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Die „Killer von Brabant“: Neue Spur nach 29 Jahren

Von: Ulrich Simons
Letzte Aktualisierung:
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Eigenbrakel, 27. September 1985: Im örtlichen Delhaize töten die Killer bei ihrem Überfall drei Kunden. Weil ihnen die Beute von umgerechnet rund 5000 Euro möglicherweise zu wenig ist, überfallen sie nur eine eine halbe Stunde später den Delhaize in Overijse. Dort sterben fünf Menschen. Foto: picture alliance/Belga
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Gesucht, aber nie gefunden: Mit diesen Phantombildern jagte die Polizei die „Killer von Brabant“ – erfolglos. Foto: picture alliance/Imageglobe

Brüssel. Sie schießen auf alles, was sich bewegt. Beim blutigsten Überfall der „Killer von Brabant“ auf einen Delhaize-Supermarkt in Aalst westlich von Brüssel sterben am 9. November 1985 innerhalb von 20 Minuten acht Menschen, darunter ein zwöfjähriger Junge. Die Täter des Massakers entkommen unerkannt.

Jetzt glaubt die belgische Polizei, mit der Verhaftung eines 68-Jährigen aus Hennegau südlich von Brüssel einen wichtigen Schritt bei ihren Ermittlungen weitergekommen zu sein. Nach 29 Jahren.

Belgien, Herbst 1985: Ein Land steht unter Schock: Seit Ende September terrorisiert eine Verbrecherbande mit ungewöhnlicher Professionalität und Brutalität die Region südlich der Hauptstadt.

Vieles deutet bei der Ausführung der Taten darauf hin, dass es sich um dieselbe Gruppe handelt, die bereits in den Jahren 1982/83 mit einer Serie von mindestens 13 Überfällen eine blutige Spur durch die Provinz Brabant gezogen und dabei zwölf Menschen kaltblütig ermordet hatte. Im Dezember 1983 hatten die „Killer von Brabant“ plötzlich ihre Überfälle eingestellt. Fast zwei Jahre herrscht trügerische Ruhe. Im September 1985 geht es wieder los.

Während in der ersten Raubserie kein System zu erkennen war, scheint sich die Bande jetzt auf Supermärkte der Kette Delhaize zu konzentrieren. Am 27. September 1985 sind gleich zwei Filialen im Abstand von nur einer halben Stunde ihr Ziel. Im ersten Delhaize in der Brüsseler Vorstadt Eijgenbrakel sterben drei Menschen, im zweiten Supermarkt in Overijse gibt es fünf Tote. Zwei Menschen werden dort verletzt, einer davon lebensgefährlich. Die Beute: etwas mehr als eine Million belgische Francs, nach damaligem Wechselkurs rund 60.000 D-Mark, heute etwa 30.000 Euro.

Karnevalsmasken und Gewehre

Die Täter können wieder einmal unerkannt entkommen. Nach Zeugenaussagen soll es sich in beiden Fällen um vier Männer gehandelt haben, die sich mit Karnevalsmasken getarnt hatten und mit in Belgien frei verkäuflichen Jagdgewehren wahllos um sich schossen.

Augenzeugen berichten, dass die Gangster zu viert den Supermarkt in Eijgenbrakel betraten und sofort einen etwa 13-jährigen Jungen als Geisel nahmen. Dann teilte sich die Gruppe. Zwei der Täter gingen mit einer Kassiererin ins Büro, die beiden anderen plünderten die Kassen, wobei sie eine Kassiererin zwangen, ihnen zu helfen.

Die Kunden müssen sich auf den Boden legen. Ein Mann, der der Aufforderung der Räuber nicht schnell genug nachkommt, bezahlt dafür mit seinem Leben.

„Anschließend“, so damals ein Polizeisprecher zum weiteren Tatverlauf, „stürmten die Täter wild um sich schießend aus dem Supermarkt und erschossen dabei einen weiteren Mann, der ahnungslos in seinem Wagen saß und vor dem Supermarkt geparkt hatte, während seine Frau drinnen einkaufte.“

„Entenhagel-Munition“

Waren die Gangster mit der Höhe ihrer Beute, umgerechnet nur knapp 5000 Euro, unzufrieden? Beim zweiten Überfall in Overijse, nur eine knappe halbe Stunde später, schlagen die Verbrecher noch brutaler zu. Auch hier das gleiche Muster: Karnevalsmasken und Jagdgewehre, geladen mit Schrotpatronen. Die Belgier nennen sie „Entenhagel-Munition“.

Schon bei der Ankunft auf dem Parkplatz eröffnen die Verbrecher das Feuer. Ein 13-jähriger Junge, der zufällig mit seinem Fahrrad vorbeikommt, wird ihr erstes Opfer. Im Supermarkt selbst töten die Gangster eine Kassiererin. Ein vor Angst am Boden kauernder Kunde wird vor den Augen der Anwesenden kaltblütig erschossen.

