahren gibt es leider gar keinen Kontakt mehr.“

Das soll sich nun ändern, es soll ein großes Wiedersehen geben: Ruud Verhagen sucht Kontakt zu den Kindern, die 1949 in Geffen gelebt haben (siehe Infobox). „Wir wollen sie im kommenden Jahr einladen“, erläutert Verhagen seine Zukunftspläne. Sie sollen mit den Familien, bei denen sie damals gelebt haben, vereint werden, alte Freundschaften auffrischen, sich austauschen, in Erinnerungen schwelgen.

Geplant ist weiterhin eine größere Ausstellung mit Erinnerungsstücken aus der vergangenen Zeit. Zudem will der Museumsmitarbeiter ein Buch schreiben. Verhagen will festhalten, wer die Kinder waren, wie es ihnen in Geffen ergangen, was danach mit ihnen passiert ist. „Die Kinder können sicher viele Geschichten erzählen“, sagt er. „Die Zeit in den Niederlanden dürfte sie schließlich geprägt haben.“

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