Ein Augenzeuge berichtet später: „Was ich da gesehen habe, werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen können. Als die Täter weg waren, überall Schreie, hysterische Kassiererinnen, Menschen, die in ihrem Blut lagen. Da er realisierte ich, welch ein Drama sich hier abgespielt haben musste. Bis zu diesem Moment habe ich immer geglaubt, die schießen nur um sich, um uns Angst einzujagen.“

Eine ganze Provinz in Angst

In der Provinz Brabant herrscht spätestens jetzt die blanke Angst. Die Menschen vermeiden es, am Abend noch einen der großen Supermärkte zu betreten, die bis 20 Uhr geöffnet haben. Im Laden ist die Anspannung zum Greifen, Kunden beäugen sich schon auf dem Parkplatz voller Misstrauen. Aus Sicherheitsgründen werden sie aufgefordert, nach Möglichkeit nur noch mit Schecks zu bezahlen.

Das Massaker von Aalst knapp 14 Tage später ist der letzte von mindestens 16 Überfällen in einem Zeitraum von vier Jahren, die der Bande zur Last gelegt werden 27 unbeteiligte Menschen und zwei Polizisten verlieren in dieser Zeit ihr Leben, 20 werden zum Teil schwer verletzt.

Nach dem Überfall von Aalst am 9. November 1985 verschwindet die „Bande von Nijvel (Nivelles)“, wie sie in den Medien seit dem Überfall auf ein Lebensmittelgeschäft in Nijvel/Nivelles auch genannt wird, spurlos von der Bildfläche. Es gibt Spekulationen, dass möglicherweise einer der Anführer von der Polizei getroffen wurde und seine Verletzungen nicht überlebt hat.

Der Mann, der jetzt in Hennegau festgenommen wurde, war 1997 schon einmal ins Visier der Ermittler geraten. Anhand von Phantombildern, die die Polizei nach Zeugenangaben gefertigt hatte, waren die Verfolger damals auf ihn aufmerksam geworden. Eine Verbindung zur Bande beziehungsweise zu den Überfällen konnten sie ihm allerdings nicht nachweisen, sodass sie ihn schließlich wieder freilassen mussten.

In der vorigen Woche klickten für den mehrfach Vorbestraften erneut die Handschellen. Der Tip soll von einem Mann aus Südfrankreich gekommen sein. Der wollte gehört haben, dass der Mann aus Hennegau an den Raubüberfällen beteiligt gewesen sein soll. Jetzt sitzt er in U-Haft.

„Riese“, „Killer“, „Alter“

Jahrzehnte lang hatten die Behörden im Dunkeln getappt, ohne zu wissen, wen und wo sie überhaupt suchen sollten. Nicht einmal die Identität der Schwerverbrecher hatten die Verfolger herausbekommen. Lediglich unter ihren Spitznamen „der Killer“ (er tötete 23 der 29 Opfer), „der Riese“ und „der Alte“ hatten die drei Köpfe der Bande weit über die Region hinaus fragwürdige Berühmtheit erlangt.

Schlimmer noch: Die mit dem Fall befassten Ermittler warfen sich am Ende gegenseitig Fehler und schlampige Arbeit vor. Wilde Verschwörungstheorien schossen ins Kraut. Angeblich soll die Bande „von höherer Stelle“ gedeckt worden sein. Wollte jemand durch die scheinbar wahllosen Taten gezielt das Land destabilisieren?

Unstreitig ist, dass die Verbrechen der „Killer von Brabant“ heute neben dem Fall des Kinderschänders Marc Dutroux als spektakulärste Kriminalfälle der belgischen Nachkriegszeit gelten.

In einem Wald bei ‘s Gravenbrakel/Braine-le-Comte südlich von Brüssel werden 2004 einige verlassene Waffen, Edelsteine und Kleidungsstücke gefunden. Es ist der gleiche Wald, in dem 1985 die drei Hauptverdächtigen zum letzten Mal gesehen wurden.

Im November 2015 verjährt

Die belgische Staatsanwaltschaft dämpfte nach einem Bericht des „Limburgs Dagblad“ auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche in Charleroi voreilige Erwartungen. Die Ferstnahme sei ein wichtiger Schritt bei den Ermittlungen, aber ob es auch der Durchbruch ist, sei noch fraglich.

Wenn es der entscheidende Hinweis gewesen sein sollte, ist er gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Im November nächsten Jahres, 30 Jahre nach der letzten Tat, verjähren nach belgischem Recht die Verbrechen.

Christian de Valkeneer, Generalstaatsanwalt in Lüttich, fürchte, dass es dadurch nicht mehr zu einer Anklage kommt, berichtet die Zeitung weiter. Er habe daher angeregt, die Verjährungsfrist von 30 auf 40 Jahre anzuheben. Die neue Regierung möge sich bitte unverzüglich darum kümmern.

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